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Alltagsdeutsch – Podcast

Schuhe

Lange ist es her, dass in der Pfalz Schuhe hergestellt wurden. Mittlerweile wird der überwiegende Teil der Schuhe in Fernost gefertigt, und von der einst blühenden Schuhindustrie in Deutschland zeugt jetzt ein Museum.

Sprecher:

Schritte. Der geübte Hörer erkennt: Da trägt jemand Ledersohlen. Doch die Sohle ist nur ein Teil des Themas dieser Sendung. Sie befasst sich mit der Fußbekleidung des Menschen, mit dem Schuh. Schuhe hinterlassen Spuren, ob im festen Sand, im Schnee, auf dem Waldboden oder aber im übertragenen Sinn. Schuhe und ihre Herstellung haben im Südwesten Deutschlands deutliche Spuren hinterlassen. In der Pfalz lag einmal das Zentrum der deutschen Schuhindustrie, erklärt Willi Schlächter, der Bürgermeister des kleinen Dorfes Hauenstein.

Willi Schlächter:

"Das passt zusammen wie zwei alte Latschen. Auf der einen Seite sind wir stolz auf unsere Schuhe, die wir uns vor mehr als hundert Jahren angezogen haben, und wir sind in diesen mehr als hundert Jahren immer wieder bei unserm Leisten geblieben. Hauenstein ist das größte Schuhdorf Deutschlands, und wir wollen auch in Zukunft bei unsern Leisten bleiben."

Sprecherin:

Als Latschen bezeichnet man einen alten, abgetragenen Schuh, zumeist einen Hausschuh. Man besitzt ihn schon lange und hat sich an ihn gewöhnt. Gerade, weil er so abgetragen – man sagt auch abgelatscht – ist, hat man ihn so lieb gewonnen. Man mag sich nicht von ihm trennen – auch dann nicht, wenn es sinnvoller wäre. Hauenstein und die Schuhherstellung, diese Symbiose kann und will man nicht mehr trennen.

Sprecher:

Zieht man sich einen Schuh an und passt dieser an den Fuß, so gibt man ihn nicht wieder her. Im übertragenen Sinne heißt es, dass man sich eine Sache zueigen macht, eine Aufgabe annimmt. Wird man ihr dann nicht gerecht, so sagen die anderen schnell: Der Schuh ist eine Nummer zu groß. Um ihnen unliebsame Überraschungen zu ersparen, rieten Generationen von Vätern ihren Söhnen: "Schuster, bleib bei deinem Leisten."

Sprecherin:

"Schuster, bleib bei deinem Leisten" – so reagierte der altgriechische Maler Apelles auf die Kritik eines Schuhmachers an einem seiner Gemälde. Er meinte: "Tue nur das, wovon du etwas verstehst und pfusche anderen nicht in ihr Handwerk!". Und wer als Kind eines Schusters aufgewachsen war, der sollte selber Schuster werden – für die Kinder von heute unvorstellbar.

O-Ton:

"Ich denke auch, dass ich lieber das mache, was ich will, und nicht, dass ich von meinen Eltern gesagt bekomme, was ich zu machen hab'."

Sprecherin:

Die Anfänge der Pfälzer Schuhproduktion liegen um 1790. Die ersten Kunden waren Waldarbeiter. Doch bald schon, erzählt Museumsführer Karl Stöbener, wurden diese selbst zu Herstellern.

Karl Stöbener:

"Die Wurzeln der Hauensteiner Industrie begannen mit Holz. Holz hatten wir ja genügend. Und dann kam die Schuhindustrie auf, und man hat dann mehr Geld verdient, und die verarbeitende Industrie mit Holz ging dann wieder zurück. Weil man halt in der Schuhfabrik gearbeitet hat. Die Waldarbeiter, natürlich, die hat man immer noch gehabt. Waldarbeiter braucht man ja. Und die haben natürlich die guten Schuhe, die da hergestellt wurden, halt auch im Wald angezogen, und da braucht man ja feste Schuhe, und dann sind sie natürlich auf Schusters Rappen ... Auf Schusters Rappen sind die Arbeiter von Ehrweiler übern Berg von 450 Meter Höhe, also eine Laufzeit von 'ner Stunde, anderthalb Stunden, gelaufen zu ihrer Arbeit."

Sprecher:

Und die Arbeiter gingen auf Schusters Rappen in die Schuhfabriken. Als Rappe bezeichnete man seit dem 16. Jahrhundert ein schwarzes Pferd, übertragen aus dem Wort "Rabe" für einen schwarzen Vogel. Da Schuster als arme Leute galten, war der Besitz eines Rappen oder eines anderen Pferdes für sie unüblich. Und so entwickelte sich im 17. Jahrhundert scherzhaft die Redewendung auf Schusters Rappen, was nichts anderes bedeutet als "zu Fuß".

Sprecherin:

Der Museumsführer verbrachte sein ganzes Arbeitsleben in einer der Hauensteiner Schuhfabriken. 1885 wurde die erste gegründet. Für die Schuhmacher begannen neue Zeiten.

