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Wirtschaft

Schockwelle an den Börsen

Die Börsen reagieren entsetzt auf das Nein zum US-Rettungsplan. Wie es in den USA weitergehen soll, ist unklar. EU-Handelsminister Mandelson hat die Kongress-Abgeordneten in den USA als verantwortungslos bezeichnet.

Schlechte Aussichten: In Tokio kennen die Kurse am Dienstag nur eine Richtung: Zwei Japaner schauen auf die Kursgrafik der Tokioter Börse (Foto: AP)

Schlechte Aussichten: In Tokio kennen die Kurse am Dienstag nur eine Richtung

Nach der vorerst gescheiterten Rettungsaktion für den US-Finanzmarkt sind am Dienstag (30.9.2008) auch in Asien die Kurse eingebrochen: Die Börsen in Japan, Hongkong, Australien und Neuseeland verzeichneten im Vormittagshandel Kursrückgänge zwischen 4,6 und 5,5 Prozent.

Fallende Kurse auch in Australien (Foto: AP) und Neuseeland

Fallende Kurse auch in Australien (Foto: AP) und Neuseeland

Der japanische Nikkei-Index verlor 4,6 Prozent und stürzte 544,54 Punkte auf 11.199,07 ab. In Australien und Neuseeland fielen die wichtigsten Börsenbarometer um 5,3 und 4,7 Prozent; in Hongkong verlor der Hang-Seng-Index in den ersten zehn Minuten des Handels 978,67 Punkte oder 5,47 Prozent auf 16,902.01 Analysten erwarteten eine Fortsetzung dieses Trends an weiteren Finanzplätzen.

Japanische Geldspritze für die Märkte

Die japanische Zentralbank pumpte am Dienstag erneut zwei Billionen Yen (13,4 Milliarden Euro) in die Geldmärkte. Insgesamt hat sie damit bisher bereits 20 Billionen Yen (134 Milliarden Euro) für die Liquidität des Finanzsystems zur Verfügung gestellt.

Der deutsche Aktienmarkt ist am Dienstag ebenfalls sehr schwach gestartet. Das Minus fiel allerdings zunächst nicht so groß aus, wie in den USA und an den asiatischen Märkten. Der DAX gab in den ersten Handelsminuten 2,02 Prozent auf 5690 Zähler nach.

An der Wall Street hatte nach der Ablehnung des 700-Milliarden-Dollar Rettungsplans im Repräsentantenhaus der Dow-Jones-Index mit dem Rekordverlust von 777,68 Punkten oder 6,98 Prozent geschlossen. Es war - gemessen in Punkten - der stärkste Einbruch in der Geschichte der New Yorker Börse, der sogar noch den Rückgang nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 übertraf. In Prozent gemessen blieb der Rückgang am Montag aber weit hinter dem Einbruch vom "Schwarzen Montag" im Oktober 1987 mit über 20 Prozent zurück.

Der Aktienhändler Michael Kilkenny muss sich Montag nach Börsenschluss an der Wall Street erst einmal erschöpft hinsetzen (Foto: AP)

Der Aktienhändler Michael Kilkenny muss sich Montag nach Börsenschluss an der Wall Street erst einmal erschöpft hinsetzen



Keine konkrete Strategie aus Washington

Nach dem Scheitern des US-Rettungsplans für den Finanzsektor und angesichts dramatischer Kursverluste an den Börsen kündigten Präsident George W. Bush und Finanzminister Henry Paulson weitere Initiativen an. Beide wollten in Kürze mit führenden Republikanern und Demokraten im Kongress zusammentreffen, um doch noch eine Lösung zu finden. Zugleich signalisierten Parlamentarier beider Parteien ihre weitere Gesprächsbereitschaft. Eine konkrete Strategie aber, wie weitere Unruhe auf den internationalen Finanzmärkten zu verhindern ist, ließen die Beteiligten nicht erkennen.

