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Nahost

Schriftenstreit in Syrien

Obwohl alles, was mit Israel zu tun hat, in Syrien ein Tabuthema ist, wurde die hebräische Schrift ausgewählt, um die aramäische Sprache darzustellen. Doch diese Entscheidung hat eine heftige Debatte im Land ausgelöst.

Das syrische Dorf Ma'alula im Qalamoun-Gebirge nördlich von Damaskus (Foto:dpa)

Das überwiegend christliche Dorf Maalula in den Bergen nördlich von Damaskus.

Knapp eine Autostunde nördlich von Damaskus, verborgen zwischen den Schluchten des Qalamoun-Gebirges, liegt Ma’alula, eine der letzten Bastionen des Aramäischen in Syrien. Über tausende von Jahren ist es den Bewohnern zusammen mit den zweier anderer syrischer Dörfer, Jaba’adin und Bach’a, gelungen, die neuwest-aramäische Sprache in mündlicher Form zu bewahren. Eine Schrift gab es hier nicht. Bis jetzt: Denn seit ein Institut gegründet wurde, in dem der Dialekt des Dorfes schriftlich unterrichtet wird, ist das Aramäische sichtbar geworden. Ganz gleich, ob auf Gebäude gemalt oder auf die Arme junger Leute tätowiert. Allerdings bedienen sich die Aramäer hebräischer Buchstaben - und das hat Kritiker auf den Plan gerufen. "Mit hebräischen Buchstaben wird die Sprache Christi in Ma’alula geschrieben. Das darf nicht wahr sein!" – die Entrüstung vieler Syrer kannte keine Grenzen.

Wiederbelebung einer aussterbenden Sprache

Abgesehen vom Streit um die Schrift ist allerdings die Frage, warum erst jetzt in Syrien aufgefallen ist, dass das Aramäische vor dem Aussterben geschützt werden muss? Denn seit der islamischen Eroberung der Region hat das Arabische die einheimische Sprache immer weiter zurückgedrängt. Die aramäisch Sprechenden mussten jahrhundertelang das Arabische übernehmen. Viele wanderten aus.

"Wir sind eine sprachliche Minderheit", sagt George Rizkalla aus Ma’alula. "Außerdem gehen viele alte Handwerke durch die moderne Zivilisation verloren, wodurch auch vieles aus dem ursprünglichen Wortschatz in Vergessenheit gerät". Aus diesen Gründen arbeitet Rizkalla seit langem daran, das Aramäische durch Lieder und im Unterricht an die jüngere Generation weiterzugeben. "Vor einigen Jahren hat die politische Führung in Syrien die Entscheidung getroffen, ein Institut zu eröffnen, wo man Aramäisch lernen kann". Rizkalla wurde beauftragt, ein Lehrbuch zu verfassen. Er hat das Buch in erster Linie aufgrund seiner muttersprachlichen Kenntnisse erarbeitet. Für die Schrift wählte er hebräische Buchstaben.

Aramäisch als Tourismusfaktor

Das Kloster St. Georg in Ma'alula (Foto:dw/sma)

Das Kloster St. Georg, eine der touristischen Attraktionen in Ma'alula

In der Forschung ist das Aramäische schon länger bekannt. Und Deutschland leistete dabei Pionierarbeit. Professor Otto Jastrow von der Universität Erlangen, der seit langem semitische Sprachen erforscht, ist verwundert über das Geschehen in Syrien: "Aramäisch ist sehr lebendig. Es braucht keine Maßnahmen, um wiederbelebt zu werden", sagt er. Es handele sich hier um Reklame, die die syrische Regierung für Ma’alula betreibt, denn von Jaba’adin und Bach’a sei gar nicht die Rede. "Obwohl man dort auch Aramäisch spricht", gibt der Sprachwissenschaftler zu bedenken. "Das sind aber syrische Dörfer, die längst nicht so malerisch sind wie Ma’alula". Man habe die "Sprache Christi" nur deshalb 'verschriftet', weil sie den Touristen sonst nicht auffallen würde. Aramäisch klingt für Außenstehende tatsächlich wie arabisch.

