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Europa

Schottland-Virus: Wer will noch alles raus?

Das Schottland-Referendum könnte zur ersten neuen Staatsgründung innerhalb der Europäischen Union führen. Separatistische Bewegungen in Westeuropa im Überblick.

In der östlichen Hälfte Europas hat der Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens viele neue Staaten entstehen lassen. In Westeuropa dagegen schienen die alten Nationalstaaten für alle Zeiten festgefügt. Es gab zwar Abspaltungstendenzen, zum Teil militante, doch Chancen auf Verwirklichung schienen sie kaum zu haben. Das hat sich mit der geplanten Volksabstimmung in Schottland geändert. London hat sich bereit erklärt, den Willen der Schotten zu respektieren und sie notfalls aus dem Vereinigten Königreich zu entlassen. Und wie Umfragen zeigen, ist ein "Ja" zur Unabhängigkeit durchaus möglich. Das könnte Abspaltungstendenzen in einer ganzen Reihe von westeuropäischen Ländern neuen Auftrieb geben.

Schottland

Königin Elisabeth II Foto: imago/i Images

Die Königin könnte womöglich trotz Unabhängigkeit Staatsoberhaupt bleiben

Gut 300 Jahre besteht die Union zwischen Schottland und dem Rest des Vereinigten Königreichs. Sie könnte bald zu Ende sein, dann nämlich, wenn sich die Schotten am 18. September mehrheitlich für die Selbständigkeit aussprechen. Dabei hätte es die nun anstehende simple Entscheidungsfrage "Ja" oder "Nein" zur Unabhängigkeit gar nicht geben müssen. Hätte die britische Regierung als dritte Möglichkeit eine größere Autonomie zugelassen, würden sich fast mit Sicherheit die meisten Schotten dafür entscheiden. Doch London ließ sie nicht zu, offenbar mit dem Kalkül, eine völlige Unabhängigkeit würde die meisten Schotten abschrecken. Diese Rechnung könnte nun schiefgehen. Spricht sich eine Mehrheit für die Abspaltung aus, könnte Europa am 24. März 2016 die Wiedergeburt des schottischen Staates erleben.

Katalonien

Nirgendwo in Westeuropa war das Schottland-Virus so unmittelbar ansteckend wie in Katalonien. Während der Franco-Diktatur war das Katalanische verboten. Inzwischen hat die Region längst ein hohes Maß an kultureller und politischer Autonomie mit einem eigenen Regionalparlament. Doch vielen Katalanen reicht das nicht. Sie wollen einen eigenen Staat, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Sie sagen, das reiche Katalonien werde vom spanischen Gesamtstaat ausgesaugt. Seit Beginn der Wirtschaftskrise ist die Zahl der Befürworter einer Unabhängigkeit deutlich gewachsen. Die Regionalregierung in Barcelona will im November, so wie in Schottland, eine Volksabstimmung abhalten. Doch im Gegensatz zur britischen Regierung will sich Madrid nicht darauf einlassen. Eine Konfrontation scheint daher unvermeidlich.

Baskenland

Zerstörtes Auto Foto: picture-alliance/dpa

Früher hat die ETA gebombt, heute will sie ihr Ziel friedlich erreichen

Auch der baskische Nationalismus und die baskische Sprache wurden unter Franco unterdrückt. Das spanische Baskenland ist aber wirtschaftlich schwächer als Katalonien. Eine Minderheit der heutigen baskischen Nationalisten ist dafür wesentlich militanter. Die baskische Untergrundorganisation ETA hat in rund 50 Jahren mehr als 800 Menschen umgebracht, um das Ziel einer Loslösung von Madrid zu erreichen. Vor drei Jahren schwor die ETA der Gewalt ab. Doch weder Anschläge noch politische Verhandlungen haben das Baskenland einer Volksabstimmung, geschweige denn der Unabhängigkeit, näher gebracht. Allein die spanische Zentralregierung könnte laut dem spanischen Verfassungsgericht ein solches Referendum abhalten, und die Regierung in Madrid lehnt das ebenso ab wie ein Referendum in Katalonien.

Flandern

Bei den jüngsten belgischen Parlamentswahlen wurde die Neue Flämische Allianz unter Bart De Wever stärkste Kraft in Flandern. De Wever ist überzeugt, dass der belgische Gesamtstaat ohnehin "verdampfen" wird, er will ein eigenständiges Flandern auf dem Verhandlungsweg erreichen. Der flämische Separatismus ist ein Sonderfall: Belgien besteht ohnehin nur aus dem niederländischsprachigen Flandern, dem französischsprachigen Wallonien (einschließlich der deutschsprachigen Gemeinschaft) und dem offiziell zweisprachigen Brüssel. Würde sich Flandern abspalten, ginge Belgien deutlich mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung und Wirtschaftskraft verloren. Von Belgien bliebe also wenig übrig. Großer Streitpunkt wäre in dem Fall der Status von Brüssel, das ja auch Sitz von EU und NATO ist. Was dann mit Wallonien passieren würde, ist ebenfalls unklar. Ideen einer Angliederung an Frankreich, Luxemburg oder sogar Deutschland machen immer mal die Runde. Doch bisher haben sich die Belgier immer wieder zusammengerauft.

