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Aktuell Europa

Schuldspruch im Prozess um britischen Abhörskandal

Heimlich haben Reporter eines Boulevardblatts die Telefone britischer Prominenter angezapft, um an Top-Storys zu kommen. Jetzt wurde ihr ehemaliger Chefredakteur verurteilt - und Premier Cameron entschuldigt sich.

Im Prozess um die Abhörpraktiken des eingestellten britischen Boulevardblatts "News of the World" ist der frühere Chefredakteur Andy Coulson in mindestens einem Punkt schuldig gesprochen worden. Seine Vorgängerin auf dem Posten, Rebekah Brooks, wurde in dem Verfahren in London dagegen in allen elf Anklagepunkten freigesprochen.

Der Urteilsspruch der Jury fiel nach mehrtägigen Beratungen, der Prozess erstreckte sich über 130 Verhandlungstage. Die Jury am Londoner Strafgerichtshof Old Bailey befand, Coulson habe von den Abhöraktionen gewusst und nichts dagegen unternommen. Ihm droht nun eine Haftstrafe.

Als Reaktion darauf hat Ministerpräsident David Cameron in einer voraufgezeichneten Fernsehansprache "umfassend und aufrichtig" um Entschuldigung gebeten. Es sei die falsche Entscheidung gewesen, den ehemaligen Chefredakteur Coulson nach dessen Abschied von der Spitze der Zeitung als Regierungssprecher eingestellt zu haben.

Premierminister David Cameron (Foto: AP/dapd).

Leistet Abbitte: Premierminister David Cameron

Hohe Wellen im Königreich

Der Skandal hatte hohe Wellen geschlagen und im Juli 2011 zur Schließung des Boulevardblattes "News of the World" geführt. Insgesamt sollen mehr als 600 Mobiltelefone und Anrufbeantworter von Schauspielern, Mitgliedern des Königshauses und Politikern abgehört worden sein. Die Reporter hatten auch die Mailbox eines ermordeten Kindes angezapft und durch das Löschen von Nachrichten dessen Eltern den Eindruck vermittelt, die Vermisste könnte noch leben.

Coulson hatte im April zugegeben, die Bestechung eines Polizisten gebilligt zu haben. Der Vorfall liegt elf Jahre zurück: Damals bat der ehemalige Palastreporter Clive Goodman um Zustimmung, einem Polizisten ein Telefonbuch der Königsfamilie für tausend Pfund (heute etwa 1250 Euro) abkaufen zu dürfen. Trotz der Warnung, dies könne die Betroffenen auf die Anklagebank bringen, gab Coulson nach eigenen Angaben grünes Licht.

Nähe zum Regierungschef

Nachdem Reporter Goodman wegen des Abhörens von Promi-Telefonaten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war, verließ Coulson im Jahr 2007 die "News of the World". Der Ex-Chefredakteur fand im Kommunikationsteam von Premier Cameron einen neuen Job. Cameron hatte seinerzeit dem Parlament versprochen, sich öffentlich zu entschuldigen, falls sich herausstellen sollte, dass Coulson doch von den Abhörmaßnahmen wusste.

Da der Skandal und die Praktiken der Zeitung die Öffentlichkeit weiter beschäftigten, sah sich Coulson im Jahr 2011 gezwungen, als Camerons Pressesprecher zurückzutreten. Coulsons Nähe zum Regierungschef verlieh der Affäre besondere Brisanz. Als Konsequenz aus dem Skandal wurde eine Reform des britischen Presserechts angestrebt. Sie ist noch immer nicht vollendet.

jj/se (dpa, afp, rtr)