Hebräische Schrift oder syrische Quadratschrift

Vor der Eroberung durch den Islam wurde Aramäisch in ganz Syrien gesprochen und war auch darüber hinaus eine Weltsprache. Es habe viele Varianten gegeben. Aber nicht überall existierte Aramäisch als Schriftsprache. Auch nicht in der Region von Ma’alula, weiß Professor Jastrow. Die Entscheidung, die hebräische Schrift anzuwenden, sei seiner Meinung nach willkürlich getroffen worden.

Für George Rizkalla aus Ma’alula ist die Schrift, die er in seinem Buch anwendet, nicht hebräisch, sondern er bezeichnet sie als Quadratschrift. "Um 800 vor Christus haben die Aramäer aus der sogenannten ugaritischen Schrift ein eigenes Alphabet entwickelt, das heutzutage als Quadratschrift bekannt ist." sagt Rizkalla. Die Juden hätten dieses Alphabet lediglich übernommen. "Diese Schrift wurde in Syrien erfunden", behauptet Rizkalla. Seine Kritiker beruhigt diese Erklärung aber nicht.

Eselsreiter in der Schlucht der Heiligen Thekla in Maalula (Foto:dw/sma)

Durch seine abgelegene Lage inmitten des Qalamoun-Gebirges konnte Ma'alula seine eigene Sprache bewahren

Wettkampf der Schriften

Aus Jastrows Sicht ist die hebräische Schrift, die Rizkalla Quadratschrift nennt, ungeeignet für das Aramäische. Denn das Lautsystem des Aramäischen stimme mit den hebräischen Konsonanten nicht überein. Die arabischen Buchstaben würden sich besser eignen. Außerdem hätten die Leute aus Ma’alula mit dem Judentum überhaupt nichts zu tun, erinnert Jastrow, Die meisten seien Christen. Manche seien erst vor etwa 200 Jahren zum Islam konvertiert. "Sie haben sich immer nur als Syrer empfunden. Sie mit Israel in Verbindung zu bringen, ist unbegreiflich", sagt Jastrow. Denn alles, was mit Israel zu tun habe, sei ein Tabu in Syrien.

Rizkalla meint dagegen, Sprache sei etwas anders als Schrift. Man könne das Aramäische auch mit lateinischen oder arabischen Buchstaben ausdrücken. Bei beiden Schriften sei er aber auf Schwierigkeiten gestoßen: "Lateinisch ist nicht jedem Menschen hier geläufig und Arabisch hat ein anderes Vokalsystem". Er habe deshalb die hebräische Schrift gewählt und so bearbeitet, dass sie zu den Besonderheiten des Aramäischen passt. Um die politische Bedeutung seiner Entscheidung hat er sich keine großen Sorgen gemacht. Auch das Persische verwende arabische Buchstaben, meint Rizkalla. Das gebe aber niemandem das Recht zu behaupten, der Iran gehöre den Arabern.

Neue Schrift für Aramäisch

Trotz der vielen Argumente, die Rizkalla ins Feld führt, scheinen seine Gegner in Syrien den Streit für sich entschieden zu haben. Das historische Museum in Damaskus stellte einen Antrag an das Kulturministerium. Darin heißt es, es sei notwendig, die Unterrichts-Schrift zu ändern und eine besondere Identität in Ma’alula zu schaffen. Die Begründung: Die bisher angewandte Schrift im Ma’alula-Institut sei nicht geeignet, weil sie an allen syrischen Hochschulen unter dem Begriff "Hebräische Schrift" unterrichtet werde.

Rizkalla wird für die nächsten Kurse eine neue Schrift benutzen: Die sogenannte Palmyrenische Schrift ist zwar auch eine Quadratschrift, aber sie ist deutlich unverfänglicher als die hebräische.

Autorin: Maissun Melhem
Redaktion: Thomas Latschan