1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Schottland: Raus aus Großbritannien

Die Schotten wollen mehrheitlich in der EU bleiben - eine Abspaltung von Großbritannien wäre nötig. Nach dem Brexit-Votum bereitet die Regierung ein zweites Unabhängigkeits-Referendum vor. Von Peter Geoghegan, Glasgow.

Kaum waren die Ergebnisse des Brexit-Referendums da, wandte sich Regierungschefin Nicola Sturgeon von der Schottischen Nationalpartei, SNP, an die Öffentlichkeit. Flankiert von der schottischen und der EU- Flagge sagte sie, sie werde alles daran setzen, "dem Wahlergebnis der Schotten Ausdruck zu verleihen." Worte und Kulisse waren von der Politikerin wohlgewählt und unterstützten ihre Aussage. Es sei "demokratisch nicht zu akzeptieren", dass 62 Prozent der Schotten für einen Verbleib in der EU gestimmt hätten und sich nun dem Willen der Menschen im Rest Großbritanniens beugen müssten.

Für die ansonsten eher zurückhaltende SNP-Politikerin ist das ein starkes Auftreten. Fast zwei Jahre zuvor war ihr Vorgänger Alex Salmond am gleichen Schauplatz zurückgetreten. Das war am Tag, nachdem er und seine Partei das Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands vom Vereinigten Königreich verloren hatten.

Damals bezeichneten die Politiker der SNP die Abstimmung als eine Chance, die man nur einmal in einer Generation habe. Doch nun scheint es, dass die Schotten schon 2018 wieder an die Urnen gehen werden.

Erst im Mai dieses Jahres gewannen die schottischen Nationalisten die Regionalwahlen und übernahmen für eine dritte Legislaturperiode die Regierung. Damals traten sie mit dem Versprechen an, ein neues Unabhängigkeits-Referendum würden sie nur anstreben, wenn es eine "bedeutende Änderung der Umstände" gebe.

Nicola Sturgeon in Edinburgh - Foto: Reuters

Regierungschefin Sturgeon: "Demokratisch nicht zu akzeptieren"

Für Sturgeon ist mit dem Ergebnis der Brexit-Abstimmung diese neue Situation eingetreten: "Wenn ich sage, dass es ein neues Referendum geben muss, spreche ich nur das Offensichtliche aus." Sie fügte gleich hinzu, dass sie so bald wie möglich Gespräche mit der Europäischen Kommission sowie mit den anderen Mitgliedsstaaten der EU aufnehmen werde, um klarzumachen, dass Schottland in der EU bleiben wolle. Schottland wolle "seinen Platz in der Europäischen Union schützen".

Konservative sind gegen zweites Unabhängigkeits-Referendum

Doch nicht alle halten eine weitere schottische Abstimmung für richtig. Ruth Davidson, die Chefin der schottischen Konservativen, sagte zwar, sie teile Sturgeons Enttäuschung über das Brexit-Ergebnis, es sei aber kein ausreichender Grund, um erneut über die Unabhängigkeit Schottlands zu entscheiden.

"Ein zweites Votum wird weder helfen, die Stabilität, die wir uns wünschen, zu erreichen, noch wäre es zum Wohle der schottischen Bevölkerung", sagte Davidson, die vor der Brexit-Abstimmung heftig für den Verbleib Großbritanniens in der EU gekämpft hatte. "Ich glaube an Schottlands Platz im Vereinigten Königreich heute genauso sehr wie zuvor."

Joanne K. Rowling ändert vielleicht ihre Meinung

Die regierende SNP setzt nun darauf, dass viele, die sich 2014 noch gegen die Abspaltung Schottlands ausgesprochen hatten, ihre Meinung überdenken, damit Schottland - dann als unabhängiger Staat - in der EU bleibt. Diese Tendenz legen auch erste Umfragen nahe.

Sogar die Labour-Partei, die 2014 noch führende Stimme für die Einheit des Vereinigten Königsreichs war, scheint umzuschwenken. Der Gedanke, Großbritannien zu verlassen, sei "sehr, sehr attraktiv", sagte beispielsweise der Labour-Politiker Henry McLeish.

Auch die Autorin Joanne K. Rowling überlegt derzeit, ob sie ihre Meinung von vor zwei Jahren ändern soll. Sie sprach sich damals für ein einheitliches Großbritannien und somit gegen den Austritt Schottlands aus.

Eine Garantie für den Gewinn der Nationalisten bei einem zweiten Referendum gibt es jedoch nicht. Viele der Fragen, die den Nationalisten 2014 zum Verhängnis wurden, sind nach wie vor unbeantwortet - wie beispielsweise die der Währung und der Gas- und Ölindustrie in der Nordsee.

Schlimmer als der Brexit ist Boris Johnson

Boris Johnson bei Pressekonferenz - Foto: Stefan Rousseau (Reuters)

Brexit-Anführer Johnson: Unbehagen in Schottland

Es gibt ein weiteres Szenario, welches den Schotten noch mehr Unbehagen bereitet als der bevorstehende Austritt aus der Europäischen Union. "Boris Johnson würde die Schotten noch mehr aufregen als der Brexit", sagt Michael Keating, Professor für Politikwissenschaften an der Universität von Edinburgh. Der frühere Londoner Bürgermeister Johnson hatte sich für den Brexit eingesetzt und ist nun im Gespräch für die Nachfolge von Premierminister David Cameron.

"In Umfragen vor dem Referendum kam heraus, dass die Konservativen im Falle eines Brexits drei oder vier Prozent gewinnen würden", sagt Keating. In Schottland hingegen würde die Mehrheit der Bewohner die Konservativen nicht unterstützen, was eine Spaltung Großbritanniens weiter vorantreiben würde.

Die Redaktion empfiehlt