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Populismus

Schmalbart: "Schweigende Mehrheit muss sich wehren"

Ist die Gesellschaft machtlos gegen die Populismuswelle? Die Leute vom Netzwerk “Schmalbart” meinen: nein. Sie treten "Breitbart News" und Co. entgegen. Aber so einfach wie erhofft, lässt sich keine Bewegung lostreten.

Ein eisiger Wind fegt über das Kopfsteinpflaster im Hinterhof der alten Tabakfabrik in Hamburg. In den Backsteinbau von 1903 sind Verlage, Agenturen und Architekturbüros eingezogen. Im Erdgeschoss riecht es nach Shisha. Eine Wendeltreppe höher, in einem lichtdurchfluteten Loft, sitzt eine Gruppe von Männern und Frauen zwischen Anfang 20 und Ende 50 in einem Stuhlkreis. Ein bisschen erinnert die Szene an eine Selbsthilfegruppe.

"Ich bin hier, weil ich die Demokratie stärken will. Es macht mir Angst, wenn die Leute nicht mehr miteinander reden können", eröffnet ein Mann das Gespräch. Vor ihm steht ein Tisch mit Laptops, Tablets, Kaffeetassen und belegten Brötchen. "Ich will nicht mehr sprachlos bleiben", sagt eine Frau. "Die schweigende Mehrheit muss sich endlich wehren", meint eine andere.

Nach und nach stellen sich die Teilnehmer vor: Juristen, Unternehmensberater, PR-Manager, IT-Angestellte, eine ehemalige Sozialpädagogin. Daniela*, eine Doktorandin mit blondem Pferdeschwanz, promoviert in Nachhaltigkeitsforschung. Sie sei auf der Suche nach ihrer "politischen Heimat" und schaue sich zur Zeit verschiedene Demokratie-Initiativen an, sagt sie. "Ich glaube, alle in diesem Raum haben das Gefühl, dass man endlich wieder irgendwas machen, sich einbringen muss."

Deutschland Treffen des Netzwerks Schmalbart in Hamburg | Daniela (DW/H. Kaschel )

Daniela möchte bei “Schmalbart” Projekte entwickeln, die Kindern und Jugendlichen Demokratie vermitteln

Längst geht es um mehr als "Breitbart"

Daniela und die anderen sind gekommen, weil sie sich für "Schmalbart" interessieren - ein "Netzwerk aus allen Teilen der Gesellschaft, das sich gegen Populismus richtet", wie es in dem Twitter-Profil der Online-Plattform heißt. Man wolle "versachlichen, gut streiten und Grenzen ziehen". Ursprünglich wurde die Initiative als Antwort auf eine mögliche Expansion der rechtspopulistischen US-Plattform "Breitbart News" nach Deutschland gegründet. Schnell ging es aber um mehr.

Im Januar trafen sich in Berlin rund 100 Interessierte zu einem Camp, um erste Ideen für den Kampf gegen Desinformation im Internet zu entwickeln. Dass die Teilnehmerzahl diesmal deutlich übersichtlicher ist, stört "Schmalbart"-Initiator Christoph Kappes nicht, im Gegenteil: "Wenn eine Gruppe zu groß ist, hat sie keinen sozialen Halt. Wir wollen Projektarbeit machen, das setzt voraus, dass Leute in kleinen Gruppen zusammenarbeiten." Das habe er am Anfang unterschätzt, gesteht Kappes.

Erste Ergebnisse

Trotzdem hat das Netzwerk seit dem Berliner Treffen schon einiges auf den Weg gebracht: Ein Watchblog setzt sich mit populistischen Online-Medien in Deutschland auseinander. In einer Kolumne auf der "Schmalbart"-Webseite streiten die Journalisten Ben Krischke und Frank Zimmer über "Populismus, Politik, Medien und Lagerdenken". Und auf Twitter weist das Netzwerk regelmäßig auf Facebook-Kommentarspalten hin, in denen viel gehetzt werde - und ruft dazu auf, sich in die Diskussion einzumischen.

