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Krise der Fakten - Krieg der Meinungen

"Schmalbart": Wie ein Netzwerk die Debattenkultur retten will

Eine neue Online-Plattform will gegen populistische Desinformation kämpfen. Noch formiert sich das Netzwerk "Schmalbart" im Verborgenen. Den Mitstreitern geht es um Demokratie - ein idealistisches Mammutprojekt.

Migranten, Pyrotechnik, ein Kirchenbrand - fertig ist die Falschmeldung: Vor Kurzem katapultierte sich das rechtspopulistische US-Medium "Breitbart News" in die internationalen Schlagzeilen. Die haarsträubende Geschichte: Ein Mob von ausländischen Männern habe in der Silvesternacht in Dortmund die Polizei mit Raketen angegriffen und eine Kirche angezündet.

Inzwischen ist klar: "Breitbart News" hat Informationen über den Vorfall verfälscht - eine übliche Praxis des Portals. Nicht umsonst gilt es als Sprachrohr der rechtsextremen "Alt-Right"-Bewegung und regelmäßiger Verbreiter von Fake News.

"Breitbart-Watch" für Deutschland?

Christoph Kappes lässt diese Taktik keine Ruhe: "'Breitbart News' verdreht Sachverhalte auf eine Art und Weise, die mich völlig bestürzt", sagt der IT-Unternehmer.

Hamburger IT-Unternehmer Christoph Kappes (Christian Rating )

"Bis vor kurzem hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich politischer Aktivist werden würde", sagt Christoph Kappes

Eigentlich entwickelt der 54-Jährige in seiner Agentur im Hamburger Schanzenviertel Online-Strategien für Unternehmen. Dann kam die Wahl von Donald Trump - und die Nachricht, dass "Breitbart News" einen Ableger in Deutschland plant. Für Kappes war klar: Jetzt will er handeln. Ende November schrieb er in einem Blog-Beitrag, er befürchte einen "politischen Erdrutsch", sollte dieses Medium hierzulande Fuß fassen. Übertrage man die US-Reichweiten, sagt er, "könnten es in Deutschland in fünf Jahren durchaus sechs Millionen Nutzer werden”. Sein Plan: eine Art "Breitbart-Watch", Arbeitstitel: "Schmalbart".

"Wir sind viele, also wollen wir auch viel machen"

Doch aus der Idee wurde schnell etwas Größeres. Statt einer Handvoll Interessierter meldeten sich rund 200 Videoproduzenten, Programmierer, PR-Berater, Suchmaschinenoptimierer, sogar Juristen. "Wir sind viele, also wollen wir auch viel machen”, sagt Kappes. Geplant sind unter anderem ein Youtube-Format, ein Shitstorm-Service bei Twitter und eine Faktenbank mit Argumentationshilfen für Debatten im Social Web.

Um die Menschen zu erreichen, soll "Schmalbart" sich direkt in Facebook-Diskussionen einmischen - und dabei sachlich und fair bleiben. Laut Kappes herrscht ein "Arroganzverbot".Zwar soll es auch eine Art "Watch-Blog" für rechtspopulistische Medien und Fake-News-Betreiber geben, aber die Vision geht längst über die Beobachtung von "Breitbart News" hinaus. Auf dem Spiel stehe die Demokratie. Deren Kern, so Kappes, sei eine funktionierende Meinungsbildung. Und die wiederum "setzt eine richtige Debattenkultur voraus".

Gegengewicht zu den Neuen Rechten

Um eine bessere Streitkultur im Netz geht es auch Juliane Krause-Akelbein. Die US-Wahl und die verhärteten Diskussionen in den sozialen Netzwerken hat die Berliner Digital-Konzepterin intensiv verfolgt. In Deutschland sei es aber kaum anders, findet sie. "Du hast keinen Diskurs mehr, sondern nur noch Leute, die sich anschreien." Bei "Schmalbart" will die 31-Jährige mitmachen, weil ihr "ein Gegengewicht zu den sogenannten Neuen Rechten" fehlt.

