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Kultur

Schreiben in Angst

Mit Berichten über Menschenrechtsverletzungen im Nordkaukasus machte er sich Feinde. Mächtige Feinde. Um sich und seine Familie zu schützen, floh er aus seiner Heimat nach Deutschland. Hier hat er Unterstützung gefunden.

(DW-Grafik: Per Sander)

Sein richtiger Name soll nicht genannt werden, ebensowenig der Ort, in dem er gerade lebt. Er will auch nicht fotografiert werden, nicht mal nur von hinten. Denn der kräftige Mann hat Angst. "Meine Familie lebt noch in Russland und daher muss ich vorsichtig sein", sagt Ruslan, wie er sich nennt. Er sitzt in einem Café in irgendeiner deutschen Stadt. Die Menschen um ihn herum frühstücken, lachen, unterhalten sich. Vor Ruslan steht nur eine Tasse Kaffee. "Ich habe eigentlich wenig Zeit", sagt er und rührt dabei seinen Kaffee um. Er verbringe viel Zeit im Netz, mit Arbeiten, Lesen, Mailen.

Brennpunkt Bürgerkrieg

Karte Kaukasus (DW-Grafik: Peter Steinmetz)

Bürgerkriegsregion: der Nordkaukausus

Seit 2006 kämpft er als Journalist für die Wahrung der Menschenrechte in seiner Heimat, dem Nordkaukasus. Dort, im Süden Russlands, herrscht seit gut zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam es immer wieder zu bewaffneten Konflikten. Hauptbrennpunkt war zunächst Tschetschenien, das für seine Unabhängigkeit kämpfte. Ein Kampf, der sich längst auch auf die anderen Gebiete der Region ausgedehnt hat. Und ein Konflikt, unter dem - wie in jedem Krieg - vor allem die Zivilbevölkerung leidet.

Auf Ruslan wurde geschossen

"Bei uns in der Region wurden Leute umgebracht, verschwanden oder wurden ohne Gerichtsverfahren bestraft", sagt er. Als Reporter berichtete er darüber, was den staatlichen Stellen missfiel. Vor allem wollte man nicht, dass diese Dinge über die Region hinaus verbreitet wurden. Schon bald wird Ruslan unter Druck gesetzt. Ein schleichender Druck zunächst, der langsam immer stärker wird. "Zuerst wird man von bestimmten Kräften - Geheimdiensten - zu Gesprächen einbestellt. Man soll Informationen geben über bewaffnete Kräfte", erzählt Ruslan. Dabei sei es egal, ob man diese Informationen habe oder nicht. Dann folgen Todesdrohungen am Telefon. Und bald darauf das: "Auf mich wurde aus einem Wagen geschossen."

Ruslans Hände auf der Tastatur beim Schreiben eines Artikels. Da er Angst um seine Familie hat, will sich der Journalist nicht fotografieren lassen. (Foto: Janine Albrecht)

Schreiben trotz Angst

Ruslan flieht mit seiner Frau und seinen Kindern in ein osteuropäisches Land. Dort wird er als politischer Flüchtling anerkannt. Trotzdem fühlt er sich nicht mehr sicher. "In Osteuropa ist es sehr schwierig, sich sicher zu fühlen, wahrscheinlich tut das niemand. Der Einfluss Russlands ist immer noch sehr deutlich spürbar."

Flucht durch Europa und Abschiebung

Zwei Jahre lang schreibt Ruslan nichts mehr. Es fällt ihm schwer, so tatenlos zu sein, aber er ist zu weit weg von den Geschehnissen in seiner Heimat und denkt, er könne so nicht seriös berichten. Bis er sich schließlich doch wieder an seinen Computer setzt. Kollegen hatten ihm vorgeworfen, dass er nichts mehr schreibe. Als er dann über den Mord an einem Journalisten berichtet, erhält Ruslan wieder Drohungen. Diesmal per Mail. Darin heißt es, man wisse, wo er und seine Familie sich jetzt aufhalten. Auch in seine Wohnung wird eingebrochen. Anfang 2009 verlässt Ruslan das Land. Seine Familie muss er zurücklassen. Mit Hilfe der Organisation "Reporter ohne Grenzen" versteckt er sich in Deutschland, Österreich und Frankreich. Schließlich flieht er weiter nach Norwegen, stellt dort einen Asylantrag. Doch die Norweger schieben ihn wieder nach Osteuropa ab.

Journalisten für den Aufbau der Demokratie

Hände mit Kaffeetasse (Foto: Janine Albrecht)

Erleichterung auf Zeit

Zur Ruhe kommt Ruslan erst, als ihn die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte als Stipendiaten für ein Jahr nach Deutschland holt. Sie feiert am Montag (12.09.2011) ihr 25-jähriges Bestehen. "Die Stiftung schafft alle Möglichkeiten, dass man als Journalist leben und arbeiten kann, das ganze Umfeld wird einem bereitet." Von Deutschland aus schreibt Ruslan weiter Artikel über die Vorfälle in seiner Heimat. Und er lernt viel Neues kennen in seinem Gastland, dessen Kultur und Geschichte. Außerdem kann der 33-Jährige einen Deutschkurs besuchen. Doch am meisten, so sagt er, habe ihm der Austausch mit den anderen Stipendiaten geholfen. So konnte er seine eigenen Erlebnisse verarbeiten, und er ist besser in der Lage, mit der ständigen Angst umzugehen. Dafür ist er dankbar. "Ich glaube, es hilft dem Aufbau der jungen Demokratie mehr, wenn Journalisten aus aller Welt unterstützt werden."

Jahre der Angst

Ruslans Stipendium ist bald zu Ende. Wie es danach weitergehen wird, weiß er noch nicht. Er wird zurückgehen müssen, nach Osteuropa. "Es sei denn, es ändert sich etwas in Russland, aber danach sieht es nicht aus, doch man kann ja immer hoffen", lächelt er. Denn am liebsten würde er wieder in seiner Heimat leben. Fünf lange Jahre schon hat er nun Angst um sich und seine Familie, ist sein Leben von Unsicherheit geprägt. Auf die Frage, ob er es trotzdem wieder genauso machen würde, wird Ruslan sehr still. Er schlägt die Augen nieder und denkt nach. Dann antwortet er klar und gefasst: "Ja".

Autorin: Janine Albrecht
Redaktion: C. Rabitz / A. Bach

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