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Politik

Schluss mit sexy: in den USA gibt’s jetzt Anständigkeit per Gesetz

Immer schön anständig bleiben. Diese Devise hat sich die amerikanische Regierung auf die Fahne geschrieben. Denn die Gefahr, dass Amerikas Kinder- und Jugendschar moralisch verdorben wird, lauert an jeder Ecke.

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Besonders große Gefahr geht vom amerikanischen Fernseh- und Radioprogramm aus. Dort wimmelt es anscheinend zunehmend von vulgären Schimpfworten, erotischen Szenen und nackten Körperteilen – und die drohen den Nachwuchs zu Sex-Maniacs zu verwandeln. Darin sind sich viele besorgte Eltern in Amerika einig. Deren Beschwerden über obszöne Fernsehinhalte haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. 81 Prozent der Amerikaner glauben, dass in den USA "die Sitten verfallen". Schuld daran: die Medien. Vor vier Jahren dachten das nur 67 Prozent. Bei "unangemessenen" Fernsehprogrammen einfach den Aus-Knopf zu betätigen – diese Option scheint der Fernsehnation Amerika wohl eher abwegig.

"Nipplegate-Skandal"

Unanständige Fernsehinhalte schlagen in den USA hohe Wellen. Wer erinnert sich nicht an den sogenannten "Nippelgate"-Skandal vor zwei Jahren? Während Janet Jacksons Showeinlage bei der Super Bowl-Übertragung war ihr nackter Busen zu sehen - für unendlich lange zwei Sekunden, die Brustwarze mit einem Sternchen verdeckt. Schwupps, schon war die Jugend vor dem Fernseher verdorben – dessen war sich zumindest die breite amerikanischen Öffentlichkeit sicher. In Europa schüttelte man statt dessen den Kopf über die schockierte Reaktion der Amerikaner. Ein Zeichen, dass der Sittenverfall in der “alten Welt” schon nicht mehr aufzuhalten ist?

WM nicht live übertragen

Anders in den USA. Punkto “Unanständigkeit” versteht man hier keinen Spaß. Seit dem Nippelgate-Skandal sind Live-Sendungen in den USA Vergangenheit. Sie werden zeitlich verzögert ausgestrahlt – damit unsittliche Bilder oder Äußerungen zensiert werden können. Das gilt sogar für die derzeitige Fußball-WM. Es könnte ja ein übermütiger weiblicher Fan im Publikum sein T-Shirt lüften – zuviel für das amerikanische Moralempfinden. Bei einigen US-Radio-Sendern werden obszöne Äußerungen schon seit Jahren mit einem Beep-Ton überblendet.

Vulgarität kann teuer werden

Diese Selbstzensur der Sender reicht der US-Regierung nicht aus. Um Sitte und Moral in den Medien zu erhalten, hat sie jetzt das „Gesetz zur Durchsetzung des Anstands im Rundfunk“ erlassen. Die bisherigen Bußgelder für unsittliche Programminhalte zwischen 6 Uhr morgens und 10 Uhr abends wurden kurzerhand verzehnfacht. Ein nackter Busen kostet seine Besitzerin und/oder den Sender jetzt den Spitzenpreis von 325.000 Dollar - statt bisher 32.500. Nackter Busen plus der Ausruf “Holy Shit – I won the game” kostet das Doppelte. Obergrenze: 3 Millionen Dollar - kumulativ. Rutschen Moderatoren vulgäre Begriffe raus, dann werden sie bei einigen Sendern sofort gefeuert. So geschehen mit Radio-Starmoderator Howard Stern. Er moderiert mittlerweile eine Sendung im Satelliten-Radio, in der er reden kann, wie ihm der Mund gewachsen ist. Und genau hier liegt der Knackpunkt.

Kampf gegen WIndmühlen

Das neue Gesetz gilt nur für terrestrische Radio- und Fernsehprogramme. Für Kabel- und Satellitensender kann die US-Fernsehaufsichtsbehörde FCC keine Strafen verhängen. Nun besitzen dummerweise fast alle amerikanischen Haushalte Kabelfernsehen. Das Ergebnis: vier “anständige” Fernsehprogramme sollen die Bastion der guten Sitten verteidigen, während hunderte Kabelprogramme der moralischen Entgleisung fröhnen können. Damit wird der Kreuzzug der amerikanischen Moralapostel wohl eher wie bei Don Quichote ein Kampf gegen Windmühlen. Oder vielleicht eher der berühmte Tropfen auf dem erotisch heißen Stein?

Besonders pikant: Die Technik der Fernsehzensur haben die Amerikaner ausgerechnet von den Iranern kopiert. Die Mullahs hatten den Verzögerungstrick bei Live-Übertragungen schon während der Fussball-WM 1998 in Frankreich angewandt: Statt sommerlich leicht bekleideter Damen im Publikum blendete das iranische Fernsehen winterlich verhüllte Zuschauer ein. Wer hätte gedacht, dass die USA gerade den Iran als moralisches Vorbild nehmen würden?

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  • Datum 22.06.2006
  • Autorin/Autor Katja Sodomann
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  • Permalink http://p.dw.com/p/8f8A
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  • Autorin/Autor Katja Sodomann
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