Deutschland Digital-Konzepterin Juliane Krause-Akelbein (privat)

Juliane Krause-Akelbein will ihre beruflichen Fähigkeiten nutzen, um sich für eine offene Gesellschaft einzusetzen

Noch formiert sich das Netzwerk: Die Beteiligten organisieren sich per Chat in Projektgruppen, es gibt Link-Listen, ein Wiki und ein Sicherheitskonzept - wie bei einer Untergrundbewegung.

Wichtig sei, dass "Schmalbart" sich nicht als Konkurrenzangebot zu anderen Aktionen verstehe, sagt Krause-Akelbein. Schließlich gebe es genug Gruppen, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen. "Mit denen wollen wir uns vernetzen."

Lauter sein als die Populisten

Carsten Rossi hatte ursprünglich eine eigene Initiative geplant. Der Geschäftsführer einer Kölner Content-Marketing-Agentur wandte sich bei Facebook an seine Kollegen aus der Kommunikationsbranche: "Wenn wir es nicht schaffen, lauter zu sein als die Populisten, dann haben wir alle den falschen Job." Kurz darauf stieß Rossi auf die Einladung von Christoph Kappes - und schloss sich "Schmalbart" an.

Dem 48-Jährigen geht es um Meinungsvielfalt - und um die Unentschlossenen. Wenn jemand online ein Thema suche, solle er nicht nur auf Beiträge auf populistischen Seiten stoßen. Erreichen will Rossi das zum Beispiel mit einer "Blogparade". Dabei verweisen Blogger gegenseitig aufeinander, was die Suchergebnisse bei Google beeinflussen kann. "So können wir die Agenda mitbestimmen."

Kampf um die Meinungshoheit

Das Problem: Auch rechtspopulistische Medien geben häufig vor, zur Meinungsvielfalt beizutragen. Sie inszenieren sich als Alternative zum politischen und medialen "Mainstream" und behaupten, Wahrheiten auszusprechen, die in den etablierten Medien angeblich vertuscht werden.

Carsten Rossi (Claudia Kempf)

Carsten Rossi ist vorsichtig optimistisch: "Wir müssen die richtigen Taktiken zu finden, um eine kritische Masse zu werden."

Viele seiner Bekannten würden langsam daran verzweifeln, "dass jetzt auch die andere Seite unsere schöne Weltrettungsmaschine Internet für sich entdeckt hat", sagt Rossi. Ein Dialog sei notwendig, aber es gehe auch um Meinungshoheit. Zwar dürfe man nicht zu den gleichen Mitteln greifen wie die Populisten. Aber: "Es steht uns durchaus frei, mit professionellen Kampagnen dafür zu sorgen, dass Aussagen, die unserer Meinung nach falsch sind, nicht unwidersprochen bleiben."

"Vielleicht zerfallen wir wie die Piraten"

Wohin "Schmalbart" steuert, hängt zum Teil auch von der Finanzierung ab. Die Aufdeckung von Fake News etwa erfordert Personal. Geld soll unter anderem durch eine Kampagne auf einer Bezahlpattform und projektbezogene Crowdfundings hereinkommen.

Zweifel hat Christoph Kappes trotzdem. Bei "Schmalbart" seien verschiedene sexuelle Orientierungen, politische Standpunkte und Milieus vertreten. "Ich glaube, es ist nicht die politische Meinung, die die Gesellschaft spaltet, sondern eher eine Milieuzugehörigkeit. Vielleicht zerfallen wir irgendwann wie die Piraten."

Die "Breitbart"-Meldung über Dortmund hat ihn trotzdem bestärkt, dass "Schmalbart” gebraucht wird. Wie es weitergeht, entscheidet sich in wenigen Tagen: Am 14. Januar wollen sich die Mitstreiter in Berlin zum ersten Mal persönlich treffen.

Wir begleiten die Entstehung von "Schmalbart” mit einer Serie. Teil zwei erscheint am 16. Januar.

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