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Türkei

Schreiben, singen, Mokka kochen

Karen Gerson engagiert sich für eine aussterbende Sprache. Als Journalistin und Sängerin pflegt sie Ladino, die Sprache ihrer sefardischen Vorfahren. Und sorgt auch am Shabbat für einen guten türkischen Mokka.

Als wir Karen Gerson Şarhon in ihrer Redaktion besuchen, ist sie gerade bei einem schnellen Mittagsimbiss, nebenher während der Arbeit. Es ist viel zu tun, man sieht es dem überfüllten Schreibtisch an, der inmitten schwer beladener Bücherregale und aufgetürmter Zeitungen steht. Zeit für ein Tässchen Mokka muss trotzdem noch sein - Gelegenheit, über die fachgerechte Zubereitung zu plaudern. Das Geheimnis ist Geduld, sagt Karen Gerson, er muss langsam köcheln. Dann wird der Kaffeesatz richtig schön sämig, und aus bloßem Geschmack wird purer Genuss.

Sie muss es wissen, denn sie weiß es von ihrer Mutter, und die weiß es von ihrer, und so weiter und so fort. Seit mehr als 500 Jahren lebt Karens Familie mit dem so wenig türkisch klingenden Namen in der Türkei. Und hat vieles aus deren Kultur übernommen.

Zeichen der Hoffnung

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Karen Gerson erzählt über das Lebensgefühl der jüdischen Minderheit in der Türkei

Mindestens genauso wichtig ist ihr aber ein anderes Stück Kultur, das zu ihrer Familie und ihrem Selbstverständnis gehört: "Ich bin türkisch-sefardische Jüdin, da bin ich ganz klar". Was das im Alltag bedeutet? Vor allem, dass sie die Sprache Ladino pflegt. Die entstand, als die spanischen Juden – die Sefarden – ab 1492 aus ihrem Land vertrieben wurden und ins Osmanische Reich flohen. So wie Karens Vorfahren. “Wenn ich heute mit Spaniern Ladino spreche, verstehen sie das gut", sagt Karen. "Aber Ladino hat viele türkische Wörter übernommen, auch griechische, französische, italienische. Und es gibt etwas, das sie zu einer jüdischen Sprache macht: Die gesamte religiöse Terminologie kommt aus dem Hebräischen.“

Zeitschriften und Bücher über sephardische Kultur in Büro von Karen Gerson (Foto: DW/Aya Bach) hier kommt wieder eine Portion Bilder zum Projekt Jüdisches Leben in Istanbul. Diese hier benötige ich für einen Artikel über die Journalistin Karen Gerson. Die Bilder stammen alle von mir, Datum: 2012 Frau Gerson ist mit der Veröffentlichung der Bilder auf www.dw.de einverstanden. zugeliefert und fotografiert von: Aya Bach

Das übervolle Büro

Bis vor fünfzig, sechzig Jahren war Ladino die Alltags- und Familiensprache der Sefarden in der Türkei. Heute gibt es immer weniger Menschen, die sie noch sprechen. Um sie wenigstens als Kulturgut zu erhalten, arbeitet Karen Gerson Şarhon bei der jüdischen Wochenzeitung Şalom – als Chefredakteurin einer monatlichen Beilage in Ladino. Weiß auf rotem Grund leuchtet der Titel "el amaneser" auf dem Blatt. "Das heißt 'Tagesanbruch'. Ein Zeichen der Hoffnung", erklärt Karen Gerson und zitiert ein sefardisches Sprichwort: "Kuando muncho eskurese es para amaneser" – wenn es ganz dunkel ist, dämmert bald der Morgen.

Steckengebliebene Tradition

Etwas Tageslicht könnte das Sefardische tatsächlich gebrauchen. Schon in ihrer eigenen Kindheit, erzählt Karen Gerson, war es nur eine Sprache unter anderen. Wie in vielen jüdischen Familien, die etwas auf sich hielten, wurde zu Hause neben Ladino immer Französisch gesprochen. "Aber wir Kinder haben unseren Eltern auf Türkisch geantwortet, um uns gegen sie aufzulehnen." Trotzdem begann sie sich später mit der Sprache zu beschäftigen. Ihr Studium in Istanbul und im britischen Reading schloss sie jeweils mit Magisterarbeiten über Ladino ab. Damals ein ziemlich exotisches Fach: "Das Schwierigste war, irgendwelche Quellen zu finden."

Karen Gerson am Strand (Foto: DW/Aya Bach)

Karen Gerson am Strand ...