Sprecher:

Der Fabrikarbeiter bestimmte nicht mehr selbst darüber, welche oder wie viele Schuhe er herstellte. Er stand unter dem Pantoffel des Fabrikbesitzers.

Sprecherin:

Der Schuh, beziehungsweise der Fuß, galt im alten deutschen Recht als ein Symbol der Herrschaft. Stand man unter dem Pantoffel – das deutsche Wort entstand Ende des 15. Jahrhunderts aus dem französischen "pantoufle" – eines anderen, so musste man sich dessen Weisungen fügen. Der Pantoffel gilt heute als Sinnbild für das häusliche Regiment der Ehefrau. Steht nun ein Mann unter dem Pantoffel, so wird er von seiner Frau beherrscht. In den Augen anderer wird er abgewertet zum Pantoffelhelden, was das gleiche meint.

Sprecher:

Die ehemals selbständigen Arbeiter mussten sich in der Schuhfabrik an neue Hierarchien gewöhnen und an eine laute und enge Umgebung.

Karl Stöbener:

"Dicke Luft gibt's doch überall. Ab und zu war da auch mal schon 'n bisschen Zoff, aber im Großen und Ganzen: Also, ich als Jugendlicher ... Es hat kaum in den Betrieben irgendwas gegeben, wo man nicht ertragen konnte. Also, so schlimm war es auch nicht. Man hat halt den ganzen Tag gearbeitet, und dann hat man sich abends im Sport ausgetobt."

Sprecherin:

Wo viele Menschen miteinander arbeiten müssen, entsteht dicke Luft. Die alte Bedeutung des Wortes "dick" lag im Sinne von "dicht". Beim engen, dichten Nebeneinander ist die Luft bald angefüllt mit dem Ärger über den Nachbarn. Die Stimmung wird immer gereizter. Es entsteht Zoff. Dieses Wort aus dem Jiddischen steht dort für ein in aller Regel böses Ende. In der Umgangssprache bedeutet Zoff so viel wie "Streit" oder "Zank".

Sprecher:

Gelassen geht es in der Werkstatt von Carsten Moch zu. Er blieb bei seinem Leisten und übernahm von seinem Vater das Geschäft, die Werkstatt und die alten Maschinen.

Carsten Moch:

"Das ist ganz komisch. So, die neuen modernen Nähmaschinen, die können zwar geradeaus nähen, aber so wenn's um so kleine Details geht, da sind die alten einfach besser drauf. Haben wahrscheinlich die größere Reife. Wir stehen hier direkt eigentlich vor unserem ältesten Schätzchen. Die ist bestimmt so, ich sag' mal, aus den dreißiger, vierziger Jahren ist die und wird heute aber noch genutzt. Sie hat 'ne Säule, so dass man auch in einem Stiefelschacht damit nähen kann."

Sprecher:

Doch auch die Moderne ist in seinem Betrieb vertreten. Der Computer ist ein unerlässliches Hilfsmittel.

Carsten Moch:

"Hier sind wir an unserem berühmten Computer, der also kräftig Einzug erhalten hat. Die ältere Generation, die hat da eher 'nen Knackpunkt mit. Die wollen auch nicht unbedingt immer einsehen, dass das eventuell sogar besser ist."

Sprecherin:

Der Computer hat Einzug gehalten, er hat sich in die Welt des Handwerkers begeben. Doch mancher hat damit einen Knackpunkt. Das Wort knacken entstand im Mittelneudeutschen des 15. Jahrhunderts und gibt lautmalerisch das Geräusch wieder, welches beim Bersten eines Gegenstandes hörbar wird. Seit etwa dem 17. Jahrhundert verwendet man das Verb auch transitiv als aufknacken. Gilt es nun, etwas zu knacken, so stellt dies ein Problem dar. Hieraus entwickelte die Umgangssprache erst in letzter Zeit den Begriff des Knackpunktes. Er ist ein entscheidendes Problem, vom Knackpunkt hängt etwas Bestimmtes ab.

Sprecher:

Einen Knackpunkt hat der Orthopädie-Schuhmacher mit mancher Erscheinung in der Mode. Auf das Stichwort hohe Absätze antwortet er spontan:

Carsten Moch:

"Ja, rotes Tuch, ja. Also, so richtig überzeugen tun mich hohe Absätze nicht. Aber im Moment sind sie auch nicht modern. Das, was modern, aber auch langsam wieder zurückgeht, waren Plateausohlen, also nicht nur hohe Absätze, sondern auch dicke Sohlen. Auch da ist der Trend zum Glück zurück, und die Leute und die Modeindustrie hat zum Glück das Gesundheitsbewusstsein erlebt."

Sprecherin:

Der Begriff rotes Tuch stammt aus dem Stierkampf. Der Torero reizt den Stier, indem er ihm ein rotes Tuch zeigt. Das macht den Stier wütend. Ist für jemanden eine Sache oder aber ein anderer Mensch ein rotes Tuch, so erweckt schon dessen Anwesenheit Zorn. Trend nennt man eine Entwicklung, deren Anzeichen über einen Zeitraum anhalten. Das Wort stammt aus der Modebranche, wird aber heute auch in der Statistik verwendet, etwa bei der Analyse von Umfragen.

