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Europa

Schuf er den Golem von Prag?

Zu den bekanntesten Geschichten um Prag gehört die des Golem. Er soll die Prager Juden vor Angriffen geschützt haben. Der angesehene Rabbiner Judah Löw soll dieses Symbol des jüdischen Prags erschaffen haben.

Jüdisches Viertel in Prag (Foto: DW/Kilian Kirchgeßner)

Jüdisches Viertel in Prag

Das Grab von Rabbi Löw (Foto: DW/Kilian Kirchgeßner)

Das Grab von Rabbi Löw

Vor 400 Jahren ist Rabbi Löw gestorben und in einer kleinen jüdischen Gemeinde in Prag wird ein Festgottesdienst abgehalten. Die Mitglieder der orthodoxen Chabad-Bewegung läuten den Sabbat ein, den jüdischen Feiertag. Vorne in der kleinen Synagoge steht Manis Barash, der Rabbiner. Er ist ein junger Amerikaner, seit etwa 15 Jahren lebt er in Prag. Judah Löw ist sein großes Vorbild, seinetwegen ist er nach Prag gekommen: "Ich gehe einmal im Monat zu seinem Grab, um dort zu beten. Im Judentum gibt es die Vorstellung, dass ein Ort mit Heiligkeit durchtränkt sein kann". So werde zum Beispiel der Ort heilig, an dem eine Synagoge gestanden habe. "Ich finde, dass man diese Heiligkeit hier im jüdischen Viertel von Prag manchmal fühlen kann", meint Barash - vielleicht auch am Grab von Rabbi Löw.

Eine Stadt, die verzaubert

Die goldene Stadt

Die "goldene Stadt"

Bis heute gilt der berühmte Rabbi als einer der größten Denker des Judentums. Er wird als Meister der Kabbalah, der mystischen Tradition des Judentums, gesehen. Um diesen Mann ranken sich unzählige Legenden. Vor allem im jüdischen Viertel sollen die Geschichten passiert sein. Und das habe dem Viertel bis heute eine geheimnisvolle Atmosphäre bewahrt. Die verwinkelten Kopfsteinpflastergassen, die krummen Häuser zu beiden Seiten, die schummerige Straßenbeleuchtung in der Dämmerung und die rollenden Pferdekutschen schaffen in der Tat eine Atmosphäre, die Touristen und Besucher verzaubert. Jährlich kommen tausende Menschen nach Prag und viele sind auf der Suche nach dem mystischen Prag, den alten Legenden und fast immer landen sie bei Rabbi Löw.

Als Judah Löw zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Prag lebte, regierte oben auf der Prager Burg der Monarch Rudolf II. Rudolf förderte die Wissenschaft und die Kunst. Unter seiner Herrschaft erblühte das jüdische Viertel und die Legende von dem Golem entstand: Rabbi Löw soll eine Tonfigur, den Golem, zum Leben erweckt haben. Mit seinen übermenschlichen Kräften solle der Golem die Juden in ihrem Ghetto vor Übergriffen geschützt und sie so vor drohenden Gefahren bewahrt haben. Eine unglaubliche Geschichte, die auch Arno Parik vom jüdischen Museum in Prag verzaubert hat: "Auf mich wirkt das faszinierend: 'Die Belebung dieses Homunkulus!' Uns stört daran aber, dass diese Golem-Legende den Blick auf das Judentum versperrt und auch auf die Person von Rabbi Löw".

Golem als Massenware

Der Golem als Massenware (Foto: DW/Kilian Kirchgeßner)

Der Golem als Massenware

Tatsächlich ist der Golem in Prag zu einem inhaltsleeren Maskottchen geworden: Restaurants im Judenviertel werben mit ihm. Souvenirgeschäfte verkaufen Golem-T-Shirts, Golem-Tassen und kitschige Golem-Gemälde. Der Golem aus der Sage ist heute ein Massenprodukt. Der Rabbiner Manis Barash findet es ungerecht, dass man Rabbi Löw immer nur mit dem Golem in Zusammenhang bringt: "Der Golem beansprucht das ganze Scheinwerferlicht" Der Blick auf Rabbi Löw, auf seine Philosophie und seine Lebensweise komme nicht zum Vorschein. "Vielleicht hätte Rabbi Löw tatsächlich einen Golem schaffen können, doch das macht seine Größe nicht aus, die liegt in seinen Schriften".

Dutzende Werke hat Rabbi Löw geschrieben. In ihnen verband er mystische Tradition und Auslegung der heiligen Schriften. Kein anderer jüdischer Gelehrter hatte das vor ihm so konsequent getan. Über sich selbst schrieb Rabbi Löw kaum etwas, weshalb von seinem Leben auch nur wenig bekannt ist. Besonders beliebt sei er nicht gewesen, als strenger Gelehrter habe er hohe Maßstäbe an seine Gemeinde angelegt. Doch heute, 400 Jahre nach seinem Tod, genießt Rabbi Löw im jüdischen Prag allgemeinen Respekt und größte Wertschätzung.

Autor: Kilian Kirchgessner
Redaktion: Heidi Engels