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Wirtschaft

Schulden über Schulden

Der jetzige Krieg wird Folgen für den Irak haben. Doch auch zwölf Jahre Sanktionen haben ihre Spuren hinterlassen. Nicht nur bei den Menschen, auch in der irakischen Wirtschaft. Der Wiederaufbau wird teuer.

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Kinder in Trümmern bei Bagdad

Auch wenn der Irak-Krieg noch andauert, wird das Thema Wiederaufbau bereits heftig diskutiert. Nach US-Plänen soll er unter die Federführung Washingtons gestellt werden. Deutschland, Frankreich und Russland sowie die Mehrheit der UN-Mitglieder verlangen hingegen, dass die Nachkriegsordnung im Irak unter dem Dach der Vereinten Nationen (UN) gestaltet wird. Eines ist jedoch schon klar, der Wiederaufbau des Iraks – auch der der Wirtschaft – wird teuer.

"Wir brauchen zehn bis fünfzehn Jahre"

Es seien Summen in Milliarden-Höhe notwendig, um das Land wieder aufzubauen, meint der irakische Oppositionelle Kazem Habib. Er ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und lebt derzeit in Berlin. Seiner Ansicht nach wird es lange dauern, bis der Irak auf eigenen Beinen stehen kann: "Ich glaube, der Irak braucht ungefähr 400 bis 500 Milliarden Dollar, um den Wiederaufbau abzuschließen. Und es geht nicht nur um ein oder zwei Jahre, sondern wir brauchen zehn bis fünfzehn Jahre. Das ist eine lange Zeit, und das ist viel Geld."

Denn nicht nur der jetzige Krieg, sondern auch zwei Kriege zuvor und die zwölf Jahre währenden Sanktionen haben ihre Spuren hinterlassen: Die Wirtschaft des Iraks liegt am Boden. Schon bevor die amerikanische und britische Koalition vergangenen Monat ihren Militärschlag startete, waren nach UN-Angaben rund 60 Prozent der Iraker existenziell vom "Öl-für-Lebensmittel"-Programm der Vereinten Nationen abhängig.

Zurück zum Anfang des 20. Jahrhunderts

"Die Schäden sind sehr groß im Irak. Wir hatten drei Kriege bis jetzt: Einmal der Iran-Irak-Krieg, dessen Schäden man noch beseitigen konnte. Dann der zweite Golf-Krieg 1991, der am schlimmsten war, weil der Irak überall bombardiert wurde", sagt Habib. Dann der aktuelle Krieg. "Wir sind eigentlich von der Industrie und von der Infrastruktur her zurückgeschickt worden zum Anfang des 20. Jahrhunderts."

Der Irak ist zudem hoch verschuldet: Mit Zins und Zinseszins liegen die Schulden des Landes mittlerweile bei ungefähr 450 Milliarden Dollar. Zusätzlich muss der Irak Entschädigungen für den ersten und zweiten Golf-Krieg zahlen. Habib rechnet deshalb vor: "Wir haben Schulden von 450 Milliarden Dollar. Und wenn auch der dritte Golfkrieg jetzt Schulden macht - weil die amerikanische und die englische Regierung gesagt haben: der Irak muss durch seine Erdöleinnahmen die Kriegskosten bezahlen - dann kostet das auch etwa 150 bis 200 Milliarden Dollar." Dann lägen die Schulden insgesamt bei über 600 Milliarden Dollar. "Wenn das so ist, dann können wir überhaupt nicht mit dem Wiederaufbau beginnen", sagt Habib.

"Schuld hat das Regime"

Es sei daher fraglich, ob die Erdöl-Exporte des Iraks allein ausreichen würden, um Infrastruktur und Wirtschaft des Landes zu sanieren. Dementsprechend wäre nach Habibs Ansicht ein umfassenderer Lösungsansatz wünschenswert, bei dem vor allem zwei Fragestellungen eine zentrale Rolle spielen. Erstens: Wie kann man die Schulden erlassen - weil nicht das irakische Volk an diesen Kriegen Schuld habe, sondern das Regime? Zweitens: Wie kann man eigentlich zu einem Kredit kommen? "Das Geld kann von verschiedenen Seiten kommen", meint der Wissenschaftler: "Einmal aus dem Erdöl-Export des Iraks. Zweitens von den arabischen Ländern. Und drittens aus dem Ausland, von den internationalen Institutionen oder den entwickelten Industrieländern."

Geld vom Kapitalmarkt

Volker Nienhaus, Wirtschaftswissenschaftler und Nahost-Experte an der Universität Bochum, hält es hingegen für möglich, dass der Irak das Geld für den Wiederaufbau des Landes selber bereit stellt: "Das kann aus den Einnahmen des Ölverkaufs kommen, das kann aber auch aus der Begebung einer Anleihe kommen, die am internationalen Kapitalmarkt finanziert würde", sagte Nienhaus im Interview mit DW-TV. Er gehe dabei von einem Gesamtvolumen "von rund 100 Milliarden US-Dollar aus, maximal 200 Milliarden".

Diese Summe müsste allerdings in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren aufgebracht werden. "Wir reden über eine jährliche Summe von etwa zehn Milliarden US-Dollar. Und diese am Kapitalmarkt zu finanzieren, dürfte kein Problem sein", so Nienhaus.