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Kultur

Schuld als zentrales Thema: Bernhard Schlink

Mit seinem Roman "Der Vorleser" wurde der gelernte Jurist Bernhard Schlink weltberühmt. Trotzdem ist er unter Literaturkritikern umstritten: wie menschlich dürfen Nazi-Täter dargestellt werden?

Bernhard Schlink, geboren am 6.Juli 1944 in Bielefeld, ist ein literarischer Quereinsteiger. Hauptberuflich war und blieb er nämlich stets Jurist. Nach seiner Promotion wurde er zuerst Rechtsprofessor in Bonn und Frankfurt, später dann an der Humboldt-Universität in Berlin. Von 1987 an war er außerdem als Verfassungsrichter für das Land Nordrhein-Westfalen tätig und arbeitete nach dem Mauerfall an einer Übergangsverfassung für die DDR mit.

Literarischer Quereinsteiger

Erstaunlich genug, dass dem Sohn eines Theologen neben dieser juristischen Bilderbuchkarriere überhaupt noch Zeit zum Romanschreiben blieb. Doch der äußerst disziplinierte Schlink fand sie - und versuchte sich zunächst als Kriminalschriftsteller. 1987 debütierte er mit "Selbs Justiz", dem ersten von drei Fällen seines knorrigen Privatdetektivs Gerhard Selb (68). Dieser erweist sich, wie später auch andere Schlink-Helden, allerdings als moralisch zweifelhafte Figur. Denn während des Dritten Reichs, so heißt es, war Selb ein ehrgeiziger Staatsanwalt, der selbst vor Todesurteilen gegen Regimegegner nicht zurückschreckte. Die Schatten der NS-Vergangenheit sind also auch schon in den frühen Krimis von Schlink lang.

Bernhard Schlink Filmstill aus Der Vorleser (Foto Imago Unimedia images)

Erfolgreiche Romanverfilmung: "Der Vorleser" von Schlink kam ins Kino: mit Kate Winslet und David Kross

Zentrales Thema Schuld

Gleich mit seinem ersten, nicht-kriminalistischen Roman "Der Vorleser" gelang dem schreibenden Jura-Professor dann 1995 der große Coup. Wieder ging es um die schuldhafte Verstrickung in das Nazi-Regime, diesmal allerdings deutlich drastischer, nämlich in Form einer Liebesgeschichte zwischen einem Teenager und einer Massenmörderin.

Der Gymnasiast Michael Berg ist gerade mal 15 Jahre alt, als die 20 Jahre ältere Analphabetin Hanna ihn verführt. Bei den Treffen erfreut das "Jungchen" seine Geliebte außerdem mit Lesungen aus Klassikern der Weltliteratur. Nach Jahren aber holt die Affäre Michael wieder ein: Der Jurastudent erfährt, dass ausgerechnet seine Hanna eine skrupellose KZ-Wärterin war und kann - völlig geschockt - nie wieder eine dauerhafte Beziehung eingehen.

NS-Kitsch oder Vergangenheitsbewältigung?

Eine SS-Schergin, die sich für Homer und Theodor Fontane begeistert? Einige, vor allem jüdische Intellektuelle, empfanden eine solche Figur als geschmacklose Provokation, weil Schlinks Analphabetin beim Leser eher Mitleid als Abscheu hervorrufe. Man warf dem "Vorleser" "Kulturpornografie" vor, Kitsch und Verharmlosung von Nazi-Gräueln. Seinem weltweiten Erfolg tat das keinen Abbruch. Der Roman belegte sogar in den USA Platz 1 der Bestsellerliste, wurde in 51 Sprachen übersetzt und mit der Hollywood-Schauspielerin Kate Winslet in der Hauptrolle verfilmt. Sie bekam für ihre Darstellung der Hanna 2009 einen Oscar.

Stimme der 68er-Generation

Auch Bernhard Schlink konnte die Empörung über seinen "Vorleser" nie so recht begreifen. "Wenn Täter immer Monster wären, wäre die Welt einfach", sagte er 2009 in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Statt um eine literarische Rechtfertigung der Täter, so Schlink, sei es ihm allein um die Ausleuchtung des moralischen Dilemmas gegangen, in dem sich seine Generation, die '68er, befinden würde: Einerseits müsste die sich gegen ihre Nazi-Eltern abgrenzen, andererseits wollte sie deren Verhalten aber auch verstehen.

Bernhard Schlink 2000 (Foto: imago teutopress)

Jurist und Bestsellerautor Schlink bei einer Lesung (2000)

Eine Zwickmühle, in der auch die Helden der späteren Schlink-Romane "Die Heimkehr" (2006) und "Das Wochenende" (2008) gefangen bleiben. In "Die Heimkehr" spürt der vaterlos aufgewachsene Peter zwar seinen Nazi-Vater auf, muss aber feststellen, dass dieser immer noch ein "Evangelium der Härte" vertritt. In "Das Wochenende" treffen sich Freunde eines RAF-Terroristen, der nach langer Haft freikommt, und erkennen desillusioniert, dass ihr Kampf gegen "die Mördergeneration" nicht mehr vertretbar ist.

Solide Unterhaltungsliteratur

Was aber ist das wahre, gute Leben? Um diese Gewissensfrage kreisen letztlich alle Bücher Schlinks. Er ist ein schreibender Moralist, der seine Botschaft weniger künstlerisch denn handwerklich-solide zu verpacken weiß. Und mögen sich seine Helden auch noch so sehr in Selbsttäuschungen flüchten wie in den Erzählbänden "Liebesfluchten" (2009) und "Sommerlügen" (2010): Am Ende müssen sie doch stets einer unbequemen Wahrheit ins Gesicht sehen.

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