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Wirtschaft

Schuften für ein unbekanntes Fest

Zum Weihnachtsgeschäft versprechen deutsche Spielzeugfirmen bessere Arbeitsbedingungen in ihren chinesischen Fabriken. Ein "Sozialsiegel" soll helfen.

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45 Prozent aller Spielzeuge werden in China hergestellt

Bald beginnt in Deutschland das Weihnachtsgeschäft, und am häufigsten geht dabei Kinderspielzeug über den Ladentisch. Was wenige Deutsche wissen: Selbst bekannte

deutsche Markenfirmen wie der Spiele-Hersteller Ravensburger oder die Puppenfirma Zapf lassen mittlerweile im Ausland produzieren. Jedes zweite deutsche Spielzeug stammt dabei aus China, dem neuen Giganten des internationalen Spielwarengeschäfts: Allein im vergangenen Jahr hat China Spielzeug im Wert von 7,5 Milliarden Dollar exportiert. Die Arbeitsbedingungen in den chinesischen Fabriken sind allerdings katastrophal.

"Tod durch Überarbeitung"

In einer langgestreckten Lagerhalle am Stadtrand der Industriemetropole Shenzhen schuften chinesische Arbeiterinnen für ein Fest, das sie gar nicht kennen: Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft im Dezember müssen die Spielsachen in Deutschland eingetroffen sein.

Klaus Piepel vom katholischen Hilfswerk Misereor hat die chinesischen Arbeiterinnen in Shenzhen besucht: "Die beklagen sich sehr über die extrem langen Arbeitszeiten während der peak season, also während der Spitzensaison für das europäische Weihnachtsgeschäft: Das heißt sieben Tage die Woche durch, kein freier Tag, bis zu 90, 100 Stunden die Woche."

Aber auch die niedrigen Löhne bereiten Piepel Sorgen - die Spielzeugindustrie gehört zu den am schlechtesten bezahlenden Betrieben. Die gesetzlichen Mindestlöhne liegen bei 50 Euro im Monat, die oft noch unterschritten werden.

Die meisten Arbeiterinnen in Shenzhen übernachten zusammengepfercht in überfüllten Schlafsälen; den giftigen Dämpfen von Lacken und Klebstoffen, mit denen man in Spielzeug Fabriken oft hantiert, sind sie schutzlos ausgeliefert. Bisweilen hört man sogar von Todesfällen, Guolaosi genannt - "Tod durch Überarbeitung". Und dies alles, obwohl es in China ein detailliertes Arbeitsgesetz gibt, das Arbeitszeiten, Löhne und Sicherheitsstandards genau regelt.

Doch dieses Gesetz wird seitens der Behörden kaum durchgesetzt. Die Regionen konkurrieren um Industrieniederlassungen und Investitionen, und da ist es nicht opportun, den Firmen allzu deutliche Auflagen zu machen, sagt Piepel. Er und das katholische Hilfswerk Misereor setzen deshalb bei denen an, die in China produzieren lassen: bei den deutschen Spielwarenherstellern. Nach jahrelangem Druck hat Misereor sie auf einen gemeinsamen Verhaltenskodex einschwören können, auf eine so genannte freiwillige Selbstverpflichtung.

Besuch von unabhängigen Prüfern

In Zukunft wollen sie ihr Spielzeug nur noch von Betrieben herstellen lassen, die ganz bestimmten Standards entsprechen. Von den rund 40 größeren deutschen Spielzeug-Firmen haben die meisten zugestimmt; einige sträuben sich noch. Alle anderen werden in ihren chinesischen Fabriken bald Besuch von unabhängigen Prüfern bekommen. "Das sind Profis, die dann in die Betriebe gehen, die die Lohnbuchhaltung, die Zeiterfassung kontrollieren, die mit Arbeiterinnen und Arbeitern sprechen, die sich Arbeitssicherheit und Technik angucken und dann einen standardisierten Bericht entlang einer Fülle von Fragestellungen verfassen", erklärt Klaus Piepel das Vorhaben.

Dabei bleibt aber vor allem ein Problem: In Deutschland, wo man bald mit den Weihnachtseinkäufen beginnt, hat man von dieser Aktion bislang nicht viel mitbekommen. Misereor setzt sich deshalb für ein offizielles Gütesiegel ein: Gut sichtbar soll es auf den Spielzeugverpackungen all jener Hersteller prangen, die den gemeinsamen Verhaltenskodex unterzeichnet und die Prüfungen bestanden haben. "Sozialsiegel" soll das ganze heißen - und in Deutschland ähnlich bekannt werden wie der "Blaue Engel", ein Gütesiegel, das besonders umweltfreundliche Produkte auszeichnet.

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