1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bücher

Schreiben, um die Grenzen des Ichs zu sprengen

Beim Internationalen Literaturfestival Berlin beteiligte sich die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel an der Anthologie "Elsewhere". Die Autorin im DW-WORLD-Interview über das Festival und ihre Arbeit.

default

Hat amerikanische Familiensagas satt: Antje Strubel

Seit ihrem letzten Roman "Tupolew 134" gilt Antje Rávic Strubel als eine der großen Hoffnungen der deutschen Literatur. Ein "faszinierendes" Buch schwärmt die FAZ, die SZ bescheinigt dem Roman "einen klugen, souveränen, seiner Mittel bewussten Realismus", während die FR das Autorin "perfekte innere Timing" der Autorin bewundert. Grund genug für das Internationale Literaturfestival in Berlin, die Schriftstellerin als deutsche Teilnehmerin für das Projekt "Scritture Giovani" einzuladen. Fünf Schriftsteller aus verschiedenen Ländern schrieben eine Erzählung für eine Anthologie zum diesjährigen Thema "Elsewhere / Anderswo". Anschließend reisen sie zu den beteiligten Literaturfestivals und tragen ihre Texte vor. Antje Rávic Strubels Kurzgeschichte "Hotel Advokat" erzählt die Geschichte einer Trennung.

DW-WORLD: Wie erleben Sie die Beteiligung an "Scritturi Giovani"?

Antje Rávic Strubel: Gerade waren wir auf dem Festival in Norwegen. Man kriegt plötzlich einen Einblick, was ganz aktuell in den anderen Ländern geschrieben wird. Die Autorin aus Wales (Fflur Dafydd) hat eine Kurzgeschichte geschrieben, die mich sehr begeistert hat. Ich werde auf jeden Fall noch mehr Texte von ihr lesen. Es kann durchaus sein, dass ich Lust habe, selbst etwas von ihr zu übersetzen oder es hier einem Verlag anzubieten. Das ist, glaube ich, auch die Idee hinter diesem Projekt. Man kuckt, wen man toll findet und empfiehlt, damit Übersetzungen gefördert werden.

Wie sind Sie selbst mit dem Thema "Elsewhere" umgegangen?

"Anderswo" war schön offen, das hat es uns relativ leicht gemacht. In "Hotel Advokat" verweisen verschiedene Momente auf dieses Thema. Zum einen gibt es die Hauptgestalt Christiane, die ihre Liebhaberin zurücklässt. Eigentlich will sie nach Hause, landet dann aber ganz woanders. Die andere Verbindung ist vielleicht metaphorischer: Man trifft so oft Entscheidungen, ohne sich ihnen bewusst zu sein. Das passiert ja auch dieser Hauptgestalt, die sich auf einmal in München wieder findet und nicht in Berlin. Da ist dieses "Anderswo" dann: Jemand anders hat für mich entschieden, ich bin gar nicht ich. Was bin ich dann? Der Fokus der Geschichte liegt darauf, dass wir anscheinend für alles Irrationale immer eine Begründung brauchen. Die fremde Frau, der Christiane folgt, war bestimmt nicht der Anlass für ihr Verhalten. Aber sie wird schnell dazu gemacht.

Ihre Protagonisten sind häufig unterwegs oder weit entfernt von ihrer Heimat. Vor diesem anonymen Hintergrund werden dann aber sehr persönliche Konflikte behandelt: Christiane denkt im "Hotel Advokat" über die zurückliegende Trennung nach, in Ihrem letzten Roman "Tupolew 134" scheint immer wieder das ungeklärte Verhältnis der beiden Hauptpersonen durch. Ist das ein wiederkehrendes Motiv?

Sicherlich fällt in einer Extremsituation die Oberfläche ab und bringt Dinge deutlicher zum Ausdruck. Insofern ist es gut, die Personen aus ihrem Kontext zu reißen. Vielleicht hat dieses Merkmal aber auch mit meinem eigenen Blick auf das Schreiben zu tun. Nämlich, dass man die Grenze des Ichs aufsprengen kann. Man versucht, die Hülle, die einem durch Kategorien aufgesetzt wird, zu verlassen. Fremdsein als Flucht oder als Ausweg aus Althergebrachtem, als Chance.

Sie haben einmal gesagt: "Das Ich ist eine Ansammlung von Erinnerungen." Konfrontieren Sie deshalb in Ihrem Erzählstil so gerne verschiedene Zeitebenen?

Das hat ganz handwerkliche Gründe: Ich versuche im Moment für mein neues Romanprojekt, einen chronologisch geradlinigen Text zu schreiben. Und es gelingt mir nicht! Immer wenn ich etwas hintereinander schreibe, fließen ständig vergangene Situationen mit ein, alle Möglichkeiten der Person. Die Figuren werden immer komplexer, deshalb kann ich nicht auf einer Linie erzählen. Es wäre wie alles zu beschönigen.

Welche aktuellen Autoren lesen Sie am Liebsten?

Ich bin eine Zufallsleserin. Ich lese, was man mir empfiehlt und mir unter die Finger kommt. Eigentlich fällt es mir leichter zu sagen, was ich auf keinen Fall lese: Diese elendigen Familienromane, die es seit zwei, drei Jahren auf dem Markt gibt, allen voran Jonathan Frantzen. Gut, Updike habe ich früher auch gerne gelesen, aber dann gingen mir diese Wiederholungen auf die Nerven. Irgendwann habe ich gesagt, ich will jetzt endlich mal etwas lesen, was wieder mit dem Erzählen und den Formaten spielt. Etwas, was meine eigene Wahrnehmung erschüttert. Zum Beispiel William Gaddis. Das ist jemand, den ich als experimenteller empfinde.

Antje Rávic Strubel wurde 1974 in Potsdam geboren. Die gelernte Buchhändlerin studierte Amerikanistik, Psychologie, Literaturwissenschaften in Potsdam und New York. 2004 erschien ihr vierter Roman "Tupolew 134" (C.H. Beck). 2001 erheilt sie in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

  • Datum 16.09.2005
  • Autorin/Autor Das Gespräch führte Oliver Ilan Schulz
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/79dc
  • Datum 16.09.2005
  • Autorin/Autor Das Gespräch führte Oliver Ilan Schulz
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/79dc