Sprecher:

Die Berufsbezeichnung Schuster oder Schuhmacher ist übrigens eine sehr alte. Sie entwickelte sich aus dem mittelhochdeutschen "schuochsutare". Dabei steht "schuoch" für "Schuh" und "sutare" ist dem lateinischen "sutor", also "Schneider", entlehnt. Der Schuster ist somit ein "Schuh-Schneider".

Sprecherin:

Zu allen Zeiten hatten Schuster Probleme mit ihrem Ansehen. Dem Orthopädie-Schuhmacher haftet heute das Vorurteil an, für ältere und gebrechliche Kunden unmoderne Schuhe zu fertigen. Auch den Schustern früherer Tage verweigerte man oft die Anerkennung. So entstanden Redewendungen wie jemanden wie einen Schusterjungen behandeln, das heißt: abfällig mit jemandem umgehen. Fühlt sich jemand ausgenutzt, so ruft er entrüstet: "Ich bin doch nicht dein Schuhputzer!". Das bedeutet so viel wie: "Ich habe es doch gar nicht nötig, alles für dich zu tun!". Und ist etwas zusammengeschustert worden, so meint man eine schnelle und oberflächliche, nachlässige Arbeit. Als Schuster bezeichnet man auch salopp abwertend einen Pfuscher, einen Stümper.

Sprecher:

Nach 1970 geriet die Schuhproduktion in eine tiefe Krise. Viele Schuhmacher wurden damals arbeitslos, viele Fabriken schlossen. Die Hauensteiner kippten aus den Latschen.

O-Töne:

"Dass man halt sehr überrascht ist und nicht weiß, was man sagen soll." / "Wenn ich mich vielleicht über etwas erschrecke, oder so. Ja, zum Beispiel in der Geisterbahn, oder so."

Sprecherin:

Aus den Latschen kippen, das hat in der Umgangssprache zwei Bedeutungen. Am bildlichen Eindruck orientiert kann es heißen, dass jemand ohnmächtig wird und in der Tat umfällt. Es kann aber auch ausdrücken, dass sich jemand sehr erschrocken hat.

Willi Schlächter:

"Man hat vielleicht den einen Fehler gemacht, dass man glaubte, Schuhe seien das Maß aller Dinge. Und man hat praktisch alles dann auch über einen Leisten schlagen wollen und hat geglaubt: Schuhe und nochmals Schuhe, aber nichts anderes. Und das war sicherlich verkehrt, dass man die Monoindustrie nicht aufgelockert hat."

Sprecher:

Um den Begriff das Maß aller Dinge zu verstehen, hilft die mittelhochdeutsche Bedeutung des Wortes Maß. Es hieß so viel wie "Richtung" oder "Ziel". Das Maß aller Dinge verkörpert die geltende Norm, die zentrale Bedeutung. Abgeleitet vom griechischen "monos", zu Deutsch "allein" oder "einzeln", redet man von Monoindustrie, wenn eine Industriebranche deutlich im Vordergrund steht. In Hauenstein waren bis zu knapp neunzig Prozent der Beschäftigten in der Schuhherstellung tätig. Der Leisten – das Wort stammt aus dem Mittelhochdeutschen – ist das hölzerne Modell eines Fußes, auf dem der Schuster arbeitet. Für jeden Schuh und für jede Größe bedarf es eines eigenen Leistens. Benutzt der Schuster nur einen Leisten, so entstehen nur Schuhe in gleicher Größe. Jemand, der alles über einen Leisten schlägt, beurteilt alles gleich. Doch diese Gleichbehandlung ist weniger mit Gerechtigkeit verbunden, als mit Nachlässigkeit.

Sprecherin:

Hauenstein entdeckte den Tourismus als eine neue Einnahmequelle und entwickelte die Idee eines Deutschen Schuhmuseums. Die ersten Schritte des Deutschen Schuhmuseums in Hauenstein waren erfolgreich.


Fragen zum Text:

Jemand, der einen Weg auf Schusters Rappen zurückgelegt hat, …

1. ist zu Fuß gegangen.
2. ist auf einem Pferd geritten.
3. ist mit dem Auto gefahren.

Woher stammt das Wort Zoff?
1. aus dem Englischen
2. aus dem Lateinischen
3. aus dem Jiddischen

Jemand, der sich sehr erschreckt, …
1. bleibt bei seinem Leisten.
2. kippt aus den Latschen.
3. steht unter dem Pantoffel.


Arbeitsauftrag:
Beschreiben Sie Schuhe eines anderen Kursteilnehmers/einer anderen Kursteilnehmerin, ohne dabei seinen/ihren Namen zu nennen. Lassen Sie nun die anderen erraten, welche Schuhe Sie gemeint haben.

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