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Politik

Schröders Memoiren – eine Polemik

"Spiegel", "Bild", "Bild am Sonntag", dazu ein Porträt in der ARD – der Ex-Kanzler bewegt die deutsche Medienlandschaft mit seinen Memoiren so wie zu seinen besten Zeiten. Uta Thofern will das Buch trotzdem nicht haben.

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Schade eigentlich, dass Schröder seine Memoiren am Ende doch nicht "Ein ganzer Kerl" genannt hat. Das wäre wenigstens ehrlich gewesen. Noch passender wäre allerdings der Titel "Ich war und bin der Größte und werde es immer sein". Denn darin erschöpft sich Schröders Botschaft offenbar im Großen und Ganzen, das lässt sich jedenfalls aus den Vorabveröffentlichungen nur allzu deutlich entnehmen. Dieses Buch ist den Medienhype nun wirklich nicht wert, und mir den Preis von 25 € erst recht nicht.

Rücktrittsängste

Kostprobe gefällig? Schlaflos im Kanzleramt. Schröder starrt auf "das magische Dreieck, das entsteht, wenn der große Zeiger auf die Zwölf und der kleine auf die Drei des Zifferblattes zeigen." Darauf muss man erst mal kommen. Und was treibt ihn um, den schlaflosen Kanzler? Die Hartz-IV-Unterschicht ist es nicht, und auch die Soldaten, die er in den Kosovo und nach Afghanistan schicken musste, sind ihm nur zwei Sätze über diese "Belastungen dieses Amtes" wert. Wirklich wichtig ist ihm nur die Frage, ob seine Entscheidung für Neuwahlen am Ende an verfassungsrechtlichen Bedenken scheitern könnte. Da muss man sich natürlich nächtelang das Hirn zermartern, denn das würde ja den erzwungenen Rücktritt bedeuten, den er doch unbedingt vermeiden will. Aber: "Ich denke dabei vor allem an die Partei. Es geht erst in zweiter Linie um mich. Ich halte das schon aus." Ein ganzer Kerl eben.

Weicher Kern als PR-Maßnahme

Und doch, nicht wahr, unter einer rauen Schale steckt oft ein weiches Herz. Schröder erinnert sich: Rücktritt als SPD-Chef, Parteitagsrede, der "Pulk von Kameras", der ihn umringt (er ist schließlich wichtig) gibt den Blick auf seine Frau frei. Da fällt ihm zu der Binsenweisheit, die Aufgabe als Kanzler erfordere die ganze Kraft eines Menschen, noch spontan der Zusatz ein, "übrigens (übrigens!) gestützt auf die, die ich liebe und die mich lieben". Fast so schön wie seinerzeit im Wahlkampf, als ihm im Fernsehduell bei ähnlich peinlichen Äußerungen auch noch feuchte Augen gelangen. An seine Frau denkt Schröder offenbar immer dann, wenn ihn die Ergriffenheit ob seiner eigenen Großartigkeit packt und nebenher noch ein schöner PR-Effekt zu erzielen ist – sie muss ihn wirklich sehr lieben, wenn sie das aushält. So ein ganzer Kerl ist eben auch ganzen Einsatz wert.

Selbstzweifel haben in Schröders Welt – und in seinem Buch – offensichtlich keinen Platz. Wir dürfen den Ehemaligen rückblickend zur Abstimmung über die Vertrauensfrage in den Bundestag begleiten – und was bewegt den größten Kanzler aller Zeiten in dieser historischen Stunde? Wie er am besten dorthin kommt, unbehelligt, schließlich befinden sich "auf dem Quadratmeter im Regierungsviertel … mehr Journalisten …. als an jedem anderen interessanten Ort der Welt." Wer so etwas schreibt, der sucht nach Beweisen, dass er der interessanteste Kerl der Welt ist.

Kritik an Merkel

Wie ein Hund, der sein Revier markiert, heftet Schröder seinen Gegnern Etiketten an, Preisschildern gleich, die die Rangordnung deutlich machen sollen. Ob in seinem Buch oder in gezielt gestreuten Interviews, wer es jemals wagte, Schröders Überlegenheit anzuzweifeln, wird – angepinkelt. Die Generalabrechnung trifft unter anderem auch die Gewerkschaften ("wollten mich als Bundeskanzler zu Fall bringen"), den CSU-Chef ("scheut Herausforderungen") und natürlich - seine Nachfolgerin. Ach! seine Nachfolgerin. Die tut dem Hardcore-Kanzler offenbar richtig weh, die graue Maus, die sich auch mit Fönfriseur und Make-up nicht zum Medienstar eignet. Diese Frau zu SEINER Nachfolgerin zu machen, war in Schröders Augen anscheinend unverzeihlich, nicht umsonst erscheint sein Buch zum ersten Jahrestag ihres Amtsantritts. "Führungsschwäche" attestiert er ihr, und zu wenig "Basta!-Politik".

Macho statt Staatsmann

Das tut man nicht? Über seine Nachfolger schweigt man? Alles spießbürgerlicher, alt-bundesrepublikanischer Quatsch. Stil und Skrupel sind nichts für ganze Kerle. Die bewegen sich nämlich in einer "Mischung aus Euphorie und Genugtuung" durchs Leben (Schröder über Schröder am Abend der knapp verlorenen Bundestagswahl). Dass in einer Autobiographie weder Selbstkritik noch Mitgefühl, weder Strategien noch Visionen aufscheinen, das wäre bei einem Fußballer oder Popstar noch verzeihlich.

Aber hier will einer sein Buch verkaufen, der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland war. Ein Kanzler, unter dem sich die Bundesrepublik in die Berliner Republik verwandelt hat. Ein Land, das nach Nazi-Zeit und Weltkrieg in der Normalität und nach Wirtschaftswunder und Wiedervereinigung in der Realität angekommen ist. Ein Land, das Kriege führt und Kriege ablehnt. Wer einen solchen Wandel regiert hat, von dem erwartet man die Memoiren eines Staatsmannes. Doch aus Schröders Buch spricht nicht Größe, sondern Großmannssucht. Kein ganzer Kerl, sondern ein ganz gewöhnlicher Macho. Davon will ich nicht noch mehr lesen.

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