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Kultur

Schreiben kann tödlich sein

Zum "Tag des inhaftierten Schriftstellers" (15.11.) macht der P.E.N.-Club auf das Schicksal verfolgter Autoren und Journalisten aufmerksam. Sie erleiden Repressalien, Drohungen, Scheinprozesse. Manche werden ermordet.

Journalist in Pakistan hinter Gittern zeigt ein Victory-Zeichen (Foto: dpa)

Die Liste ist unendlich lang. Hunderte Namen, eng gedruckt auf 97 Seiten - aus vielen Staaten der Erde. Es ist die sogenannte "Caselist" der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N. Hier wird aufgezählt, wie viele Schriftsteller, Autoren und Journalisten in den vergangenen Monaten eingesperrt, verschwunden oder ermordet worden sind. Alle sechs Monate wird diese Liste aktualisiert. Am Ende stehen dann die Zahlen. Morddrohungen: 23. Verschwunden: 11. Verurteilt: 107. Ermordet: 24.

Im ersten Halbjahr 2011 waren es insgesamt 647 Fälle, in denen Autoren in aller Welt auf verschiedenste Art der Mund verboten wurde. Die Öffentlichkeit erfährt davon wenig. Die spektakulärsten Fälle der letzten Jahre sind mit Namen wie Anna Politkowskaja oder Hrant Dink verbunden. Beide sind ermordet worden; höchstwahrscheinlich weil sie - für einige Personen sehr unangenehme - Wahrheiten verbreiteten.

Auch Namen wie die des inhaftierten chinesischen Lyrikers und Literaturkritikers Liu Xiaobo oder des türkischen Autoren Orhan Pamuk sind bekannt. Nicht zuletzt, weil das Nobelpreis-Komitee in Stockholm den Mut dieser Menschen immer wieder mit Nobelpreisen würdigt und damit deren politischen Gegnern ein Schnippchen schlägt.

Ein grauenhaftes Gefängnis

Dirk Sager (Foto: picture-alliance/ZB)

Dirk Sager, Journalist, Autor und Filmemacher

Doch viel zu viele Fälle bleiben im Dunkeln. Hier beginnt die Arbeit der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N., die ihren Hauptsitz in London hat. In fast jedem Land gibt es einen P.E.N.-Club, die Mitglieder sind Autoren, die eigene Texte veröffentlichen. Gegründet vor 90 Jahren, hat sich der P.E.N. ursprünglich für Frieden und Völkerverständigung eingesetzt. Wegen der zunehmenden Schikanierung unliebsamer Autoren wurde 1960 das "Writers-in-Prison"-Komitee gegründet. Dies kümmert sich ausschließlich um Schriftsteller, die bedroht, verfolgt, zensiert werden. Der ehemalige Fernsehkorrespondent Dirk Sager ist Vizepräsident von P.E.N. Deutschland und Beauftragter von "Writers in Prison". Er berichtete unter anderem noch zu Sowjetzeiten für das ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) aus Moskau und aus Ostberlin. Auch er als westlicher Journalist hat damals in der DDR zu spüren bekommen, was es heißt, wenn einem Regime die Berichterstattung nicht gefällt. Auch wenn es in seinem Fall "nur" einmal eine kurze Drohung war, nicht zu vergleichen mit den aktuellen Fällen. "Im Iran zum Bespiel geraten Autoren und Journalisten immer wieder in Konflikte mit dem Staat und landen in einem Gefängnis in Teheran, das man sich fürchterlicher nicht vorstellen kann", erzählt Dirk Sager.

Das Evin-Gefängnis ist berüchtigt für seine Folterpraktiken; vor allem politische Häftlinge, zu denen ja auch kritische Autoren zählen, werden jahrelang dort eingekerkert. Wer die Haft überlebt, schweigt lieber. Die iranische Autorin Marina Nemat war mehr als zwei Jahre lang dort inhaftiert, weil sie mit 16 Jahren eine kritische Schülerzeitung herausgegeben hatte. Sie hat sich Jahre später im Exil getraut, ihre Erlebnisse niederzuschreiben und berichtet von grausamer Folter, sexuellem Missbrauch, Einzelhaft, Hinrichtungen. Von ihren Zellengenossinnen soll keine die Haft überlebt haben.

Staatliche Rache für kritische Bemerkungen

Proteste in Hong Kong gegen Liu Xiaobos Verhaftung (Foto: AP)

Proteste gegen Liu Xiaobos Verhaftung in Hong Kong

"Leider entzieht sich diese schreckliche Verfolgung im Iran völlig dem westlichen Einfluss", beklagt Dirk Sager. Machtlos steht man auch den Fällen in China gegenüber. Der Nobelpreisträger Liu Xiaobo ist Präsident des Unabhängigen P.E.N.-Clubs China. Im Dezember 2009 wurde er wegen "Untergrabung der Saatsgewalt" zu elf Jahren Haft verurteilt, seine Frau darf ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Sein "Verbrechen": Er und 300 weitere chinesische Intellektuelle haben ein Manifest unterzeichnet, in dem die Regierung zu Reformen und Demokratisierung aufgerufen wird: die sogenannte Charta 08.

Wie viele kritische Autoren in China wirklich im Gefängnis sind, ist nicht bekannt. Manche verschwinden auch einfach. Die Gründe, aus denen sie verhaftet werden, sind teilweise absurd - bis hin zur angeblichen Behinderung des Straßenverkehrs. "Das schlagende Argument der chinesischen Führung ist, dass die Autoren mit Schriften und Äußerungen danach trachten, den Staat umzuwerfen", erklärt Dirk Sager. "Die Machtstrukturen und die Selbstsucht der Herrscher werden in Frage gestellt, und das fürchten die Machthaber und schlagen auf die grausamste Weise zurück."

