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Kultur

Schule der Hoffnung

Sie ist mehr als eine Schule. Sie ist ein Ort, an dem Kinder aus verschiedenen Kulturen sich begegnen und gemeinsam lernen können. Mit deutscher Unterstützung. Ein Besuch in der Schneller-Schule in Amman.

Schneller-Schule in Amman/Jordanien, wo mit deutscher Hilfe traumatisierte und arme Kinder unterrichtet werden. *** Bild: Doris Bulau DW Februar 2010

Die erste Klassse

Samir, Basri und Suheib toben ausgelassen und fröhlich über den Hof. "Guten Morgen! Wie geht es Dir? Ich bin neun Jahre alt und besuche die 4. Klasse", rufen sie dem Besuch aus Deutschland auf Deutsch entgegen - es klappt schon ganz gut mit ihren frisch erworbenen Sprachkenntnissen. In der Theodor-Schneller-Schule am Stadtrand der jordanischen Hauptstadt Amman spielt der Deutsch-Unterricht eine wichtige Rolle. Von der ersten Klasse an steht das Fach auf dem Stundenplan - das ist nicht einfach, wenn man bedenkt, dass Samir, Basri, Suheib und all die anderen aus den ärmsten Verhältnissen kommen: Sie sind Christen oder Muslime, Flüchtlinge aus dem Irak oder Kinder aus dem benachbarten palästinensischen Lager Hatrin, wo mehr als 120.000 Menschen in schlimmer Armut, ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Müllentsorgung leben.

Fast alle Kinder hier sind vernachlässigt worden, manche haben sich irgendwo auf den Straßen als kleine Bettler durchgeschlagen, viele sind Waisen. Dass sie hier lernen und eine Ausbildung machen dürfen, ist für sie ein unfassbares Glück, die Möglichkeit, einem Leben zu entkommen, das keine Chancen für sie bereit hielt. "Das sind alles Schicksalskinder", formuliert Musa Al Munaizal, der pädagogische Leiter.

Traum von der Zukunft

Der 17-jährige Mohammad zum Beispiel, einer von elf Geschwistern einer Großfamilie. Aggressiv, gewaltbereit und voller Misstrauen ist er vor einigen Jahren in die Schneller-Schule gekommen. Heute ist er ein freundlicher junger Mann, hat inzwischen einen Schulabschluss und lernt jetzt mit Holz zu arbeiten. Mohammad will Tischler werden. "Ich träume von einer eigenen Werkstatt, wo ich schöne Möbel schreinern kann - in Amman, aber ganz bestimmt nicht in Hatrin." Neben der Schreinerei gibt es auch eine Schlosserei und einer Autowerkstatt, die Ausbildung dauert zwei Jahre. Am Ende erhalten die Azubis ihren Gesellenbrief. Bislang ist dieser praktische Teil den Jungen vorbehalten.

Azubis in der Autowerkstatt Theodor-Schneller- Schule in Amman/Jordanien, wo mit deutscher Hilfe traumatisierte und arme Kinder unterrichtet werden. *** Foto: Doris Bulau Deutsche Welle, Februar 2010

Azubis in der Autowerkstatt

Doch in einigen Jahren sollen auch Mädchen an der Schneller-Schule ausgebildet werden: zu Sekretärinnen mit Computerkenntnissen, als Friseurin oder Köchin. Die erste Mädchengruppe ist bereits an der Schule - freilich noch im Kindergartenalter. Das pädagogische Erfolgsrezept für die rund 100 Schüler und Auszubildenden heißt: Geborgenheit vermitteln. Selbstbewusstsein stärken. Gewalt und Aggression umwandeln in kreative Energien. "Wer sich selber nur negativ empfindet, entfaltet selbstzerstörerische Kräfte", erklärt John Smith, der Leiter des neu eingerichteten Traumazentrums. Hier sollen sich künftig Studenten und Lehrer weiterbilden. Friedenspädagogen aus Deutschland werden als Dozenten verpflichtet.

Aufgefangen werden

Vieles an der Schneller-Schule ist für den Nahen Osten außergewöhnlich. Der Streichelzoo mit Hasen, Kätzchen und Hunden. Der "Garten der Sinne" mit seinen Pflanzen und Kräutern, die man riechen, tasten und fühlen kann. Der erste pädagogische Hochseilgarten zum Beispiel, in dem traumatisierte Kinder Taue hoch klettern und sich von oben fallen lassen können. In die offenen Arme ihrer Gruppe. "So bekommen sie allmählich Vertrauen, das sie schon längst verloren hatten", erläutert Musa Al Munaizal. "Wir brauchen hier eine neue Form von Pädagogik, unsere veralteten Konzepte bringen nichts. Diese Kinder sind in den letzten Jahren pädagogisch und psychologisch einfach vergessen worden." Kinder und Jugendliche lernen hier auch, Verantwortung zu übernehmen. Werkstätten, Schulräume, Spielplätze, Kräutergarten oder Streichelzoo werden in eigener Regie sauber gehalten.

Blick in den Klassenraum. Theodor-Schneller- Schule in Amman/Jordanien, wo mit deutscher Hilfe traumatisierte und arme Kinder unterrichtet werden. *** Bild: Doris Bulau. Deutsche Welle, Februar 2010

Im Klassenraum

Spenden erwünscht

Direktor Ghazi Musharbash geht gerne auf dem Schulgelände spazieren - durch den weitläufigen Olivenhain, zwischen den sehr gepflegten Werkstätten, den Schulgebäuden und dem Gästehaus mit den Tagungsräumen. "Wir könnten gut und gerne noch zwei oder drei weitere Schneller-Schulen bauen, aber dazu fehlt uns das Geld. Unser nächstes Ziel ist aber auf jeden Fall ein Cateringservice. Damit können wir vielleicht Gesellschaften, Hochzeiten oder große Familienfeste beglücken. Wir haben hier einen prima Koch, der die Ausbildung übernimmt."

So hätte die auf Spenden angewiesene Schule zusätzliche Einnahmen. Der größte Teil der Kosten wird durch Spenden und Kirchensteuermitteln aus Deutschland und der Schweiz getragen. Gelegentlich unterstützt die Deutsche Botschaft in Amman ein Projekt. Und trotzdem: Die Schule der Hoffnung kann, auch 50 Jahre nach ihrer Gründung, noch jede Menge Unterstützer gebrauchen.

Autorin: Doris Bulau

Redaktion: Cornelia Rabitz