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Kultur

Schreiben ohne zu sehen: Aus dem Alltag eines blinden Journalisten

Franz-Josef Hanke ist einer von nur 20 blinden Journalisten in Deutschland. Sein Alltag gestaltet sich zwischen alter Blindenschrift und neuester Technik: Erfahren Sie wie man als Blinder das Internet nutzen kann.

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Braille auf dem Keyboard

Wenn Franz-Josef Hanke mit seinem PC die Internetseite der Deutschen Welle aufruft, liest ihm eine mechanische Stimme in atemberaubender Geschwindigkeit Zeile für Zeile vor, was er nicht sehen kann. Denn Franz-Josef Hanke ist blind. Und er ist Journalist. Wie die meisten seiner blinden Kollegen schlägt er sich als Freiberufler durch - in fester Anstellung arbeiten in Deutschland gerade einmal sieben blinde Journalisten; die meisten beim Radio: zwei von ihnen beim Hörfunk der Deutschen Welle.

Weil kein Arbeitgeber ihm eine Chance geben wollte, gründete er vor 19 Jahren in Marburg sein eigenes Journalistenbüro. In der heutigen Medienwelt, in der Geschwindigkeit und Mobilität tonangebend sind, hat er es geschafft, seinen Traumberuf zu verwirklichen. Denn das wichtigste im Journalismus sei ja nicht, dass man sähe, worüber man berichtet, sondern dass man etwas mitbekomme, es bewerte. "Das Entscheidende ist der Kopf", so Hanke, "und denken sollten wir als Blinde vielleicht sogar noch ein bisschen besser gelernt haben als andere."

HTML für Blinde

Eskandar: sehbehinderte Menschen

Schreiben ohne zu sehen, wie geht das? Der Computer macht jeden Text hörbar und liest auch laut mit, was Hanke über seine Tastatur eingibt. Beim Schreiben ermöglicht ihm ein Sprachsynthesizer ein wesentlich schnelleres Arbeitstempo als die herkömmliche "Braille-Schreibzeile". Die benutzt er zusätzlich zur PC-Tastatur. Dank des schmalen länglichen Apparates kann der Journalist mit seinen Fingerkuppen lesen. Es sei sinnvoll, beide Techniken nebeneinander zu benutzen, so Hanke. Er habe die Braille-Schrift erst mit 23 Jahren erlernt und für ihn sei die Sprachausgabe die schnellere Möglichkeit. Für ihn bleibt die Braille-Schrift aber ein "Sicherheitsnetz, um zu schauen, wie wird ein bestimmtes Wort geschrieben".

Das Internet eröffnete auch Blinden eine neue Welt. Die HTML-Seiten der ersten Jahre bestanden nur aus Text, ideal für Blinde: nun standen Recherchewege offen, Dokumente und Bücher, die in Braille-Schrift nicht zu bekommen waren. Doch bald schon wurde der unbegrenzten Informationsmöglichkeit Blinder und Sehbehinderter neue Hürden gesetzt: Graphischer Aufbau und Bilder machen heute das worldwideweb anschaulich, Icons und interaktive Links lösten die reine "Schreibsprache" ab.

Ein Sehender kann einfach mit einer Maus auf einen Link gehen und ihn anklicken. Die Sprachsoftware für Blinde muss diese Bilder aber knacken, sonst kann es nicht funktionieren. Leider vergessen Softwarehersteller und Programmierer von Internetseiten viel zu oft, Bilder und Graphiken mit dem für Blinde nötigen Text zu hinterlegen. Das ärgert wiederum den Journalisten.

Schlechte Chancen am Arbeitsmarkt

Blinder im Straßenverkehr

Barrieren gibt es trotz modernster Technik im Alltag zur Genüge, aber wie sehen die Hürden in der Berufswelt aus? Laut einer Infas-Studie sind nur knapp 30 Prozent der rund 155.000 Blinden und 500.000 stark Sehbehinderten berufstätig. Tendenz: fallend. Denn mit wachsender Arbeitslosigkeit in Deutschland werden auch die Chancen für Menschen mit Behinderung geringer.

Obwohl die nötige Technik für Blinde am Arbeitsplatz vom Staat bezuschusst wird, ist das Geld meist schon zur Jahreshälfte erschöpft. Und die meisten größeren Arbeitgeber, die in Deutschland verpflichtet sind, Behinderte im Betrieb zu beschäftigen, zahlen lieber eine Strafgebühr über 200 Euro monatlich, als die gesetzlich geforderte Behindertenquote von sechs Prozent zu erfüllen.

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  • Datum 04.01.2006
  • Autorin/Autor Meike Naber
  • Schlagwörter Braille, Blind
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/7kR6
  • Datum 04.01.2006
  • Autorin/Autor Meike Naber
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