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Wissen & Umwelt

Schotten setzen auf Naturstrom

Wenn Schottland an diesem 18. September über die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich abstimmt, stimmt es auch über die Energiewende ab. Die britische Regierung setzt auf Atomstrom. Die Schotten nicht.

Wind und Wellen gehören zu Schottland noch eher als der Kilt. Auch wenn das raue Klima und das wilde Wetter auf den Tourismus eher abschreckend wirken - die Schotten haben die Vorteile für die Energieversorgung und damit die Wirtschaft längst entdeckt.

Knapp 15 Autominuten hinter der Großstadt Glasgow ragen aus dem Torfmoor 215 "Windriesen" in den Himmel. Whitelee ist der größte am Festland gebaute Windpark im Vereinigten Königreich, einer der größten in Europa. Er generiert 539 Megawatt - Strom genug für 300.000 Häuser. Ende 2013 waren in Schottland Windkraftanlagen mit insgesamt 4,5 Gigawatt an Land installiert.

Energiereichtum vor der Küste

Energie aus dem Meer (Foto: Aquamarinepowerltd).

Im Meer stecken riesige Energievorräte

Dazu schreitet das Offshore-Windgeschäft mit rasendem Tempo voran. 190 Megawatt sind bereits auf See installiert. Bis zu 5000 Megawatt sind in Planung. Auch die Meeresenergie soll zum klimaschonenden Energiemix der Zukunft beitragen. Sie gilt als zuverlässige, vorhersagbare Ergänzung zu Wind- und Solarenergie. Geräte, die unter den schwierigen Bedingungen vor der schottischen Küste Sturm und Wellengang aushalten, könnten überall in der Welt zum Einsatz kommen.

Deshalb wurde auf den Orkney-Inseln vor der nordschottischen Küste 2003 das Europäische Zentrum für Meeresenergie EMEC errichtet. Hier wurden seitdem Wellen- und Gezeitenturbinen getestet, die vor der Küste den Strom der Zukunft liefern sollen. Große Energiekonzerne aus mehreren europäischen Ländern engagieren sich jetzt im Pentland Firth, der Meerenge zwischen Nordschottland und den Orkneyinseln. Dort herrscht eine der stärksten Gezeitenströmungen der Welt. Sie wollen zeigen, dass die neuen Technologien kurzfristig einen bedeutenden Anteil am schottischen Strombedarf decken könnten. Längerfristig - also bis 2050 - sogar bis zu zehn Prozent des europäischen Energiebedarfs.

In den kommenden Jahren sollen Reihen von Geräten zu großen "Wellenfarmen" verbunden werden. Vor der schottischen Westküste wird der größte Wellenenergiepark der Welt errichtet. Es wurden bereits Lizenzen für den Ausbau von Meeresgebieten vergeben, die bis zu 1,6 Gigawatt an Meeresstrom erzeugen könnten.

Regierungsbonus für grüne Energie

Die schottische Regierung in Edinburgh unterstützt den Ausbau der erneuerbaren Energien nach Kräften. Premier Alex Salmond, der die Schotten in die Unabhängigkeit führen will, ist überzeugt, dass das kleine Land die notwendigen Ressourcen hat, um nicht nur den eigenen Strombedarf mit erneuerbaren Energien zu decken, sondern auch noch zu exportieren. Bis 2020 will Schottland seinen ganzen Strombedarf aus erneuerbaren Quellen erzeugen. 2013 waren es bereits 46,5 Prozent.

Die Erforschung neuer Technologien ist mit hohen Investitionskosten verbunden. Die schnellen Fortschritte in Schottland wären ohne die massive Unterstützung der Regierung undenkbar gewesen. Eine Kombination aus Darlehen, günstigen Einspeisetarifen und der Bereitstellung von gut erforschten Entwicklungsflächen vor der Küste boten einen Anreiz für interessierte Firmen.

Vom Nordseeöl zur erneuerbaren Zukunft

In Bezug auf seine Energieressourcen hat Schottland nach Überzeugung der Regierung "einen Sechser im Lotto" gewonnen. In der Vergangenheit profitierte das Land von Kohle und Wasserkraft sowie von Öl und Gas aus der Nordsee. Während die Ölvorräte als wichtige Einkommensquelle im Zentrum der Debatte über die Unabhängigkeit stehen, setzen die Schotten schon längst auf erneuerbare Energien. Denn die Ölvorräte sind begrenzt. Die "natürlichen Ressourcen" Wind und Wasser sollen die Zukunft sichern. Ein Viertel des Windpotenzials in ganz Europa, außerdem ein Viertel der europäischen Gezeiten- und Wellenkapazitäten, sieht die Regierung in Schottland vorhanden.

Unabhängig von Kernkraft

Im Gegensatz zur vom Konservativen Premier David Cameron geführten britischen Regierung in London lehnt Salmonds Scottish National Party Atomenergie ab. Zurzeit laufen Kernreaktoren noch in Hunterston B bei Glasgow und in Torness, in der Nähe von Edinburgh. Bereits 2016 soll Hunterston vom Netz genommen werden.

Während die Londoner Regierung neue Kernkraftwerke bauen will, hat sich die schottische Regierung schon längst für den Ausstieg entschieden. Auch die Nuklearwaffen und U-Boote, die auf der britischen Marinebasis in Faslane, unweit Glasgow, gelagert werden, sind den Schotten ein Dorn im Auge.

Seit Einführung des schottischen Regionalparlaments 1998 konnte das Land schon weite Schritte in Richtung grüne Energie unternehmen. Die Kompetenzen der Regierung sind aber begrenzt, wenn das Land Teil des von London regierten Vereinigten Königreichs bleibt. In einer wissenschaftlichen Studie wurde errechnet, dass ein unabhängiges Schottland durch die weitere Verstärkung der Erneuerbaren und die Abkehr von der teuren Kernenergie den Energiepreis für Verbraucher senken könnte. Außerdem könnten die Klimaziele der Regierung nach Meinung der Unabhängigkeitsbewegung schneller und effizienter umgesetzt werden, wenn die Entscheidungen in schottische Hände gelegt würden.

Um ihren grünen Kurs beizubehalten und konsequent durchzuführen, müsste die schottische Regierung volle Autonomie in Energie- und Finanzangelegenheiten haben, so die Befürworter. Am 18. September 2014 wird sich zeigen, ob die Mehrheit der Schotten diese Ansichten teilt.