1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Schneller fertig machen mit Cybermobbing

Nicht nur Jugendliche werden zu Opfern von Cybermobbing. Gerade im Arbeitsleben treten damit neue Typen von Tätern auf. Und die Hetze hat sich bedrohlich weiterentwickelt.

Es geht jetzt einfach schneller, jemanden fertig zu machen. Wenn früher jemand am Arbeitsplatz gemobbt wurde, zog sich das oft über Jahre hin. Heute reichen in der Regel drei Monate, um dieselben Effekte zu erzeugen. "Cybermobbing ist wie ein Konzentrat", sagt die Expertin für Arbeitspsychologie Katja Stilz. Sie hat das klassische Mobbing am Arbeitsplatz mit der Realität des Cybermobbings verglichen. Durch die Möglichkeiten des Internets werden die Hetz- und Schmähkampagnen auf ein neues Niveau gehoben. "Es gibt einfach keine Rückzugsräume mehr. Mit dem Smartphone trägt man seine Feinde praktisch in der Hosentasche bei sich", beobachtet Stilz. Das Cybermobbing ist auch im Leben der Erwachsenen angekommen - und es weitet sich aus. "Klassische Mobbing-Erfahrungen liegen bei 28 Prozent der Erwachsenen vor, Cybermobbing haben inzwischen schon über acht Prozent erlitten."

Katja Stilz, Dozentin für Arbeitspsychologie (Foto: Kiesel/DW)

Expertin Katja Kilz bezeichnet die Online-Hetze als "Mobbing-Konzentrat"

In der Arbeitswelt treten damit neue Typen von Tätern auf, so Stilz. "Das Internet wird zu einem Instrument, durch das sich auch hierarchisch schwächere Mitarbeiter ermächtigt fühlen." Stilz spricht hier vom Typus des "Rächers". Die Attacken erfolgten häufiger aus Kränkungen heraus und dienen oft keinem bestimmten Ziel. Es geht dann um Neid, Lust am Leid anderer oder Gehässigkeit aus purer Langeweile. Anders beim klassischen Mobbing: Das verhelfe häufig dazu, Gruppenidentität zu stiften und Konkurrenten zu verdrängen. Oft werde es mit Billigung von Vorgesetzten verübt. In Zeiten des Cybermobbings kann es jeden treffen, auch den früher unangreifbaren Chef. "Deutlich ist dabei auch, wie hilflos Erwachsene auf das Mobbing reagieren. Viele akzeptieren nicht, dass sie Opfer sind - und holen keine Hilfe", sagt Stilz.

Cybermobbing als Straftatbestand?

Für Bundesjustizminister Heiko Maas ist die Diskriminierung im Internet inzwischen ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem. "Die Gesellschaft muss darauf entschlossen reagieren", sagte der SPD-Politiker zu Beginn einer Fachtagung zum Thema Cybermobbing in Berlin. Maas verwies auf Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Bedrohung. "Durch die Neufassung des Paragrafen 201a des Strafgesetzbuches macht sich jetzt auch strafbar, wer mit Bildern oder Videos die Hilflosigkeit einer Person zur Schau stellt", erläuterte der Justizminister. Eine intensivere Präventionsarbeit sei wünschenswert.

Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender Bündnis gegen Cybermobbing in Berlin (Foto: Kiesel / DW)

Uwe Leest engagiert sich mit seinem Bündnis gegen Cybermobbing seit fünf Jahren für mehr Prävention

"Cybermobbing ist vom Phänomen zum Problem geworden", stimmt Uwe Leest zu. Der Marktforscher ist Vorstandsvorsitzender des Vereins Bündnis gegen Cybermobbing und würde den Justizminister gerne davon überzeugen, einen Straftatbestand "Cybermobbing" in das Strafgesetzbuch aufzunehmen: "Das schafft mehr Aufmerksamkeit." Bisher gibt es da noch Widerstand vom Minister und eine kontroverse Diskussion unter den Fachleuten.

"Es wäre schon ganz gut, wenn das vorhandene rechtliche Instrumentarium konsequent angewendet würde", meint Rechtsanwalt Stephan Witteler, der sich ebenfalls im Bündnis gegen Cybermobbing engagiert. "In der Strafverfolgung haben wir da noch Potenzial." Der Jurist stellt fest, dass die Ermittlungen bei Cybermobbing oft sehr langwierig und schwierig seien. "Oft laufen sie ins Leere, weil die Schmähungen auf einem Server in Samoa gehostet werden." Nach Wittelers Wahrnehmung krankt der Kampf gegen Cybermobbing auch daran, dass die Strafverfolgungsbehörden das nicht als besonders wesentlich ansehen. In der Regel erfolge der Verweis auf die Zivilklage, wie bei einer einfachen Beleidigung.

Die Hetze im Netz verschwindet nicht

Catarina Katzer, Sozialpsychologin (Foto: Kiesel/DW)

Cyber-Soziologin Catarina Katzer wünscht sich einen Hilfe-Button für gemobbte Jugendliche

Aber Cybermobbing hat da einfach eine andere Wucht. Das Internet, so legt es ein Blick auf die Forschung nahe, macht es den Menschen leichter, ihre dunkle Seite auszuleben. "Die Empathie mit den gequälten Menschen sinkt, man sieht die Tränen nicht", erklärt die Sozialpsychologin Catarina Katzer vom Institut für Cyberpsychologie und Medienethik. Die Anonymität des Netzes mache es leichter, zum Täter zu werden - und zu agieren, ohne durch das soziale Umfeld gebremst zu werden. Katzer spricht vom "One-Touch-Mobbing" durch die allgegenwärtigen mobilen Geräte - vor allem bei Jugendlichen. "Da besteht ja so etwas wie eine Vollversorgung mit Smartphones", sagt Katzer. Sie zitiert aus aktuellen Studien, nach denen bis zu einem Viertel der 12 bis 18-Jährigen schon Opfer von Cybermobbing geworden sind. Es sind Gerüchte, Beschimpfungen und kompromittierende Fotos, die über Webseiten und Apps die Runde machen und sich viral verbreiten können - rund um die Welt. Und das Material lässt sich kaum wieder beseitigen. Was bringt schon die Löschung eines fiesen Youtube-Videos, wenn es irgendwer gespeichert hat und jederzeit wieder online stellen kann?

Die Cybermobbing-Expertin Katzer geht davon aus, dass 20 Prozent der Betroffenen dauerhaft belastet sind. Das Selbstwertgefühl wird geschädigt, die Sozialkontakte verarmen, sie beginnen sich selbst körperlich Schaden zuzufügen. "Wir sprechen bei den Jugendlichen hier von einer Größenordnung von 500.000 Traumatisierten in Deutschland", warnt Katzer. Sie würde es gerne sehen, wenn sich die Anbieter von Internetanschlüssen und sozialen Netzwerken stärker im Kampf gegen die bittere Hetze engagieren würden und zum Beispiel die Löschung von beleidigenden Inhalten erleichterten: "Zumindest könnten die doch dafür sorgen, dass die Betroffenen schnell Hilfe finden, wenn sie Opfer von Cybermobbing geworden sind."

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links