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Europa

Schuld bekennen und vergeben

Bedingungslose Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen nach dem 2. Weltkrieg - das will die christliche Ackermann-Gemeinde erreichen. Jetzt hat der tschechische Zweig sein 10-jähriges Bestehen gefeiert.

schwarz-weißes Foto: Soldaten der Wehrmacht in Prag (Archivfoto: dpa)

Der Zweite Weltkrieg hat viel zerstört, doch die Aussöhnung begann schon 1946

Ein Gottesdienst in einer kleinen Kapelle bei Prag. Hundert Gläubige sind hier zusammengekommen, Tschechen und Deutsche. Es sind Mitglieder der Ackermann-Gemeinde - eines christlichen Verbandes, der sich für die Aussöhnung zwischen den beiden Ländern einsetzt.

Allein 400 Mitglieder hat der tschechische Zweig des Verbandes, unter ihnen sind hochrangige Politiker und Bischöfe. Einer von ihnen ist der Prager Kardinal Miloslav Vlk. Die Ideologien - ob die kommunistische oder die nazistische - hätten in die Welt des vergangenen Jahrhunderts nur Lügen und Hass gebracht, sagt er. "Dieser Hass ist ein Teufelskreis, der sich immer weiter verstärkt", meint Kardinal Miloslav Vlk. "Der einzige Ausweg ist die Versöhnung. Einen anderen Weg gibt es nicht."

Eine Geschichte der Vergebung

Der Kardinal im Portät (Foto: AP)

Auch der Prager Kardinal Miloslav Vlk setzt sich für die Aussöhnung ein

Kurz nach der Vertreibung wurde der Verband 1946 von Sudetendeutschen gegründet. Seitdem setzt sich die Ackermann-Gemeinde für die Überwindung der Konflikte zwischen Deutschen und Tschechen ein. Erst nach der politischen Wende 1989 haben sich auch die ersten Tschechen in der Ackermann-Gemeinde engagiert. Seit zehn Jahren gibt es nun einen eigenen tschechischen Zweig.

Eine der Initiatorinnen damals war Helena Faberova. Bei ihnen in Tschechien stünden - anders als bei den Organisationen der deutschen Minderheit - die christlichen Werte im Mittelpunkt, sagt sie. Es ginge um Aussöhnung und Verständigung mit den Deutschen. "Wir versuchen deshalb, einer objektiven Diskussion Raum zu geben, in der deutsche wie tschechische Experten zu Wort kommen. Dadurch können wir den Dialog lernen", so Faberova.

Das sind ungewöhnliche Töne im deutsch-tschechischen Verhältnis, das ansonsten stark von politischen Zankereien geprägt ist. Die Emotionen schlagen - anders als bei den immer noch aufgeheizten polnisch-deutschen Beziehungen - zwar nicht so hoch, aber eine gewisse Skepsis herrscht zwischen Deutschland und Tschechien noch immer.

Jaromir Talir, der Vorsitzende der tschechischen Ackermann-Gemeinde hat selbst die Erfahrung gemacht, dass es dabei auch auf die politische Ebene ankommt. "Wenn Sie mit Bürgermeistern von kleinen Orten hier in Tschechien sprechen, dann stellen Sie fest: Die haben kein Problem damit, mit ihren Kollegen auf deutscher Seite zusammenzuarbeiten, selbst, wenn die sudetendeutscher Herkunft sind." Je höher die politische Ebene, desto schwieriger werde allerdings diese Zusammenarbeit.

Gemeinsam eine Zukunft suchen

Handschlag zweier Hände (Foto: www.BilderBox.com)

Versöhnung ist der einzige Weg

Jaromir Talir weiß, wovon er spricht. Er ist kurz nach 1989 zum Bürgermeister von Budweis gewählt worden, einem südböhmischen Ort, in dem früher viele Sudetendeutsche lebten. Inzwischen ist Talir zum stellvertretender Kulturminister in Prag aufgestiegen und kennt die politischen Befindlichkeiten auf allen Ebenen. Die einseitige und permanent wiederholte Propaganda der Kommunisten sitze in Tschechien noch tief, sagt er. Gerade im Wahlkampf liege es deshalb für viele populistischen Politiker nahe, sich der alten Ressentiments zu bedienen. Bis sich das ändere, werde es noch lange dauern - und gerade da sehe er eine Chance für die Ackermann-Gemeinde. "Es geht eben nicht darum, ununterbrochen zu versuchen, die andere Seite vom eigenen Standpunkt zu überzeugen. Es geht darum, sich die Hand zu geben, die eigene Schuld anzuerkennen und eine Zukunft zu suchen", so Talir.

Für einen Spitzenpolitiker sind das ungewöhnliche Worte, die noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen wären. Jaromir Talir ist auch deshalb ein guter Vertreter für diese Botschaft, weil er aus einer tschechischen Familie ohne deutsche Wurzeln stammt. Das Thema der Aussöhnung ist längst in breiteren Schichten angekommen als nur bei den persönlich Betroffenen - das zeigt sein Beispiel.


Autor: Kilian Kirchgeßner

Redaktion: Mareike Röwekamp

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