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Politik

Schrecken ohne Ende

Der Westen scheint das Interesse am Tschetschenien-Konflikt verloren zu haben. Aber die Angriffe in Inguschetien zeigen, dass sich die Lage im Kaukasus noch lange nicht beruhigt hat. Ein Kommentar von Miodrag Soric.

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Politiker haben bekanntlich ein kurzes Gedächtnis, auch die im Westen. Viele haben schon vergessen oder verdrängt, dass im Kaukasus vor ein paar Jahren ein Krieg zwischen tschetschenischen Rebellen und der russischen Armee tobte. Das böse Erwachen folgt, wenn es wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommt, so wie in der Nacht zum Dienstag (22.6.).

Ursprünglich ging es beim Tschetschenien-Krieg um das Streben eines kleinen Volkes nach staatlicher Unabhängigkeit. Inzwischen sind andere Gründe hinzu gekommen: die Rache von tschetschenischen Zivilisten an der russischen Soldateska für erlittenes Unrecht, der Kampf islamistischer Fanatiker gegen Christen - also Russen; Waffen-, Drogen- und Menschenhandel, Machtkämpfe tschetschenischer Clans untereinander. Am Ende will der russische Präsident Wladimir Putin aller Welt beweisen, dass er in der Lage ist, den Kaukasus zu befrieden.

Spirale der Gewalt

Davon kann nun nach dem Einfall von etwa 200 bewaffneten tschetschenischen Rebellen ins benachbarte Inguschetien keine Rede sein. Ohnmächtig mussten Moskaus Truppen zusehen, wie die Rebellen das Innenministerium und andere Regierungseinrichtungen in der Stadt Nasran überfielen. Bevor Moskau seine Truppen in Bewegung setzen konnte, war der Spuk im Kaukasus schon vorbei: Die tschetschenischen Kämpfer zogen sich bereits zurück.

Was jetzt folgt, ist schon Dutzende Male vorexerziert worden: so genannte "Säuberungen". Russische und mit ihnen verbündete tschetschenische Truppen ziehen durch die Dörfer auf der Suche nach Rebellen. Einige werden sie finden, die meisten jedoch nicht. Am Ende leiden vor allem die Zivilisten unter diesen "Säuberungen".

Der Hass auf die als Besatzer empfundenen Russen wächst. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter. Eine Lösung - gar eine politische - zeichnet sich nicht ab. Bereits vor einer Woche hat der letzte frei gewählte tschetschenische Präsident Aslan Maschadow in einem Interview mit einem amerikanischen Sender klar gemacht, dass die tschetschenischen Truppen immer noch in der Lage seien, größere Militäroperationen durchzuführen. Wer es nicht glaubte, wurde nun eines Besseren belehrt, auch wenn hinter dem jüngsten Angriff wahrscheinlich gar nicht Maschadow steckt.

Kein Interesse am Tschetschenien-Konflikt

Andere tschetschenische Führer beklagten sich in westlichen Medien, dass der Westen das Interesse am Tschetschenien-Konflikt verloren habe. Im Prinzip trifft das leider zu. Zum Teil liegt es daran, dass sich westliche Kamerateams schon lange nicht mehr in den Kaukasus wagen. Sie werden drangsaliert oder gar verfolgt, übrigens nicht nur von russischen Truppen. Wie viele westliche Journalisten sind von so genannten tschetschenischen Unabhängigkeitskämpfern entführt, wie viele ermordet worden?

Amerika braucht Russland als Partner beim Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Das Tschetschenien-Problem - so zynisch das klingen mag - stört diese Zusammenarbeit. Russland tut so, als ob es ein demokratischer Staat sei, der die Minderheitenrechte achtet und in dem Pressefreiheit herrscht. Der Westen tut so, als ob er daran glauben würde.