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Bücher

"Schreckliche Leben sind ein Glücksfall"

Das Romandebut der 17 Jahre alten Helene Hegemann gilt jetzt schon als literarische Sensation. "Axolotl Roadkill" ist die kraftvoll und rasant erzählte Geschichte einer "wohlstandsverwahrlosten" Jugendlichen.

Berliner Autorin Helene Hegemann; Autorin des Buches Axolotl roadkill (Foto: Ullstein Verlag)

Die 17-jährige Autorin Helene Hegemann

"Du bist jetzt die vierte Journalistin, die ich diese Woche treffe, die hier wohnt", kommentiert Helene Hegemann unser Treffen im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Wir sind vor einem vietnamesischen Lebensmittelladen an einer Straßenkreuzung verabredet. Helene Hegemann entknotet die Kopfhörer ihres iPhones, die sich in ihrem schwarzen Wollumhang verfangen haben und tritt ihre Zigarette aus. Es ist minus zehn Grad kalt, und wir setzen zu einem kurzen Spaziergang an.

Als ich im Vorfeld mit ihr telefonierte und sagte, ich müsse ihr Buch "Axolotl Roadkill" noch lesen, erwiderte sie: "Na dann viel Spaß." Was sie damit meinte, frage ich am Anfang unseres Gesprächs: "Ich glaube, ich wusste wahrscheinlich nicht, was ich sagen sollte. Obwohl nein, ich glaube, es war wirklich ehrlich gemeint, ich wollte Dir viel Spaß beim Lesen wünschen."

Bruch mit Konventionen

Ich bin sechzehn Jahre alt und momentan zu nichts anderem mehr in der Lage, als mich trotz kolossaler Erschöpfung in Zusammenhängen etablieren zu wollen, die nichts mit der Gesellschaft zu tun haben, in der ich zur Schule gehe und depressiv bin. Ich bin in Berlin. Es geht um meine Wahnvorstellungen.

Buchcover Helene Hegemann: Axolotl Roadkill (Foto: Ullstein)

So stellt sich Mifti, die Ich-Erzählerin und Tagebuchschreiberin vor. Mifti lebt seit dem Tod ihrer alkoholkranken Mutter in einer Wohngemeinschaft mit ihren Halbgeschwistern. Zur Schule geht die 16-Jährige nicht. Sie flieht stattdessen in Berliner Szeneclubs und erleichtert sich ihr allgemeines Dahinschimmeln mit Sex- und Drogenexzessen.

Jetzt liege ich neben etwas nicht wirklich substantiellem, in eine hellgelbe Toilettenschüssel Erbrochenem auf roten Corddecken und bin gehäutet worden. (…) Ich bin eine einzige große Wunde und löse mich in der Umgebung auf. Diese glorifizierte Scheißjugend ist also auf die Haut geschrieben, auf die Upperclass-Haut, die mich ausmacht...

Teenager am Abgrund

Wir laufen über die vereisten Bürgersteige und ich erzähle Helene Hegemann, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, auf nahezu jeder Seite von ihrer Hauptfigur angeschrien zu werden, die mich mit ihrer wortgewaltigen Sprache von einer Extremsituation in die nächste wirft. "Hm", sagt Helene und wundert sich, glaube ich, ein wenig: "Solche Exzesse schocken doch heutzutage keinen mehr. Ich habe das Buch auch nicht geschrieben, um irgendjemanden anzuschreien oder zu provozieren. Mich unterhält das, und ich wollte meine Leser einfach nur unterhalten. Und ich glaube, das geht am besten, wenn man Teenager zeigt, die eine extrem schlechte Entwicklung durchlaufen und total am Abgrund sind."

