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Wirtschaft

Schuldenschnitt: 50% sind nicht die Hälfte

Ein Schuldenschnitt von 50 Prozent wurde auf dem EU-Gipfel in Brüssel als großer Durchbruch gefeiert. Das heißt jedoch nicht, dass sich Griechenlands Schulden halbieren.

Eine griechische Ein-Euro-Münze steht für eine Fotoillustration auf einer Flagge der Europäischen Union (EU) (Foto: Steffi Loos/dapd)

Die Staatsschulden Griechenlands belaufen sich insgesamt auf rund 350 Milliarden Euro. Davon werden mehr als 200 Milliarden Euro von privaten Gläubigern gehalten, vor allem Banken. Der Rest verteilt sich auf die Europäische Zentralbank, die Staaten der EU, den IWF und andere Staaten.

Der in Brüssel betroffene Schuldenschnitt betrifft nur die privaten Gläubiger, also Banken, Versicherungen und andere Finanzhäuser. Sie haben diesem teilweisen Schuldenerlass nach langen Verhandlungen "freiwillig" zugestimmt.

Schreckgespenst Versicherungsfall

Josef Ackermann von der Deutschen Bank ist auch Vorsitzender des Bankenverbandes IIF (Foto: Karlheinz Schindler)

Vorsitzender des IIF: Josef Ackermann, Deutsche Bank

Die Freiwilligkeit war ein wichtiger Punkt in den Verhandlungen beim EU-Gipfel. Denn ein Schuldenschnitt ohne Zustimmung des Gläubigers hieße, dass abgeschlossene Versicherungen für den Kreditausfall (CDS) in Kraft treten müssten.

CDS sind unregulierte und frei handelbare Finanzprodukte, die wie eine Versicherung funktionieren. Es ist nicht genau bekannt, welche Institute wie viele dieser Papiere halten und im Schadensfall anderen die volle Summe ihrer Ausfälle erstatten müssten. Deshalb befürchten viele eine große Finanzkrise, sollte der Versicherungsfall eintreten.

Das letzte Wort hat dabei das Entscheidungskomittee der International Swaps and Derivatives Association (ISDA) in New York. Allerdings müsste ein Halter von griechischen Staatsanleihen bei dieser Behörde zuvor ein Urteil beantragen. "Kein Marktteilnehmer hat bisher einen solchen Antrag gestellt", teilte die ISDA am Montag (31.10.2011) mit.

Vorerst bleibt es also beim freiwilligen Schuldenschnitt für den Privatsektor. Die Details müssen in den nächsten Wochen ausgehandelt werden, und zwar von den Mitgliedern des Institute of International Finance (IIF), der weltweiten Vereinigung von Finanzinstitutionen.

Am Dienstag (01.11.2011), einen Tag nach der Ankündigung von Griechenlands Premierminister Papandreou, das Volk direkt über die Sparbeschlüsse entscheiden zu lassen, bekräftigte der Bankenverband IIF seine Bereitschaft zum geplanten Schuldenschnitt von 50 Prozent.

Schuldenerlass im besten Fall 30 Prozent

Proteste in Griechenland: harte Sparauflagen, geringer Schuldenerlass?(Foto:Petros Giannakouris/AP/dapd)

Proteste in Griechenland: hartes Sparen, geringer Erlass?

Banken, Versicherungen und andere Finanzhäuser müssten dann die Hälfte ihrer griechischen Staatspapiere abschreiben. Das wären rund 100 Milliarden Euro. Bezogen auf die gesamten griechischen Staatsschulden entspricht das weniger als 30 Prozent.

Allerdings sind es griechische Banken und Finanzhäuser, die auf einem großen Teil der Staatsschulden sitzen. Nach Angaben des Bankenverbands halten sie fast 80 Milliarden Euro an griechischen Staatsanleihen.

Allerdings sind viele griechische Institute selbst so angeschlagen, dass fraglich ist, ob sie eine Halbierung der Schulden finanziell überleben könnten.

"Die griechischen Banken bräuchten nach einem Schuldenschnitt zwischen elf und 14 Milliarden Euro frisches Kapital, um geschäftsfähig zu bleiben", schreibt der Analyst Peter Leotsakos im Online-Finanzportal Bankingnews.gr. "Diese Summe würden sie auf den Märkten nicht erhalten. Deshalb müssten die Banken vom Rettungsfonds EFSF übernommen werden, bis neues Kapital aufgetrieben werden kann", so Leotsakos.

Die International Swaps and Derivatives Association weist darauf hin, dass sich nicht alle Banken automatisch am Schuldenschnitt beteiligen müssen: "Soweit wir wissen, ist eine Umschuldung der Staatsanleihen freiwillig und nicht für alle Halter von Anleihen bindend", schreibt die ISDA auf ihrer Webseite.

Wenn griechische Institute nun mit Verweis auf ihre eigene prekäre Situation gar keine Abschreibungen auf griechische Anleihen machen können, reduziert sich auch die Summe, die dem Land erlassen würde. Betroffen wären dann nur noch 120 Milliarden Euro (200 Mrd. Anleihen in privater Hand minus 80 Mrd. bei griechischen Instituten).

Vielleicht nur sieben Prozent?

Will ein Referendum: Premierminister George Papandreou (Foto:Thanassis Stavrakis/AP/dapd)

Will ein Referendum: Premier Giorgos Papandreou

Ein Schuldenschnitt von 50 Prozent darauf bedeutet, dass Griechenland nur rund 60 Milliarden Euro erlassen werden. Das sind gerade einmal 17 Prozent der gesamten Staatsschulden.

Die Summe könnte sich sogar noch weiter verringern, weil dem internationalen Bankenverband IIF gar nicht alle privaten Besitzer griechischer Staatsanleihen bekannt sind. "Mehr als 75 Milliarden Euro können wir keinem Halter zuordnen", so der IIF gegenüber DW-WORLD.DE.

Der Bankenverband kann nun aber nicht über einen Schuldenschnitt auf Papiere verhandeln, deren Halter er nicht kennt. Zöge man auch diese Anleihen von den gesamten Schulden in privater Hand ab, bliebe am Ende nur ein Schuldenerlass von rund 23 Milliarden Euro. Das sind weniger als sieben Prozent der griechischen Gesamtschulden.

Wie es weitergeht, hängt jedoch zunächst von den Entwicklungen in Griechenland ab. Durch die Ankündigung eines Referendums werden die Detailplanungen "nun verzögert, schlimmstenfalls auf Eis gelegt", teilt der Bundesverband deutscher Banken mit. Zudem sei völlig unklar, was passieren würde, wenn die griechische Bevölkerung das Hilfspaket ablehnt.

Autor: Andreas Becker
Redaktion: Zhang Danhong

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