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Politik & Gesellschaft

Schulalltag am Krankenbett

Einen Tag nicht zur Schule gehen, weil man krank ist? Viele Kinder finden das super. Doch das Lachen vergeht, wenn sie lebensbedrohlich krank und ans Krankenbett gefesselt sind. Doch für solche Kinder gibt es Hilfe.

Kinder lernen oft am Krankenbett. (Foto: dw)

In der Krebsstation der Uniklink Köln

Infusion und Chemotherapie gehören für ihre Schüler zum Alltag. Gabriele Pauli, Monika Küpper und Gabriele Stadler sind Lehrerinnen in der Kinder- und Jugendstation für Onkologie der Uniklinik Köln. Schon früh am Morgen bekommen sie von der Krankenschwester eine Liste der neuen Patienten. Je nach Krankheitsverlauf haben die Lehrerinnen jeden Tag neue Schüler. Heute stehen Mathematik, Englisch und Deutsch auf dem Plan. Englischlehrerin Monika Küpper desinfiziert sich ihre Hände, bevor sie ihre Schüler und Schülerinnen auf ihren Zimmern besucht. "Es kommt auch vor, dass wir uns mit Kittel und Mundschutz vermummen müssen - um die Kinder nicht anzustecken", sagt sie.

Ein Stück Normalität

Zum Unterricht mit Infusion. (Foto: dw)

Zum Unterricht mit Infusion

Schulen für Kranke in deutschen Kliniken helfen, die Ausbildung der Schüler fortzusetzen. Ein Ziel ist es, die spätere Wiedereingliederung in die normale Schule zu erleichtern. Schon seit mehr als 60 Jahren bringt die Uniklinik Köln ihren Patienten im Schulalter den Unterricht ans Bett. Kinder die länger als vier Wochen hier liegen, werden von den sogenannten Kliniklehrern betreut.

Gabriele Stadler ist erstaunt über die Motivation ihrer Schüler. Trotz Schmerzen und Angst finden viele immer wieder große Freude am Lernen. "Schule wird ja landläufig nicht mit Spaß verbunden", sagt sie. Im Krankenhaus ist es oft so, dass Kinder gerne lernen. "Ich denke, es liegt daran, dass sie merken: Auch für mich läuft der Alltag weiter. Das ist es, glaube ich, was den meisten Spaß macht", erklärt Gabriele Stadler.

Unterricht am Bett

Gabriele Pauli (links) und Reira üben Mathe am Bett. (Foto: dw)

Gabriele Pauli (l.) und Reira üben Mathe am Bett

Den Klassenraum im Erdgeschoß der Klinik nennen die Lehrer "Zwergen-Schule". Auf kleinen Stühlen sitzen Kinder aus verschiedenen Klassenstufen. Doch nicht jedes schafft den Weg bis ins Klassenzimmer. Mathematiklehrerin Gabriele Pauli besucht jeden Tag Kinder und Jugendliche auf den Stationen. Viele der Kinder bleiben lieber in ihren Zimmern, weil es ihnen zu lästig ist, hier runter zu kommen, sagt Gabriele Pauli. Außerdem vergehe viel Zeit, bis man sie mit ihren Infusionen ins Untergeschoss geleitet hat. Daher bevorzugt sie den Unterricht am Bett.

Die jungen Patienten leiden an Krankheiten wie Leukämie, Gehirntumor oder auch chronischen Krankheiten. Direkt nach der Diagnose wollen einige von ihnen erst nichts von Schule hören.

Anfangs lehnte auch die 16-jährige Reira aus Japan den Unterricht am Bett ab. Sie hat Leukämie und ist schon seit über einem Jahr in der Krebs-Station. Mittlerweile freut sie sich auf die Klinikschule. "Ich finde es schön hier zu sein", sagt sie. Mit dem Katheter in die Schule zu gehen, ist nicht so einfach. "Hier kann man nur drei Fächer lernen. Chemie oder Biologie muss ich selbst lernen. Deswegen verpasse ich auch ein bisschen."

Wenn die Hände keinen Stift mehr halten

Immer wieder stehen die Kliniklehrer vor besonderen Herausforderungen: Wenn etwa ein krebskrankes Kind schon körperlich nicht in der Lage ist zu lernen, wenn die Hände keinen Stift halten können. Dann sieht man die Verzweiflung in den Augen der Kinder. Die Lehrer sagen auch ihren Schülern, dass Leistung nicht an erster Stelle steht.

Neben dem Unterricht helfen sie ihren Schülern auch, die Krankheit besser zu verstehen und Ängste abzubauen, berichtet Wolfgang Oelsner, Leiter der Klinikschule.

Bildungschancen verbessern

Wolfgang Oelsner möchte Bildungschancen der Kinder verbessern. (Foto: dw)

Wolfgang Oelsner möchte die Bildungschancen der Kinder verbessern

"Wenn dieses Schwarzweiß-Denken da ist, dann ist es auch schwer zu motivieren. Es gibt dann die, die in der aktuellen Tagesverfassung so niedergeschmettert sind. Dass man auch Trauerarbeit mit den Kindern leistet", erklärt Wolfgang Oelsner. Für ihn ist Bildung ein Kulturgut, dass die Kinder in der Klinik besonders ablenkt.

Die Kinder umtreibt vor allem die Sorge, den Anschluss an ihre Heimatschule zu verpassen, nicht mehr mit den Klassenkameraden mithalten zu können. Alessa ist 14 Jahre alt. Ein bösartiger Knochentumor wurde vor einem Jahr von ihrem Schlüsselbein entfernt.

Alessa (l.) mit Lehrerin Monika Küpper im Klassenzimmer der Kinderklinik. (Foto: dw)

Alessa (l.) mit Lehrerin Monika Küpper im Klassenzimmer der Kinderklinik

Heute kommt sie fast täglich zur ambulanten Chemotherapie. Sie will sich ihre Krankheit nicht anmerken lassen, trägt lange braune Haare und lackiert sich die Fingernägel blau. Der Einzelunterricht im Krankenhaus hat für Alessa besonders viel gebracht.

Sie findet den Unterricht im Krankenhaus besonders wichtig. "Sonst hätte ich später aus meiner Klasse raus gemusst, und das wollte ich nicht", sagt sie. Die Klinikschule legt Wert auf eine enge Zusammenarbeit von Krankenhaus, Eltern und Stammschule. Kamera und Internet bringen den Schülern ihre Heimatschule und Freunde direkt ans Krankenbett, um die sozialen Kontakte zu erhalten. Der Lernstoff ist weniger wichtig.

Schule hält am Leben

Kinder brauchen Schule und sie brauchen Zukunft, betont Schulleiter Wolfgang Oelsner. "Das besondere ist, dass das Schulleben weitergehen kann, obwohl die Krankheit das Leben stark verändert. Selbst der, der weiß, dass er eine lebensbedrohliche schwere Erkrankung hat, rechnet damit: 'Wenn ich heute unterrichtet werde, werde ich morgen nicht sterben'. Denn wer unterrichtet wird, dem traut man eine Zukunft zu."

Autorin: Irem Özgökceler

Redaktion: Jochen Vock