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Kultur

Schreibtisch auf Zeit

"Co-working" heißt die neue Formel mobilen Arbeitens. Freiberufler mieten sich einen Büroplatz stundenweise. Immer dann, wenn sie ihn wirklich brauchen. So müssen sie keine Einzelkämpfer sein und knüpfen neue Netzwerke.

Großraumbüro 'Kölner Zeiträume' (Foto: DW)

Co-Working in Köln

Freitag, 8:30 Uhr. Im Hinterhof eines Bürogebäudes aus den 1950er Jahren im Kölner Stadtteil Braunsfeld. Anne Harig gibt ihre Tochter Madita in der Kindertagesstätte ab. Die befindet sich direkt unter ihrem Arbeitsplatz: den "Kölner Zeiträumen". Dort mietet Anne Harig für 5 Euro pro Stunde einen Schreibtisch. Ihre Tochter Madita spielt solange in der Kita der Zeiträume. Anne Harig winkt zum Abschied, dann meldet sie sich beim Empfang und trägt sich in eine Liste ein.

18 Arbeitsplätze stehen den Mietern zur Verfügung, die meisten befinden sich in einem modern eingerichteten Großraumbüro. Je nach Bedarf gibt es aber auch drei separate, abschließbare Räume. Neben einer Gemeinschaftsküche teilen sich die Bürokollegen auf Zeit einen Sekretariatsservice, Faxgeräte, Kopierer und natürlich ein schnelles Internet. Anne Harig klappt ihren Laptop auf und checkt ihre Emails.

Gemeinsam statt einsam

Großraumbüro 'Kölner Zeiträume' (Foto: DW)

Viele Freiberufler schätzen die "Schreibtisch-WG" auf Zeit

9:15 Uhr. Eine Kundin kommt zum Leistungstest. Anne Harig ist freiberufliche Sportwissenschaftlerin. Für die 36-Jährige bieten die Zeiträume ideale Arbeitsbedingungen. Im hauseigenen Fitnessstudio im Untergeschoss lässt sie ihre Kundin eine dreiviertel Stunde Trimmradfahren und nimmt ihr dabei immer wieder Blut ab, um ihre Laktat-Werte zu messen.

Seit zwei Jahren arbeitet Anne Harig freiberuflich. Als sie sich mit ihrer Agentur Time2move selbständig machte, wusste sie noch nicht, ob sie davon leben könnte. Gerade in der ersten Phase waren die Zeiträume eine große Hilfe für sie. Vom Antrag beim Gewerbeamt über Tricks beim Finanzamt konnte sie sich mit ihren Kollegen austauschen. "Das war sehr angenehm", sagt Anne Harig heute. "In Zeiten, wo es langsam vorangeht, kann man sich gegenseitig Mut machen, das hat mir immer gut getan."

Alleinstellungsmerkmal Kita

Alleine vor sich hinzuwerkeln, das war für Anne Harig zu trostlos. Die Zeiträume geben ihr das gute Gefühl "zur Arbeit zu gehen, Kollegen zu treffen, einen Küchenplausch führen zu können". Soziale Kontakte sind ein wichtiges Kapital der Selbständigen. Hinzu kommt, dass gerade Mütter von kleinen Kindern es oft schwer haben, wieder in den Beruf einzusteigen.

Holzschiff im Sand - die Kita der Kölner Zeiträume (Foto: DW)

Volle Fahrt voraus! Noch herrscht Ruhe in der Kita...

"Co-working-Büros" findet man inzwischen in vielen großen Städten. Auch in Berlin: dort gibt es das "Beta-Haus" in Kreuzberg, in dem mehr als 200 Selbständige arbeiten können. Aber "Co-working" plus Kita, das bieten nur die "Kölner Zeiträume". Man könne sich für Stunden, Wochen oder auch Monate einmieten, erklärt die Journalistin Jacqueline Boyce, die die "Kölner Zeiträume" gegründet hat. Der Vorteil liegt auf der Hand: Wenn mal nichts zu tun ist, bleibt man nicht auf den teuren Bürokosten sitzen. Die Mutter von zwei Kindern war es leid, morgens ihre Kleinen quer durch die Stadt zu bringen. Trotzdem nutzen nicht nur Frauen das Angebot. "Wir haben sehr viele männliche Kunden aus dem IT-Bereich. Die Zeiträume passen für jeden, der keinen großen Personalstab beschäftigt und der eine zeitliche Mobilität braucht. Also: Journalisten, Coaches, Sportwissenschaftler, Grafikdesigner."

Kurze Wege und Nestwärme

Jacqueline Boyce war eine der Pionierinnen des Co-workings in Deutschland. Das Konzept der Schreibtisch-WGs verbreitet sich mehr und mehr, in manchen Fällen entstehen daraus sogar gemeinsame Projekte. Das sei auch die Idee des Co-Workings, sagt Jacqueline Boyce: "Kurze Komunikationswege und das ganze in eine reale Lebenswelt zu transferieren, statt nur auf einer virtuellen Plattform miteinander zu komunizieren." Virtuelle Plattformen bieten eben nicht die Nestwärme, die man in Co-working-Büros findet.

10.30 Uhr. Die Leistungstests im Fitnessstudio sind beendet. Anne Harig kehrt an ihren Schreibtisch zurück. Bis 12 Uhr arbeitet sie an einem Angebot für ein betriebliches Gesundheitskonzept. Dann fährt sie in die Sporthochschule, um im Labor den Laktat-Test auszuwerten. Ihre Arbeitszeit in den Zeiträumen ist beendet. Bezahlen muss sie nur für die Stunden, die sie ihren Schreibtisch auch benutzt hat.

Autorin: Sabine Oelze
Redaktion: Petra Lambeck

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