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Fokus Osteuropa

„Schoro“ und Marschmusik: Bischkek vor den Wahlen

Erst Mitte Juni gab es in Bischkek gewalttätige Demonstrationen, am 10. Juli soll nun gewählt werden. Wie ist die Stimmung in der Stadt? Eine DW-Korrespondentin besuchte Bischkek kurz vor dem Wahltermin.

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Kirgisische Truppen vor dem Regierungsgebäude in Bischkek (März 2005)

Kurz vor den Präsidentenwahlen wirkt Kirgisiens Hauptstadt Bischkek ruhig und friedlich. Kinder und Erwachsene erfrischen sich in den überall sprudelnden Fontänen, man trinkt "Schoro" - ein alkoholfreies, säuerliches Getränk aus Wasser und gemahlenem Getreide, das an jeder Ecke verkauft wird. Auf dem zentralen Platz steht inzwischen die kirgisische Freiheitsstatue "Erkindik", das Lenindenkmal musste ihr weichen und wurde ein paar Schritte weiter in einen Park verbannt. Man spürt überall: Die Kirgisen sind stolz darauf, wie selbstbewusst sie jetzt mit ihrer Geschichte umgehen können.

Überall Militär

Kaum zu glauben, dass erst vor wenigen Monaten hier im Zentrum von Bischkek gewalttätige Unruhen ausbrachen, dass es Plünderungen gab, das Parlamentsgebäude gestürmt wurde. Und erst am 17. Juni sind die Demonstrationen wieder aufgelebt, das "Weiße Haus" wurde erneut gestürmt. Nur die vielen Militärs überall erinnern an diese Vorgänge.

Im Zentrum von Bischkek findet jetzt täglich eine Militär- und Polizeiparade statt, an der auch der stellvertretende Innenminister Murat Sutalinow teilnimmt. Er erläutert: „Diese Entscheidung - Paraden durchzuführen - haben wir natürlich nach dem 17. Juni getroffen. Und heute, laut Erlass, sind wir verpflichtet die Stadt verstärkt zu beschützen".

Jeden Tag bekommen also die Bewohner der Hauptstadt und ihre Gäste eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wer sie eigentlich beschützt. Es sind nicht nur Soldaten und Polizisten, sondern auch Angehörige der Finanz-, und der Grenzpolizei sowie des Antidrogen-Dezernats. Sie formieren sich in Reihen und laufen im Marschtritt am Minister vorbei, bevor sie den zentralen Platz verlassen, sich zerstreuen und sich ihrem üblichen Dienst widmen. Dazu spielt dann ein kleines Orchester auf, denn ohne klassische Militärmusik geht es eben nicht, meint der stellvertretende kirgisische Innenminister: „So feierlich mit Musik - weil ohne zu marschieren und ohne Orchester gibt es keine Disziplin. Und ohne Disziplin - kein Erfolg. Das Marschieren stärkt das Verantwortungsgefühl."

Polizei soll Wahllokale schützen

Die Menschen, die sich während der Parade am Platz versammelt haben, meinen allerdings, die Militärs wollten mit der Musik lediglich unter Beweis stellen, dass sie friedliche, aber aufmerksame Leute seien und nur eingriffen, wenn tatsächlich etwas passiert. Nur wer etwas zu verbergen habe, könne etwas an den Aufmärschen und der Polizeipräsenz finden. Und so werden die Paraden im Zentrum der Stadt wohl noch eine Weile anhalten. Mindestens bis nach der Wahl.

Und während der Wahl, sagt der stellvertretende Minister, wird man sich natürlich um den Schutz der Bevölkerung kümmern. Provokationen soll es nicht geben. Die Strategie erläutert er folgendermaßen: „Wir werden in kleinere Gruppen auftreten - 1-2 Polizisten - und jedes Wahllokal schützen, wie wir es sonnst immer schon gemacht haben. Der Schutz der Wahlzettel wird auch organisiert: angefangen mit deren Herstellung bis auf die Auszählung. Wir werden dafür sorgen, dass die Wahlzettel nicht geklaut werden".

Zwischen Hoffnung und Skepsis

Sind die Menschen aber überhaupt bereit, ihre Stimme abzugeben? Die jungen Leute im Zentrum von Bischkek sehen die Sache sehr positiv: „Ich hoffe, dass die Situation in unserem Land sich stabilisiert. Ich hoffe, dass das Nord-Süd-Problem gelöst wird, sowie das Problem der ethnischen Diskriminierung. Und ich hoffe, dass auch die wirtschaftliche Lage sich verbessert.“, sagt eine Frau. Ein Mann ergänzt: „Ich finde, heute gibt es keinen Kandidaten, der es wirklich verdient hat, Präsident zu werden. Aber wir werden trotzdem wählen gehen und den besten von allen wählen. Wir hoffen, dass diese Spannung, die wir heute im Land haben, sich löst, und eine normale Atmosphäre herrscht."

Nicht alle teilen diese Hoffnungen. Es gibt auch Skepsis, bei Jungen wie auch Älteren. „Hoffen dürfen die Jungen. Und ich sehe und kenne das reale Leben., sagt eine alte Frau.

Ein Bauer aus dem Süden Kirgisiens hat schon ganz konkrete Forderungen an die künftige Führung des Landes: „Nach den Wahlen muss viel verändert werden. Die Personalfrage muss gelöst werden, egal wer kommt, Bakijew oder ein anderer. Mann muss normalen Menschen Macht geben, auch den jungen, die noch 'sauber' sind und noch nie Bestechungsgelder angenommen haben. Wenn man die Mächtigen nicht auswechselt, wird es wieder nichts, nie!"

Darja Brjanzewa, zurzeit Bischkek

DW-RADIO/Russisch, 1. 7.2005, Fokus Ost-Südost