Screenshot Schmalbart | Fakten Bank

Bisher gibt es nur einen Prototyp der Faktenbank

Geplant sind auch eine E-Book-Reihe zur Neuen Rechte und ein Projekt mit dem Titel "Aggrogator", eine Übersicht der wichtigsten und kontroversesten Debatten im Netz. Einige "Schmalbart"-Mitstreiter arbeiten seit Monaten an einer "Faktenbank", auch bei dem Camp in der alten Tabakfabrik. Dafür werden in ein internes Wiki-Forum Fragen und Behauptungen eingetragen, die in den sozialen Netzwerken besonders intensiv diskutiert werden, etwa zu Themen wie Ausländerkriminalität oder Klimawandel.

Bei der Recherche von Fakten wenden sich die "Schmalbart"-Mitglieder an wissenschaftliche Institutionen und Behörden. Die Aussagen werden intern auf Richtigkeit geprüft und in Form von Infografiken visualisiert, die Nutzer herunterladen und in Social-Media-Diskussionen teilen können. Dafür fehlt es der Initiative allerdings noch an professionellen Grafikern.

Schwieriges Experiment

An diesem Tag in Hamburg wird deutlich, warum das durch Spenden und Crowdfunding finanzierte Experiment "Schmalbart" auch scheitern könnte: Junge und alte Menschen aus völlig unterschiedlichen Branchen wollen sich in ihrer Freizeit gemeinsam für Demokratie und eine bessere Streitkultur einsetzen. Das bringt organisatorische Schwierigkeiten mit sich: Die Online-Kommunikation in verschiedenen Chatgruppen ist einer der Gründe, warum es nur langsam vorangeht.

Dazu kommen Grundsatzdiskussionen. "Wir haben sehr viele kluge Leute. Das bedeutet aber auch, dass die Debatten kein Ende nehmen", sagt der Hamburger Fotograf Dirk Moeller, der schon länger bei Schmalbart aktiv ist. Die Gespräche drehen sich um die richtige Strategie, die richtige Sprache und das Selbstverständnis der Initiative.

Revolution oder Debattierclub?

Deutschland Treffen des Netzwerks Schmalbart in Hamburg (DW/H. Kaschel )

Mit Gleichgesinnten ins Gespräch kommen: Bei Schmalbart kommen unterschiedliche Alters- und Berufsgruppen zusammen

"Viele unserer Projekte sind aus einer Oppositionshaltung heraus entstanden. Anstatt uns nur vom Gegner abzugrenzen, sollten wir eigene Narrative entwickeln und unsere Vision für die Gesellschaft erzählen”, findet Moeller. Die Diskussion, ob Schmalbart für oder gegen etwas sei, führe man schon seit Dezember, klagt Christoph Kappes. Dem IT-Unternehmer geht vieles nicht schnell genug,  auch wegen der Medienaufmerksamkeit, die "Schmalbart" zumindest am Anfang bekam. "Ich habe damals um die 30 Interviews geführt. Dadurch ist natürlich eine gewisse Erwartungshaltung entstanden."

"Schmalbart" könnte eine Bewegung lostreten - oder zu einem Debattierclub verkommen. Trotzdem soll weiterhin jeder mitmachen können. Am Ende sind zumindest die Teilnehmer des Hamburger Camps überzeugt. Soziologiestudent Jakob* hat schon Ideen für ein Gamification-Projekt. Doktorandin Daniela ist "beeindruckt, wie viele krasse Kompetenzen hier versammelt sind". Sie wisse noch nicht genau, wie sie sich einbringen wolle, sagt sie. "Aber ich will mit euch arbeiten."

Und auch Christoph Kappes ist zufrieden. Im Juli soll es ein viertägiges Treffen geben, bei dem einige Projekte finalisiert werden und prominente Redner auftreten sollen. "Wir machen weiter. Wir stecken den Kopf nicht in den Sand", sagt Kappes. Es klingt eher nach einem Anfang als nach dem Anfang vom Ende.

*Auf Wunsch der betroffenen Personen werden die Familiennamen nicht genannt.

Wir berichten in einer Serie über die Entstehung von Schmalbart. Teil ein und zwei lesen sie hier und hier.

 

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