Schmeling-Nachfolger Charr hat keinen deutschen Pass | Sport | DW | 28.11.2017
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Boxen

Schmeling-Nachfolger Charr hat keinen deutschen Pass

Profiboxer Manuel Charr hat sich nach seinem WM-Sieg als erster deutscher Schwergewichts-Weltmeister seit Max Schmeling feiern lassen. Das mag moralisch sogar stimmen, doch bürokratisch ist es nicht ganz korrekt.

Die Schwergewichts-WM zwischen Manuel Charr und Alexander Ustinow bekommt ein kurioses Nachspiel: Zwar war der Kampf nicht hochklassig, seine Bedeutung aber schon und dementsprechend groß war auch die Freude über den Sieg: "Deutschland - wir sind Weltmeister!", hatte Charr nach seinem Punktsieg gegen den Russen in die Kamera gerufen, nachdem ihm der Weltmeistergürtel des Boxverbandes WBA umgehängt worden war. Und auch, wenn die WBA mit Anthony Joshua einen Charr übergeordneten so genannten Superchampion hat, und auch wenn Max Schmeling vor 85 Jahren zu einer Zeit Weltmeister war, als es noch nicht eine Handvoll verschiedener Weltboxverbände gab, so durfte sich Charr anschließend dennoch erster deutscher Schwergewichts-Weltmeister seit Schmeling nennen. Die Nachfrage des Reporters der "BILD"-Zeitung, ob er tatsächlich einen deutschen Pass besitze, beantwortete er so: "Ja, ich schwöre es!"

Manager Jäger: "Deutscher durch und durch"

Nun aber musste der gebürtige Libanese, der im Alter von fünf Jahren als Flüchtling nach Deutschland kam, zurückrudern: "Mein Einbürgerungsverfahren liegt wegen eines möglichen Strafverfahrens auf Eis", sagte der WBA-Champion dem Kölner "Express": "Das wird gerade von meinen Anwälten geklärt, und dann hoffe ich, meinen Pass endlich abholen zu dürfen. Aber letztlich ist es nur ein Stück Papier. Was zählt ist, dass ich mich vom Herzen her als Deutscher fühle". Bei Sky Sports News HD erklärte Charr zudem: "Es kam seit anderthalb Jahren nicht dazu, dass ich meinen Pass abgeholt habe. Ich habe einen deutschen Pass, den hole ich bald ab, den lege ich allen am Bildschirm vor, dann freut ihr euch. Ich bin zu 100 Prozent Deutscher, der "Koloss aus Köln" ist Deutscher."

Allerdings liegt nach Informationen des Sportinformationsdienstes SID Charr in dessen Heimatstadt Köln kein deutscher Pass bereit. Das Lager des Profiboxers ist nun in Erklärungsnot und reagiert und reagier mit Unverständniss: "Ich finde die Diskussion ehrlich gesagt armselig und typisch deutsch", sagte Charrs Manager Christian Jäger dem SID. Der Österreicher kann die Aufregung um das Thema nicht verstehen: "Für mich ist Manuel Charr Deutscher durch und durch, er lebt seit 28 Jahren hier."

Boxer Manuel Charr mit WM-Gürtel neben Manager Christian Jäger (picture-alliance/SVEN SIMON/A. Waelischmiller)

Box-Weltmeister Manuel Charr (l.) und sein Manager, der Österreicher Christian Jäger (r.)

Das Beispiel der ukrainischen Klitschko-Brüder hat gezeigt, dass Profiboxer nicht unbedingt deutsche Staatsbürger sein müssen, um hierzulande Karriere zu machen. Charr hat zwar bei Weitem nicht die Klasse der Klitschkos - gegen Witali Klitschko kassierte der "Koloss von Köln" 2012 in Moskau eine klare K.o.-Niederlage - aber seine Lebensgeschichte bietet neben seiner Flucht als Kind genug Stoff, um das Publikum zu fesseln.

Ein Leben wie ein Film

Am Anfang seiner Kampfsportkarriere war Charr deutscher Meister und Europameister im Kickboxen, bevor er sich für eine Boxkarriere entschied. Immer wieder kam er mit der Justiz in Konflikt: Charr wurde im September 2006 wegen des Verdachts auf versuchten Totschlag verhaftet und angeklagt. Zusammen mit seinem Boxstall-Kollegen Alexander Abraham, dem Bruder von Ex-Box-Weltmeister Arthur Abraham, hatte er eine Auseinandersetzung, bei der er sich, so Charr, in Notwehr verteidigte. Beide Boxer wurden freigesprochen.

2011 folgte die nächste Verhaftung - diesmal im Rahmen einer bundesweiten Razzia gegen eine Autoschieberbande. Drei Wochen saß Charr in Untersuchungshaft, bevor das Verfahren eingestellt wurde. Im September 2015 wurde Charr schließlich Opfer eines Attentats: In einem Imbiss in Essen wurde er von einem Rivalen in den Buach geschossen und schwer verletzt. Eine Notoperation rettete damals sein Leben. Der Schütze wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren Haft verurteilt. Charr gab an, dass Beleidigungen zu der Tat geführt hätten.

Titel für Deutschland und für Erdogan?

Keine Frage: Charr weiß, Fans und die Medien für sich einzunehmen. Seine Auftritte im Vorfeld des WM-Kampfs wirkten sympathisch. Auch das Sieger-Interview im Ring hatte schöne Momente: zum Beispiel, als er ein Küsschen in die Kamera an seine Mama verteilte oder als Charr die Bundeskanzlerin direkt ansprach: "Frau Merkel, wir haben es geschafft!" Den Titel mache er Deutschland und seiner Bevölkerung zum Geschenk, so Charr.

Nun könnten ihn die verwirrenden Aussagen um seine Staatszugehörigkeit einige Sympathiepunkte bei den Boxfans kosten. Hinzu kommt ein Youtube-Video, in dem Charr auf einem Sofa sitzt, das mit einer türkischen Fahne geschmückt ist. Im Interview mit einem türkischen Journalisten sagt er: "Ich möchte die Türkei besuchen. Erst das türkische Volk und natürlich unseren Präsidenten Erdogan." Er widme den Gürtel dem türkischen Volk und dem Präsidenten als Dank für die Aufnahme vieler syrischer Flüchtlinge. Nach Syrien, wo er herkomme, wolle er ebenfalls reisen und sich dort für Frieden zwischen Syrien und der Türkei einsetzen.

asz (sid, dpa)

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