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Kultur

Schreiben für den Frieden

Journalisten können Frieden schaffen, sagt der norwegische Friedensforscher Johan Galtung. Entscheidend ist, wie über Konflikte berichtet wird. Über Friedensjournalismus in Kriegszeiten sprach Galtung mit DW-WORLD.

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"embedded journalist": Berichten wie von einem Fußballspiel

Es ist wie in einem Action-Film. Panzer jagen über die Sandpiste, am Horizont flackert Feuer, Rauchwolken steigen auf, ein Soldat justiert am Kanonenrohr. Mittendrin berichtet der Reporter, live, mit Stahlhelm und in Uniform. Die "embedded reporters", die die amerikanischen Truppen auf ihrem Vormarsch gen Bagdad begleiten, sind so nah dran, dass aus reinen Beobachtern Teilnehmer des Geschehens geworden. Symptomatisch ist das "Wir" in ihren Berichten: "Wir kommen voran. Wir kämpfen. Wir schießen."

Für den norwegischen Friedensforscher und Träger des alternativen Friedensnobelpreises, Johan Galtung, sind die "embedded journalists" ein typisches Beispiel für "Kriegsjournalismus". Der steht dem "Friedensjournalismus" – der Begriff wurde von Galtung geprägt - konträr gegenüber. "Diese Reporter sind keine Journalisten. Da wird nur nach technischen Sachen gefragt, ob die Truppen gut in Form sind, ob es Sturm gibt oder Sonnenschein, Es ist wie ein Fußballspiel", sagt Galtung zu DW-WORLD.

Berichte wie aus dem Stadion

"Kriegsjournalismus" hat laut Galtung viele Parallelen zur Sportberichterstattung. Der Konflikt wird auf zwei Parteien reduziert, die wie Gladiatoren in der Arena ihre Kräfte messen. Der Kampf kennt nur zwei Ausgänge: Sieg oder Niederlage, Triumph oder Tod. Gefragt wird nicht mehr nach dem Grund des Kampfes, Krieg wird als natürlicher Prozess hingenommen. Im Visier der Reporter stehen Waffen und sonstiges Kriegswerkzeug, dem eine latente Glorifizierung der Technik zugrunde liegt.

"Kriegsjournalismus" werde von zwei Hauptfragen geleitet: "Wo ist die Gewalt und in welche Richtung geht sie", sagt Galtung. "Friedensjournalismus hat auch zwei Fragestellungen: Um was geht es in dem Konflikt genau und gibt es mögliche friedensvolle Lösungen." In Kriegen sind meist mehrere Gruppen beteiligt, viele stehen jedoch unsichtbar im Hintergrund, wie Waffenhändler, paramilitärische Gruppen oder Untergruppierungen von Freiheitsbewegungen. Friedensjournalismus zeigt außerdem seine Verbundenheit mit allen Opfern und nicht nur mit "unserer Seite".

Friedensvorschläge im Mittelpunkt

Galtung fordert nicht, auf die Berichterstattung über den Verlauf eines Krieges zu verzichten. Wichtig ist ihm, so viele Perspektiven wie möglich zur Sprache zu bringen. "Ich möchte viel mehr hören über Friedensvorschläge in der Region. Ich möchte Journalisten haben, die Außenminister in den arabischen Ländern belagern, um neue Ideen zu hören." Phantasie und Kreativität seien der Schlüssel zur Transformation von Konflikten.

Es spiele dabei keine Rolle, ob diese Ideen zu 100 Prozent umsetzbar sind. Doch schon ihre pure Existenz könne Gewalt verhindern, sagt der 72-jährige Galtung. Gerne bringt der Friedenforscher folgendes Beispiel: Auf einem Tisch, an dem zwei Kinder sitzen, liegt ein Orange. Beide wollen die Frucht. Krieg kennt nur wenige Möglichkeiten: Wegnehmen oder zerquetschen. Doch es gibt noch mindestens 15 andere Möglichkeiten: Die Orange kann gepreßt und dann verteilt werden, oder man nimmt die Kerne und legt eine Plantage an.

Friedensjournalismus ist nicht langweilig

Das Argument, Kriegsjournalismus verkaufe sich besser als Friedensjournalismus, will Galtung nicht gelten lassen. Es sei natürlich viel einfacher über die technischen Daten von Raketen zu berichten, als über die komplexen Zusammenhänge eines Konflikts. "Kriegsjournalismus" reflektiere lediglich die Kriegslogik einer Handvoll Staatsmänner, einfache Leute hätte da nicht mit zu reden. Journalismus eigne sich diese Logik häufig an und verkomme dadurch unbewusst zur Hofberichterstattung. Friedensjournalismus vermittele dagegen eine "realistische" Vorstellung von dem, was in der Welt wirklich passiert.

Galtung ist jedoch weit davon entfernt, den aktuellen Journalismus zum Irak-Krieg pauschal zu verurteilen. Einige Sender, wie die BBC oder auch die ARD, hätten nach dem Golfkrieg 1991 dazu gelernt. "Ich spüre viel mehr Selbstreflexion unter den Journalisten. Ich habe zum Beispiel niemals in meinem Leben so viele und gute Berichte über Friedensdemos gelesen, auch in amerikanischen Medien". Der Lehrmeister für den besseren Journalismus sei der Irak-Krieg selbst. "Der Krieg ist offenbar nicht nur unpopulär, sondern ganz einfach ungerecht, völkerrechtswidrig und dann fragt man sich, was wäre die Alternative gewesen."

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