1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Welt

Schmerzhafte Erinnerung an NS-Massaker

Zwischen 1943 und 1945 massakrierten Wehrmacht und SS Tausende Italiener. Jetzt stellte eine deutsch-italienische Historikerkommission ihren Bericht über die damaligen Kriegsverbrechen vor.

Der Bericht hat alte Wunden aufgerissen. Es werden rund 5000 Fälle dokumentiert, in denen es zu Übergriffen von deutschen Truppen kam: Plünderungen, Vergewaltigungen und Morde. Elide Ruggeri, die am 29. September 1944 in Marzabotto, in den Bergen südlich von Bologna, ein Massaker von deutschen SS- und Wehrmachtssoldaten wie durch ein Wunder überlebte, erinnert sich: "Ich war dort und dann kam einer von der SS, der ein Mädchen tötete, deren Kopf zertrümmert war und die nur noch jammerte. Er gab ihr einen Schlag und ich dachte: der nächste ist für mich. Er fixierte mich mit seinen Blicken und dann sagte er: 'Niente kaputt'. Damit gab er mir zu verstehen, dass er mich nicht töten würde."

Von Verbündeten zu Feinden

Der Friedhof von Marzabotto (Foto: AP)

Friedhof von Marzabotto: Letzte Ruhestätte der Opfer des Massakers

Das Massaker von Marzabotto hat eine Vorgeschichte. Und die beginnt am 8. September 1943. Als Italien das Bündnis mit Hitler-Deutschland aufkündigt, werden aus Freunden Feinde. Von einem Tag auf den anderen Tag werden die deutschen Streitkräfte im Land zu Besatzungstruppen und hinterlassen bei ihrem Rückzug nach Norden eine Spur der Verwüstung. Es sei zwar nur eine begrenzte Zahl von Einheiten gewesen, sagt Wolfgang Schieder, Professor für Zeitgeschichte und stellvertretender Vorsitzender der deutsch-italienischen Historiker Kommission - dafür seien die deutschen Verbände aber umso grausamer vorgegangen.

Dreieinhalb Jahre lang haben die Historiker im Auftrag der Regierungen in Rom und Berlin die blutige Geschichte der letzten Kriegsjahre in Italien erforscht. Dabei gingen sie von den Erfahrungen der Betroffenen aus, von Opfern und Tätern, unterstreicht Wolfgang Schieder. Es sei der Kommission dabei nicht um die Wehrmacht, die Zivilbevölkerung oder den Widerstand gegangen, sondern um die Frage, wo, wann und wer etwas getan habe.

Adolf Hitler und der italinische Diktator Benito Mussolini bei einem Treffen in Florenz (Foto: Keystone/Getty Images)

Mordkumpanen: Hitler und Mussolini. 1943 setzte Italien den "Duce" ab und kündigte Hitler die Freundschaft

Dieser Blick auf die deutsch-italienische Geschichte ergibt ein differenziertes Bild und widerlegt nationale Mythen, wie sie in Italien weit verbreitet sind. Zum Beispiel, dass Italien seit 1943 geschlossen in der "Resistenza" war, im Widerstand gegen Hitler. Denn die deutschen Truppen wurden bei ihren Aktionen gegen die Zivilbevölkerung immer wieder von italienischen Faschisten und Anhängern Mussolinis unterstützt. Auch darum gehe es bei der Arbeit der Historiker-Kommission, sagt Wolfgang Schieder: "Das Problem der Kollaboration muss intensiver erforscht werden. Dann ergeben sich ganz andere Aspekte, als wenn man das aus einer reinen Widerstandsperspektive sieht."

Die Historikerkommission wurde ins Leben gerufen, nachdem das Oberste Gericht in Italien 2008 die Bundesrepublik Deutschland zu einer Schadenersatzzahlung verurteilt hatte und dafür deutschen Besitz in Italien beschlagnahmen wollte. Juristisch ist der Fall geklärt. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat die Ansprüche gegen Deutschland zurückgewiesen: Kein Staat kann einen anderen in Haftung nehmen. Für die Opfer und ihre Angehörigen in Italien ist das unbefriedigend.

Die Leiden der Überlebenden

1830 Menschen sollen allein bei dem Massaker von Marzabotto umgebracht worden sein, fast ausschließlich Zivilisten, Alte, Frauen, Kinder. Gianluca Lucarini, dessen Großeltern bei dem Massaker ums Leben kamen, ist der Präsident der Opfervereinigung von Marzabotto. Er beschreibt, unter welchen Folgen die Nachfahren der Opfer bis heute zu leiden haben: "Das ist mein Erbe, ein sehr schwieriger Teil meines Lebens. Denn mein Vater hat mit 18 Jahren seine Eltern verloren und natürlich hat er den Schmerz darüber in die Familie gebracht, die er dann gegründet hat." Das Leben seines Vaters sei nicht einfach gewesen, denn damals habe es niemanden gegeben, der ihm dabei half, das Leben in die Hand zu nehmen und zu verstehen, was passiert war, sagt Gianluca Lucarini.

Was passiert ist - genau darum geht es in dem Bericht der Historikerkommission. Für den Vater von Gianluca und die allermeisten Opfer kommt dieser Bericht allerdings viel zu spät.