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Politik

Schneeterror

Erst der 11. September, dann die Briefe mit Milzbranderregern, der Sniper …. und jetzt der Blizzard. Die Bewohner Washingtons haben Zeit zum Nachdenken, schreibt DW-TV-Korrespondent Eckhard Tollkühn.

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Es ist President’s Day, einer dieser amerikanischen Halbfeiertage, an denen alle Behörden und Schulen geschlossen haben. Da in Washington fast jeder dritte für eine Regierungs- oder Kommunalbehörde arbeitet, ist dies in der amerikanischen Hauptstadt also ein durchaus ernst zu nehmender Feiertag.

Schnee statt Kunden

Vor allem der Einzelhandel nimmt ihn erst. Am Vortage sind die Sonntagszeitungen dick gefüllt mit Werbebeilagen, um die Leute an diesem langen Wochenende in die Malls und die Baumärkte zu locken. Doch statt der Kunden kam der stärkste Schneesturm seit Jahren. Der Verkehr ist lahmgelegt, die Flughäfen geschlossen. Da die Schneeflüge mit dem Flockenschwall von oben nicht mehr nachkommen, haben die Stadtväter am Montag den Notstand ausgerufen und ein Autofahrverbot verfügt. Solche Verordnungen sind übrigens sehr ernst zu nehmen. Schneepflüge behindern, ist ein teurer Spaß in Washington: $ 250.

Vor wenigen Tagen noch wurde die amerikanische Bevölkerung aufgerufen, sich mit Notrationen einzudecken, da ein Terroristenanschlag wahrscheinlich sei. Es folgte ein nervöses Leben im Zeichen der orangefarbenen, zweithöchsten Alarmstufe. Dann kam die weiße Pracht, mit geballter Macht. Niemand redete mehr von Orange, obwohl nachts weiterhin die Patrouillenflugzeuge über Washington röhren und Lafetten mit Boden-Luftraketen vor den Regierungsgebäuden stationiert sind.

Neue Prioritäten

Es war fast ein Aufatmen in der Bevölkerung spürbar: Der Schneesturm hat die Prioritäten verlagert. Da war etwas passiert, das nachvollziehbar war. Das öffentliche Leben der Stadt war lahmgelegt. Aber nicht von Terroristen, wie die Regierung warnte, sondern von Mutter Natur. Wie erholsam. Die Menschen lachen wieder in Washington. Nachbarn, die sich wochenlang nicht mehr gesehen haben, treffen sich beim Schneeschaufeln und tauschen Scherze aus. Man sitzt vor dem Kamin, liest ein Buch, plaudert mit Familienmitgliedern am Telefon oder probt den Ski-Langlauf rund ums Kapitol.

All jene, die dem Aufruf der Regierung gefolgt waren und sich mit Notrationen eingedeckt haben, haben in der Schneekatastrophe wenigstens ausreichend zu essen. Die Mahlzeiten werden vielleicht zweckentfremdend verspeist, aber schmecken tun sie trotzdem.

Klimaterrorismus?

Sicher hat auch der Präsident genug zu essen. Aber auch er musste umdisponieren und von seinem Landsitz Camp David vorzeitig ins Weiße Haus zurückkehren, bevor er voll eingeschneit war und die Hubschrauber wegen der Sichtverhältnisse nicht mehr fliegen konnten.

Aber noch spricht George W. Bush nicht vom Klimaterroristen da oben.