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Kultur

Schreibabys im Regen

Klein, aber ziemlich ambitioniert. Das Filmfestival von Locarno setzt weniger auf Stars und punktet dafür mit einer grandiosen Open-Air-Leinwand und innovativen Filmen - vor allem aus dem deutschsprachigen Raum.

Noch eine Stunde bis zum Filmbeginn am Abend, da zieht sich der Himmel über Locarno gefährlich zu. Und auch die Miene des Schweizer Regisseurs Christoph Schaub verfinstert sich. Sein neuer Film "Nachtlärm" hat an diesem Abend auf der Piazza Grande, dem großen Platz mitten in der Altstadt von Locarno, Premiere. Da wünscht man sich nicht unbedingt einen Platzregen. "Das Schöne an der Piazza Grande ist ja gerade, dass dort nicht nur die Leute aus dem Filmbusiness hinkommen wie bei anderen Festivals", meint Schaub. "Denn letztlich dreht man seine Filme für den ganz normalen Kinozuschauer."

Roadmovie mit Babygeschrei

Sein Film "Nachtlärm" passt jedenfalls perfekt unter den freien Abendhimmel. Er spielt auf den nächtlichen Autobahnen rund zum Zürich. Der kleine Sohn von Livia und Marco ist ein Schreibaby, das nur dann Ruhe gibt, wenn es bei 130 Stundenkilometern durch die Gegend kutschiert wird. Als die übermüdeten Eltern kurz an einer Raststätte halten, klaut ein Gangsterpärchen ihren Wagen mitsamt schlafendem Kind.

Video ansehen 02:01

Trailer zum Film "Nachtlärm"

Es folgt ein rasantes Roadmovie, das den Gegensatz zwischen den beiden Paaren gekonnt ausspielt. Auf der einen Seite die beiden Akademikereltern, die mit ihrem Kind die kriselnde Beziehung retten wollen. Und auf der anderen Seite zwei Kleinkriminelle, die in Bonny-und-Clyde-Manier losziehen und nun von einem kleinen Schreihals ihre Tour vermasselt bekommen.

Das Gangsterpärchen stiehlt den beiden anderen dabei nicht nur dramaturgisch die Show. Auch schauspielerisch überzeugen die Schweizerin Carol Schuler und der Österreicher Georg Friedrich weit mehr als die deutschen Darsteller Alexandra Maria Lara und Sebastian Blomberg. Die waren auch deswegen mit von der Partie, weil der Film bewusst auf den gesamten deutschsprachigen Markt zielt.

Filmszene Nachtlärm © X Film Verleih AG

Übermüdete Eltern in "Nachtlärm"

Während des ganzen Films wird konsequent Hochdeutsch gesprochen, was spätestens bei den bräsigen Schweizer Polizeibeamten etwas unglaubwürdig wirkt. Applaus bekommt der Film in Locarno gleichwohl, und das trotz sintflutartiger Regengüsse, die einige hundert Hartgesottene tapfer unter Schirmen ausgesessen haben.

Neuer Blick auf die deutsche Vergangenheit

Die deutsch-australisch-britische Koproduktion "Lore" hat wettertechnisch mehr Glück. Bei ihrer Vorführung auf dem Filmfest in Locarno nieselt es nur für eine Viertelstunde. Ihr Stoff ist weitaus schwerer: Die Eltern der 14-jährigen Lore sind ranghohe Nazis und werden am Ende des Zweiten Weltkrieges von den Alliierten verhaftet.

Lore muss sich mit ihren vier kleinen Geschwistern zur Großmutter nach Hamburg durchschlagen, quer durchs kriegsversehrte Deutschland. Zu Hilfe kommt ihr ein junger Mann, der als Jude gerade aus einem Konzentrationslager befreit wurde. Lore, selbst eine glühende Hitler-Verehrerin, sieht alles, was in ihrem bisherigen Leben zählte, nun auf die Probe gestellt.

Regisseurin Cate Shortland bei der Arbeit © Roh Film

Regisseurin Cate Shortland bei den Dreharbeiten zu "Lore"

Die Regisseurin Cate Shortland kommt aus Australien und wirft mit ihrem Film einen neuen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus. Ihre Protagonistin Lore steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden und kommt aus einer Täterfamilie - eine Perspektive, die so im Kino selten gezeigt wird. Gedreht wurde der Film auf Deutsch. "Etwas anderes konnte ich mir bei dieser Thematik nicht vorstellen", erklärt die Regisseurin. Und das, obwohl sie kaum deutsch spricht und von den Dialogen am Set oft kein Wort verstanden hat.

Cate Shortland ist ein Film gelungen, der die Gefühlswelt seiner Protagonistin nicht verrät und trotzdem das Grauen des Nationalsozialismus bis ins letzte Detail ausleuchtet. Den Erfolg an der Kinokasse hätte die Produktion mehr als verdient.

Zwischen Fiktion und Realität

Der österreichische Produktion "Der Glanz des Tages" läuft im Wettbewerb. Unter den deutschsprachigen Filmen ragt er mit seiner eigenwilligen Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm heraus. Ein realer Theaterschauspieler trifft auf einen realen Zirkusartisten. Ein paar dramaturgische Grundideen hat das Regie-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel den beiden vorgegeben. Der Rest wurde von den außergewöhnlichen Protagonisten improvisiert.

Darsteller aus dem Film Glanz des Tages © Vento Film

Zwei Künstler, zwei Welten in "Glanz des Tages"

Philipp Hochmair, der Schauspieler, ist einer der beiden. Er ist im richtigen Leben wie im Film spielwütig und sprachbesessen. In seiner Kunst lebt er sich aus. Jedes Leben neben der Kunst ist für ihn schal. Der Artist, Walter Saabel, hat sich dagegen durch eine schwierige Kindheit und ein prekäres Zirkusdasein gekämpft und konfrontiert den hochfliegenden Schauspieler immer wieder mit dem harten Alltag. In ihren Gesprächen geht es schnell ums Ganze: Welchen Preis zahlt man für die Freiheit und wie viel Kunst verträgt das Leben?

Festival der Kinoliebhaber

Die eigentliche Geschichte, meinen die beiden Regisseure, sei erst im Schnitt entstanden - ähnlich wie bei ihrem letzten Film "La Pivellina", der 2011 für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert war. So entwickelt sich ein gekonntes Spiel mit Identitäten, ein radikal neues Kinoexperiment mit ganz eigenem Sog. Im Film wird eigentlich nur geredet, aber trotzdem bleiben die Zuschauer die ganze Zeit dabei.

Das Filmfest in Locarno genießt nicht umsonst den Ruf, alles Neue so bereitwillig zu umarmen wie kaum ein anderes europäisches Festival. Und es kann mit einem Publikum punkten, das für gutes Kino einiges in Kauf nimmt. Wegen des schlechten Wetters in diesem Jahr bestimmt auch den ein oder anderen Schnupfen.

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