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Kunst

"Schmuddelkind" der Kunst: Bonner Ausstellung zeigt Comic-Geschichte

Lange wurden sie belächelt, heute haben sie Kultstatus: Comics. Die Bundeskunsthalle in Bonn widmet ihnen nun die bislang umfangreichste Ausstellung in Deutschland - und zeigt eine Geschichte mit Missverständnissen.

"COMICS! MANGAS! GRAPHIC NOVELS!" - der Titel verrät ziemlich eindeutig, was den geneigten Besucher bis zum 10. September in Bonn erwartet: Anhand von rund 300 Exponaten aus Amerika, Japan und Deutschland wird die Geschichte des Comics und seiner Verwandten Manga und Graphic Novel erzählt.

Neben den Exponaten, unter denen sich zahlreiche seltene Originale von Superman und Co. befinden, können die Besucher auch an Bildschirmen und Installationen mit Virtual-Reality-Brillen Station machen. Auch wenn diese etwas aufgezwungen wirken - ihre Wirkung verfehlen sie nicht: Mit dem Aufsetzen der Reality-Brille wird der Besucher direkt in einen Comic-Strip katapultiert. Die Bilderschau skizziert die Entwicklung einer durchaus komplexen Kunstform.

VR-Brillen-Installation in der Bundeskunsthalle Ausstellung COMICS! MANGAS! GRAPHIC NOVELS!. (DW/M. Hunger)

Alte Bilder, neue Technik: Per VR-Brille landet der Betrachter mitten im Bild

Anfang des 20. Jahrhunderts werden die Comic-Strips in amerikanischen Tageszeitungen zum ersten Bild-Massenmedium. Das Aufkommen der Superhelden macht die Comic-Hefte schließlich zum festen Teil der Jugendkultur in den USA. Ende des 20. Jahrhunderts startet in Japan dann der Manga-Boom. Heute machen Mangas rund ein Drittel aller Druckerzeugnisse in Japan aus.

In Deutschland gelte das Medium häufig noch als "Schmuddelkind" der Kunstszene und müsse sich hinter traditionellen Kunstformen anstellen, sagt Alexander Braun, Kurator der Ausstellung. So erkläre es sich dann auch, dass - nach 120 Jahren Comic-Geschichte - erst jetzt eine so umfangreiche Ausstellung in Deutschland realisiert werde. Ein "trauriges Phänomen", wie er findet.

Unterschätze Avantgarde

"Es gibt Comic-Autoren, die durchaus auf Augenhöhe mit den großen Künstlern des 20. Jahrhunderts sind", sagt Braun. Zu ihnen zählt Comic-Dadaist George Herriman. "Der traut sich was! Er bricht mit der Erzählkontinuität, bildet im Hintergrund etwas anderes ab als im Vordergrund. Das hat er schon 1916 gemacht", beschreibt Braun: Ab den 1910er Jahren veröffentlicht Herriman seine Geschichten als täglichen Comic-Strip in amerikanischen Tageszeitungen. Seine Motive und Bildkompositionen tragen avantgardistische Züge und machen ihn zu einem der einflussreichsten Comic-Zeichner. So malt er etwa karierte Himmel, zeichnet über den Rahmen der Bilder hinaus oder lässt seine Protagonisten ihre eigene Welt zeichnen.  

In Deutschland krankt die Gattung bis heute an den schwachen Verkaufszahlen: "Die Zahlen der Auflagen von Künstlern wie Will Eisner (Erfinder der "Graphic Novel", Anm. d. Red.) liegen in Deutschland bei unter 1000 Stück. Wenn in Frankreich das neue Heft einer populären Serie erscheint, startet das mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren", erzählt Braun. Um zu verstehen, warum Comics in Deutschland im internationalen Vergleich so wenig populär sind, genügt ein Blick in die Vergangenheit: Es zeigt sich eine Geschichte mit Missverständnissen.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Bild der Bonner Comic-Ausstellung (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Helden der Kindheit: In Deutschland kennt man Comics vor allem als Unterhaltungsmedium für Kinder

Bis ins 20. Jahrhundert hinein will man in Deutschland von US-amerikanischen Kunst-Importen nicht viel wissen. Die USA, das Geburtsland der Comics, gilt in Europa damals als Schlusslicht der internationalen Kunstszene, sagt Alexander Braun. Als die europäischen Eliten in den 1930ern vor dem Nazi-Regime in die USA flüchten, ist es dann erst recht vorbei mit dem kulturellen Austausch: Unter der Regentschaft der Nationalsozialisten gelangen die amerikanisch geprägten und häufig rebellischen Comics nicht an die Öffentlichkeit. Und so verschläft man in Deutschland 1929 die erste europäische Comic-Produktion: "Tim und Struppi" erscheint in Frankreich - 30 Jahre nach den ersten Comic-Strips in den USA. In Deutschland erscheinen die ersten Hefte erst rund 20 Jahre später.

In den 1950ern ist es dann soweit: Die Comics schaffen es auch nach Deutschland. Zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn in den USA gelten sie gerade als öffentliches Ärgernis und ziehen eine Zensurdebatte nach sich: Man wirft den Comics vor, die Jugend zu verdummen und zu verrohen. Was in Deutschland ein großes Missverständnis mit sich bringt, wie Braun beschreibt: "Die Zensur in den USA betraf nicht alle Comic-Strips, sondern die Genres Horror, Crime und solche mit zu viel Sexualität. In Deutschland wurde dann eine Schund-und-Schmutz-Debatte über das Medium per se geführt - das haben die Amerikaner nie getan!"

VW-Bus in der Ausstellung der Bundeskunsthalle COMICS! MANGAS! GRAPHIC NOVELS!. (DW/M. Hunger)

Symbol der Freiheit: Seine unkomplizierte Herstellung bewahrt dem Comic bis heute seine Autonomie

Die nun folgende Selbstzensur der amerikanischen Comic-Industrie verhindert zunächst, dass sich das Medium auch mit erwachsenen Themen beschäftigt. Die Comics, die nach Deutschland importiert werden, beschränken sich vorwiegend auf Kinderunterhaltung.

"Man nimmt ein Blatt Papier und fängt an zu zeichnen."

Erst in den 70er Jahren beginnt sich die Gattung in Deutschland zu etablieren. Heute erfreuen sich Comics auch in Deutschland wachsender Beliebtheit. "Die Hochkulturinstitutionen gucken jetzt mehr hin - man kriegt damit den Nachwuchs ins Haus", erklärt Alexander Braun.

Und warum? Weil Comics etwas zu bieten haben, das viele Medien nicht, oder nicht mehr haben: Unabhängigkeit. Während Filmemacher und andere Künstler häufig auf große Budgets, Geldgeber und teure Ausrüstung angewiesen sind, kommt die Produktion eines Comics mit wenig Mitteln aus. "Der Comic erhält seine Autonomität und seine Subversivität dadurch, dass er so einfach zu kreieren ist", sagt Braun. "Wenn man Talent und einen starken Willen hat, nimmt man einen Stift und es geht los..."

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