"Padanien"

Mailänder Börse Foto: AFP/Getty Images

Norditalienisches Geld soll im Norden bleiben

Die norditalienische Sezessionsbewegung ist rein ökonomisch motiviert. Der Norden mit den Regionen Lombardei, Aosta, Piemont, Ligurien, Venetien und Emilia-Romagna erwirtschaftet mit seinen Industriebetrieben und Banken einen Großteil des italienischen Sozialprodukts. Viele Norditaliener glauben aber, dass die Mitte und der Süden des Landes das hart verdiente Geld des Nordens verplempern. Die Partei Lega Nord wollte in den 1990er Jahren noch eine vollständige Abspaltung "Padaniens", abgeleitet von dem italienischen Namen "pianura padana" für die Poebene. Heute ist die Lega Nord gemäßigter. Jetzt geht es ihr nur noch darum, dass der Norden drei Viertel des erwirtschafteten Geldes selbst behalten kann, statt es erstmal nach Rom zu überweisen.

Südtirol

In Südtirol kommen wirtschaftspolitische und geschichtlich-kulturelle Faktoren zusammen. Südtirol gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zu Österreich-Ungarn, wurde dann Italien zugesprochen. Nach einer Italianisierungsphase in der Zeit Mussolinis erhielt Südtirol nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr politische und sprachliche Autonomie. Sogar einen großen Teil ihrer Staatseinnahmen darf die wohlhabende Region behalten. Die Südtiroler schienen lange Zeit befriedigt. Doch die Staatsschuldenkrise hat den Separatismus neu angefacht. Italien ist das nach Griechenland am höchsten verschuldete Land der Eurozone, die Wirtschaft kommt nicht auf die Beine. Viele Südtiroler, denen es selbst sehr gut geht, wollen mit den Problemen Gesamtitaliens nichts zu tun haben, und immer mehr von ihnen fordern daher: "Los von Rom".

Korsika

Alte Stadt am Mittelmeer Foto: Fotolia/ines1302

Frankreich will Korsika unbedingt französisch halten

Der französische Staat hat lange versucht, die korsische Sprache ganz aus dem öffentlichen Leben und den Schulen der Insel zu verdrängen. Autonomiebestrebungen wurden bekämpft. Militante Gruppen, vor allem die FLNC, haben viele Jahre versucht, Frankreich mit Gewalt loszuwerden, indem sie Anschläge gegen Vertreter oder Symbole des französischen Staates und auf Ferienhäuser von Festlandfranzosen verübten. Erst in diesem Sommer kündigte die FLNC an, künftig auf Gewalt zu verzichten. Doch das Konfliktpotenzial bleibt: Vorsichtige Autonomievorschläge der sozialistischen französischen Regierung unter Lionel Jospin im Jahr 2000 brachten die konservative Opposition auf die Barrikaden. Sie glaubte, dann würden auch andere Regionen wie die Bretagne oder das Elsass mehr Selbstständigkeit fordern. Traditionell nimmt man in Paris auch wenig Rücksicht auf Regionalsprachen, da man die Einheit des Landes in Gefahr sieht.

Bayern

So richtig ersthaft denken wohl die allerwenigsten Bayern daran, einen eigenen Staat zu gründen. Immerhin trägt Bayern schon heute den Begriff Freistaat im offiziellen Namen. Dabei könnte Bayern allein wohl durchaus überleben. Es ist das flächenmäßig größte deutsche Bundesland, hat mit fast 13 Millionen mehr Einwohner als Schweden oder Portugal und mit die höchste Wirtschaftsleistung der deutschen Bundesländer. Wenn es den Wunsch nach noch mehr bayerischer Selbstbestimmung gibt, dann ergibt er sich vor allem aus dem Länderfinanzausgleich, der die Wohlstandsunterschiede zwischen armen und reichen Ländern ein Stück weit ausgleicht. Bayern würde gern weniger in den großen Topf zahlen. Doch es gibt sie auch hier, die Sezessionisten: Der CSU-Politiker Wilfried Scharnagel plädiert in seinem 2012 erschienen Buch "Bayern kann es auch allein" für einen Austritt aus dem deutschen Staatsverband. Bisher ist aber keine größere Bewegung daraus geworden.