Unzureichende Mittel

Henry Paulson verlässt am Montag nach einem Treffen mit Bush den Westflügel des Weißes Hauses (Foto: AP)

Henry Paulson verlässt am Montag nach einem Treffen mit Bush den Westflügel des Weißes Hauses

"Wir werden daran arbeiten, eine Strategie zu entwickeln, die es uns ermöglicht, voranzuschreiten", sagte Bush, der sich enttäuscht über das Scheitern des Rettungspakets über 700 Milliarden Dollar im Abgeordnetenhaus äußerte. Paulson, der eindringlich zu raschen Handeln ermahnte, verwies vor allem auf die steigende Nervosität an den Märkten. "Die internationalen Finanzmärkte stehen unter Druck". Die ihm zur Verfügung stehenden Mittel zur Marktberuhigung bezeichnete er als unzureichend.

228 Parlamentarier hatten am Montag gegen das Kompromisspaket votiert, das der Kongress erst am Wochenende in Marathonsitzungen mühsam ausgearbeitet hatte. Lediglich 205 stimmten zu. Vor allem Republikaner waren dagegen; sie lehnten derartig gigantische staatliche Eingriffe in die Privatwirtschaft ab, da letztlich der Steuerzahler dafür aufkommen müsse.


Weiteres Vorgehen in den USA völlig offen

EU-Handelskommissar Peter Mandelson nannte am Montagabend die Ablehnung der milliardenschweren Finanzhilfen im US-Kongress verantwortungslos. "Die Abgeordneten sind von allen guten Geistern verlassen und ich hoffe, dass wir in Europa keine Politiker und Parlamentarier erleben, die eine solche Verantwortungslosigkeit an den Tag legen", sagte Mandelson in einem Interview des britischen Senders BBC.

Nach der Abfuhr für den Rettungsplan: Nancy Pelosi (Foto: AP)

Nach der Abfuhr für den Rettungsplan: Nancy Pelosi

Wie es konkret weitergehen wird, war zunächst völlig unklar. Am Dienstag gebe es aber wegen eines Feiertags sehr wahrscheinlich keine neue Parlamentsvoten, hieß es. "Die Abstimmung ist gescheitert, doch die Krise hält an", sagte die demokratische Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi.

Klares Zeichen aus Washington gescheitert

Ziel des US-Rettungsprogramms war es, den praktisch eingefrorenen Kreditfluss wieder in Gang zu setzen und weitere Turbulenzen auf den Finanzmärkten zu verhindern. Experten hatten immer wieder gewarnt, falls Washington nicht ein klares Zeichen setzt, drohten Panik und weltweite Kettenreaktionen an den Märkten. Ein erster Entwurf der Regierung war bereits am Donnerstag auf Ablehnung gestoßen.

Die beiden Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain riefen dazu auf, die Parteipolitik zu überwinden und gemeinsam Lösungen zu suchen. Der Demokrat Obama sprach von einer "nationalen Krise" und von einer drohenden "wirtschaftlichen Katastrophe". Der Republikaner McCain meinte: "Dieses Problem muss gelöst werden." Keiner der beiden Kandidaten zeigte aber einen konkreten Weg aus der Krise auf.

Deutlicher Autoritätsverlust für Bush

Bush hatte noch kurz vor der Abstimmung erneut eindringlich dazu aufgerufen, dem ausgehandelten Plan zuzustimmen. Kommentatoren meinten, die Ablehnung vor allem durch seine eigenen Partei markiere einen klaren Autoritätsverfall des Präsidenten nur wenige Monate vor dem Ende seiner Amtszeit. Laut Medienberichten waren ungefähr die Hälfte der 199 republikanischen Abgeordneten grundsätzlich gegen staatliche Eingriffe in den Privatsektor.

Führende Vertreter des Abgeordnetenhauses und des Senats hatten den 110-seitigen Gesetzentwurf nach einem dramatischen einwöchigen Tauziehen am Sonntag bekanntgegeben. Kernstück war der von der Regierung geforderte 700-Milliarden-Dollar-Fonds, mit dessen Hilfe angeschlagenen Finanzhäusern faule Hypotheken-Kredite und darauf basierende Wertpapiere abgekauft werden sollten. Das sollte die Banken massiv entlasten und ihnen wieder Luft verschaffen. (kap)

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