Gleichzeitig ist Helene Hegemanns Hauptfigur Mifti trotz all dieser exzessiven Erlebnisse schmerzhaft selbstreflexiv. Und puhlt mit ihrer Kritik auch immer wieder in den eigenen Wunden, dem Versuch, sich irgendwie zu behaupten und zu finden. Als "Wohlstandsverwahrlosung" bezeichnet sie beispielsweise ihren Zustand - eines dieser Wörter, die in den deutschsprachigen Feuilletons derzeit immer wieder zitiert werden. Und in denen das Buch gar als "großer Coming-of-age-Roman der Nullerjahre" gehandelt wird. "Unsinn", winkt die 17-jährige Helene dieses Kompliment ab. Nullerjahre, ein schreckliches Wort, und überhaupt könne doch heutzutage eh' nicht mehr ernsthaft von Generationen gesprochen werden. Aber was ist ihr Buch dann? "Wenn ich das wüsste, hätte ich es nicht geschrieben." Punkt. 17-Jährige setzt Reporterin Schachmatt. Das passiert mir auch in anderen Interviews, verunsichert mich aufgrund ihres Alters aber doch, ähnlich wie ihr Buch.

Große Literatur oder pubertäre Wortspiele?

"Literarischer Kugelblitz" lobt es das Wochenmagazin "Die Zeit". Mit solchen pubertären Wortspielen könne er nichts anfangen, sagt hingegen ein Kollege zu mir. Wird es, genauso wie ihre Person, einfach überbewertet? Helene Hegemann hat lange braune Haare, und auch ich bin versucht zu sagen, dass ihr diese immer ins Gesicht fallen, wie ich es zuvor schon in fünf anderen Artikeln über sie gelesen habe. Sonst gibt es nicht viel zu sagen, außer dass sie eine selbstbewusste, wortgewandte und manchmal auch von Fragen gelangweilte junge Frau ist.

Berliner Autorin Helene Hegemann; Autorin des Buches Axolotl roadkill (Foto: Ullstein Verlag)

Lange braune Haare, die hier aber nur ein bisschen ins Gesicht fallen

Und natürlich ist ihr Buch mehr als eine wortgewaltige Unterhaltungslektüre über einen drogenabhängigen Teenager. Es zeigt den Versuch, sich von allen Konventionen und vorgegebenen Beziehungen abzulösen, auch wenn es in einer Selbstzerstörung mündet, die viele Leser so aufbringt. "Es freut mich natürlich, dass die Leute sich so damit abreiben, sich damit auseinandersetzen wollen oder auch nicht wollen. Und irgendwie bin ich da ein bisschen größenwahnsinnig, weil ich denke, damit vielleicht was Kleines zu revolutionieren – ohne allerdings zu wissen, was. Man muss auch nicht immer alles gleich verstehen, das ist ja so großartig."

Teenager auf Lebenszeit

So sehr reiben sich Leser an "Axolotl Roadkill" , dass sie um die 40 Hass-Mails am Tag bekomme, sagt Helene Hegemann. "Die kennen mich ja gar nicht, sondern nur das, was sie über mich gelesen haben, was nichts mit mir zu tun hat." Ein Axolotl ist übrigens ein mexikanischer Schwanzlurch, der aufgrund eines genetischen Defekts nie über das Lurchenstadium hinauswächst. Teenager auf Lebenszeit sozusagen. Aber er besitzt auch die erstaunliche Fähigkeit, seine Organe und Gliedmaßen komplett wieder zu regenerieren.

Eine Fähigkeit, die auch Helene Hegemann zu wünschen ist, wenn die Presse an ihr und ihrem Buch vorüber gezogen ist, die sie derzeit als "Wunderkind" feiert. "Sobald ich dieses Wort höre, denke ich immer, es muss mir irgendein Journalist gegenübersitzen. Ich denke nicht in solchen Kategorien und deswegen fühle ich mich nicht irgendwie besonders, sobald dieses Wort benutzt wird. Es ist natürlich als Kompliment gedacht, deswegen freue ich mich in irgendeiner Form, aber es bewegt mich nicht wirklich."

Autorin: Nadine Wojcik

Redaktion: Gabriela Schaaf

Das Buch:

Helene Hegemann "Axolotl Roadkill". Roman. Ullstein Verl. Berlin 2010. 208 S. 14,95 €

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