Es geschieht vor unseren Augen

Schriftsteller Orhan Pamuk (Foto: AP)

"Beleidigung des Türkentums" - Vorwurf an Orhan Pamuk

Auch in unserer direkten Nachbarschaft, in Weißrussland oder in der Türkei, wird mit kritischen Autoren und Journalisten ähnlich umgesprungen. Weißrussland mit Präsident Lukaschenko an der Spitze wird seit der fragwürdigen Präsidentschaftswahl im Dezember 2010 politisch geächtet, auch weil das Regime jegliche Kritik niederknüppelt. Noch in der Wahlnacht erfolgten brutale Angriffe auf Oppositionelle und Massenverhaftungen. Es gab Durchsuchungen in Redaktionsräumen, Computer von Journalisten und Redakteuren wurden beschlagnahmt. Viele Mitglieder des weißrussischen P.E.N.-Clubs, darunter auch dessen ehemaliger Präsident, Vladimir Neklyaev, wurden zusammengeschlagen und verhaftet. Neklyaev war einer von Lukaschenkos Gegenkandidaten und demonstrierte nach der Wahl gegen die Machtergreifung des Präsidenten. Die Gefangenen müssen seit Monaten Isolationshaft und strengen Hausarrest ertragen.

In der Türkei werden regelmäßig Journalisten ins Gefängnis geworfen. Viel Aufmerksamkeit gab es für die Verhaftungen der beiden Reporter Nedem Sener und Ahmed Sik. Beiden wurde vorgeworfen, sie unterstützten den geheimen Militärbund "Ergenekon" und wollten sich an einem Putsch gegen Ministerpräsident Erdogan beteiligen. Das brachte die Öffentlichkeit auf die Barrikaden. Dennoch bleiben die beiden in Untersuchungshaft. Sik hatte unter anderem ein Buch geschrieben ("Die Armee des Imams"), in dem es um den Einfluss des Islam auf die türkischen Sicherheitskräfte geht. Das Buch darf in der Türkei nicht gelesen werden, es handle sich um das Dokument einer terroristischen Vereinigung, so die türkischen Behörden.

Wenig gute Nachrichten, aber immer Hoffnung

Immerhin gelingt es der P.E.N.-Vereinigung ab und zu, einen oder mehrere Gefangene frei zu bekommen. Durch gezielte Aktionen, Briefe an Justizminister, Vermittlungsversuche oder auch, indem man Regierungen damit droht, diese Fälle öffentlich zu machen. "Wir versuchen aber auch auf unsere Regierung einzuwirken", so P.E.N.-Vize Dirk Sager.

Die iranischen Journalisten Mehdi Afsharnik, Mohammad Heidari, Ali Akrami und Mohsen Hakimi (v.l.o.n.r.u.) (Foto: DW)

Vor kurzem wurden im Iran vier Journalisten freigelassen

Man könne zwar nicht die Außenpolitik Deutschlands mitbestimmen, aber man könne die Politker für diese Fälle sensibilisieren. "Wir wehren uns dagegen, dass der deutsche Außenminister eine Rolle spielt, in der die Verfolgten in China praktisch nicht vorkommen, nur damit man weiterhin im Dialog mit dem Regime bleiben kann."

Es wirkt wie eine Sisyphus-Arbeit. Doch jeder Erfolg motiviert zum Weitermachen. Auf Kuba wurden im vergangenen Jahr 75 Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen, sie leben und arbeiten jetzt im spanischen Exil. In der arabischen Welt hat sich nach den Aufständen in Tunesien und Algerien offenbar schon einiges getan. Zu Libyen kann der P.E.N. noch gar nichts sagen, da sei die Situation noch gar nicht absehbar. In Ägypten hat man die Sorge, dass die derzeitige Militärregierung die Situation ausnutzt und die Staatsmacht für sich beansprucht, so Dirk Sager. "Mit dem Ergebnis, dass Blogger, die die ägyptische Regierung kritisieren, sofort mit fürchterlichen Strafen belegt werden." Es ist sicher kein Zufall, dass der P.E.N. in diesem Jahr den ägyptischen Verleger Mohamed Hashem mit dem Hermann-Kester-Preis auszeichnet. Hashem ist Mitglied der Kifaja-Bewegung - ihr sagt man die Grundsteinlegung für die ägyptische Revolution im Frühling 2011 nach.

Der Hermann-Kester-Preis würdigt Persönlichkeiten, die sich im Sinne der internationalen P.E.N.-Charta in besonderer Weise für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller und Journalisten einsetzen.

Die "Statistik des Schreckens", wie Sager die Liste der verfolgten Autoren nennt, wird jedes Jahr länger. Sager weiß, dass diese Zahlen lange nicht vollständig sind, obwohl durch die Zusammenarbeit von P.E.N. mit Amnesty International und "Reporter ohne Grenzen" schon recht zuverlässige Daten zusammen kommen. Was ihn und die anderen Kollegen von P.E.N. weltweit immer wieder antreibt, ist der unbedingte Wille, die eingekerkerten, weggesperrten Menschen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. "Denn sie sind es, die für ein besseres Morgen gekämpft haben und deswegen leiden. Man kann sie nicht alleine lassen."

Autorin: Silke Wünsch
Redaktion: Gudrun Stegen