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Fokus Südosteuropa

Schreiben gegen den Nationalismus

Nationalismus erschwert den kulturellen Austausch auf dem Balkan. Schriftsteller versuchen, ihn zu überwinden - zum Beispiel beim Literaturfestival in Pristina.

Bücherstapel (Foto:Fotolia/silver-john)

Literatur soll auf dem Balkan die Leser vom Nationalismus heilen

"Es ist der Beginn des kreativen Chaos": So beschreibt der serbische Autor Sascha Ilić ein Zusammentreffen von Schriftstellern aus verschiedenen Balkanländern. Er gehört zur literarischen Gruppe "Beton" aus Belgrad, die das dreitägige Literaturfestival "Polip" (11. - 13. Mai) zusammen mit dem Multimediazentrum der kosovarischen Hauptstadt Pristina organisiert hat.

Dieses "kreative Chaos" des Literaturfestivals brachte die serbische Schriftstellerin Dragana Mladenović zum ersten Mal nach Pristina, wo sie den Dichter Marko Pogacar aus Kroatien traf. Die kosovarische Publizistin Blerina Gaxha diskutierte auf dem Podium mit dem serbischen Autor Tomislav Marković. Der junge Dichter aus Mazedonien Nenad Jolldeski lernte den bosnischen Schriftsteller Enes Kurtovič kennen.

Solche Begegnungen haben eine besondere Bedeutung in einer Region, in der die Kriegsvergangenheit immer noch die Gegenwart überschattet. Deshalb sieht der kroatische Schriftsteller Marko Pogacar in dem Literaturfestival viel mehr als eine Kulturveranstaltung: "Diese Events sind politisch. Hier geht es nicht nur um einen kulturellen Austausch, das hier ist ein politischer Austausch, um über die nationalistischen Narrative hinwegzukommen, die in den letzten 20 Jahren vorherrschend waren.“

Jobverlust nach Tabubruch

Der kosovarische Autor Jeton Neziraj (Foto: Juli Ndoci)

Jeton Neziraj gehört zu den Organisatoren des Festivals

Ein wichtiges Thema ist dabei die kosovarisch-serbische Versöhnung. Sie bleibt immer noch ein Tabu in den beiden Gesellschaften - das haben Jeton Neziraj vom Multimediazentrum in Pristina und der serbische Schriftsteller Sascha Ilic deutlich zu spüren bekommen: "Die Mauern sind höher als wir denken. Bevor Jeton Neziraj und ich zusammenarbeiteten, waren wir beide angestellt. Heute, nachdem wir bereits zweimal das Literaturfestival organisiert haben, sind unsere Jobs weg", sagt Sascha Ilić.

Doch diese im jeweiligen Land unbeliebte kosovarisch-serbische Zusammenarbeit hat Früchte getragen. Die zweisprachige Anthologie des Festivals "From Pristina with love" und "From Belgrad with love" ist heute in 23 Bibliotheken in Serbien zu finden - ein institutionalisierter Versuch, die ethnischen Vorurteile zu überwinden, sagt der Gastgeber des Festivals, Jeton Neziraj: "Es war eine Herausforderung, weil uns der politische Kontext, in dem wir zusammenarbeiten, bewusst war. Ich glaube aber, dass einfach diese Begegnungen ein Signal für die Politik und die Gesellschaft sind." Die Kultur helfe dabei, die Beziehungen zu den Nachbarn zu verbessern und zu normalisieren.

"Autoren sind die falschen Adressaten"

Die Kroatische Schriftstellerin Alida Bremer (Foto: Marijana Ljubicic / DW)

Alida Bremer: "Schriftsteller waren schon immer gegen Nationalismus"

Immerhin haben sich auf dem Festival in Pristina alle wie gute Nachbarn verhalten, die sich für die jeweils andere Seite interessiert. Das lässt den serbischen Schriftsteller Sascha Ilić hoffen: "Wir haben einen gemeinsamen Ort, um einander zu verstehen: Das ist die Kultur. Ohne dieses gegenseitige Verständnis werden wir keinen Dialog führen, und ohne Dialog werden wir unseren Nachbarn nicht kennenlernen können."

Allerdings spiegelt dieses gegenseitige Verständnis unter den balkanischen Schriftstellern nicht die Stimmung in der Gesamtbevölkerung, warnt Alida Bremer, kroatische Schriftstellerin und Leiterin des deutschen "traduki“- Projekts:

"Diese Autoren sind in ihren Gesellschaften die falschen Adressaten, weil sie ohnehin immer gegen Nationalismus waren. Das sind Menschen, die sich dafür einsetzen, dass ihre Gesellschaften kommunikativer werden." Doch ihre Gesellschaften hätten sich noch lange nicht zum Besseren verändert. "Aber es erfüllt uns mit Hoffnung zu sehen, dass junge Leute eine ähnliche Sicht der Dinge haben. Man ist in diesem Raum sehr nah beieinander, man teilt viele Erfahrungen. Gleichzeitig ist man aber dort, wo es Probleme gibt, immer noch weit voneinander entfernt."

Die Teilnehmer in Pristina waren sich darüber einig, dass vor allem der Nationalismus in der Region einen größeren Austausch auf dem Balkan verhindert und die Kultur Gräben überbrücken müsse. Nachdem im Juli 2011 wieder Barrikaden im Norden des Kosovo errichtet worden waren, setzten die Veranstalter dieser neuen Eskalation ihr Festival-Motto entgegen: "Politische Grenzen - Beginn der Poetik".