Was auch daran lag, dass die sefardische Kultur immer nur mündlich weitergegeben wurde – und zwar über die Frauen. 500 Jahre lang hat das funktioniert. Bis zu Karens Jugendzeit. Doch ihr selbst, sie ist Jahrgang 1958, ist es nicht gelungen, die Sprache an ihre Tochter weiterzugeben – die Tradition ist regelrecht stehengeblieben. "Noch als unsere Mütter jung waren", erklärt sie, "waren wir eine homogene Gesellschaft. Man hatte nicht viel Kontakt mit Leuten von außen. In der Nähe hast du immer jüdische Nachbarn getroffen. Heute sind wir in ganz Istanbul verstreut. Das verändert den Umgang miteinander enorm!" Im Alltag spricht man praktisch nur noch Türkisch.

Frauendomäne Alltagskultur

Die Veränderung hat aber auch positive Seiten: "Wir haben Kontakt mit Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft, unsere Community ist viel offener geworden.“ Doch dass die Sprache verloren geht, lässt sich nicht mehr aufhalten, sagt Karen Gerson. Größer sind da schon die Chancen für ihre zweite große Leidenschaft, die sefardische Musik. "Eine sehr alte Kultur. Alles, was wir davon kennen, wurde von den Frauen, den Müttern überliefert." Nicht dass die sefardischen Männer unmusikalisch gewesen wären - sie haben die religiöse Musik in der Synagoge tradiert. Alltagskultur war Frauendomäne. Dennoch hat Karen drei männliche Mitstreiter, die sich mit ihr für sefardische Volksmusik einsetzen.

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"Los Pasharos Sefaradis" singen ein Liebeslied

Seit 1978 sind sie gemeinsam als "Los Pasharos Sefaradis" ("Die sefardischen Vögel") weltweit unterwegs. Ihre Musik kommt auch bei Muslimen gut an. Denn die Sefarden haben im Lauf der Zeit musikalische Anleihen in ihrer Umgebung gemacht: "Das ist osmanische Balkanmusik", sagt Karen. "Sie klingt ganz orientalisch! Du kannst nicht fünfmal am Tag die Muezzine hören, ohne dass du davon beeinflusst wirst!"

Authentische Musik

Inzwischen gibt es etliche Bands, die sefardische Musik spielen: Meist auf Rock oder Pop, auf Jazz oder Flamenco getrimmt. Mit dem Etikett "Weltmusik" ist sie ziemlich populär geworden. Aber Karen Gerson legt großen Wert darauf, authentische Volksmusik zu machen: "Wir haben Musik aufgenommen, die alte Leute gesungen haben. Die haben wir dokumentiert und spielen sie nun." Das größte Publikum hatten die "Pasharos" übrigens in Hamburg: Dort haben sie vor 5000 Leuten gesungen: "Das war toll!"

Eine Kostprobe bekommen auch wir als Reporterinnen zu hören. Ein Liebeslied, das Karen und ihr Partner Izzet Bana noch immer so begeistert singen, als wäre es zum ersten Mal: echte Profis eben. Doch als die "Pasharos Sefaradis" sich treffen, reden sie Türkisch miteinander – warum nicht Ladino? "Meistens sprechen wir tatsächlich Türkisch", sagt Karen, "wir lassen aber oft Sprichwörter auf Ladino einfließen." Ein Widerspruch zum Kultur- und Sprach-Bekenntnis? "Die Sprachkultur stirbt sowieso aus. Wir können Dokumente sammeln und archivieren, um das kulturelle Erbe für zukünftige Generationen zu bewahren. Mehr können wir nicht tun".

Sefarden kochen besser

Karen Gerson bereitet einen türkischen Mokka zu (Foto: DW/Aya Bach)

... und in ihrer Küche

Doch eines, da ist sich Karen Gerson sicher, wird nie aus der türkisch-jüdischen Kultur verschwinden: "Egal was passiert, der Freitagabend, der Beginn des Shabbat, gehört der Familie! An jedem anderen Abend kann die Familie sonstwo sein. Aber Freitags kommen alle und essen zusammen!" Dass Karen dann sefardisch kocht, und zwar höchstpersönlich, ist klar. Koscher oder nicht, das ist nicht so wichtig – Hauptsache es schmeckt. Und das, sagt Karen, können die Sefarden einfach besser als ihre ashkenazischen Glaubensbrüder und –schwestern, die aus dem deutschsprachigen Raum oder Osteuropa stammen: "Wir haben die mediterrane Esskultur mit Olivenöl und Gemüse. Daraus haben wir immer hervorragendes Essen gemacht!"

Die Krönung des Mahls aber ist ein echter türkischer Mokka. Zubereitet mit Liebe und Geduld. So wie es vor Karen schon Generationen von türkischen Müttern, Großmüttern und Urgroßmüttern getan haben.

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