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Kultur

Schlingensiefs Pavillon der Existenzfragen

Er sollte ihn gestalten, starb aber in der Vorbereitungsphase. Jetzt wird der deutsche Pavillon auf der Biennale in Venedig dem Werk von Christoph Schlingensief gewidmet. Ein Gespräch mit Kuratorin Susanne Gaensheimer.

Szenenfoto aus der Schlingensief-Inszenierung 'Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir' (Foto: dpa)

"Eine Kirche der Angst ...

Im August 2010 starb Christoph Schlingensief an den Folgen seiner Krebserkrankung in Berlin. Ein paar Monate zuvor hatte Susanne Gaensheimer ihn gebeten, den deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig 2011 zu gestalten. Er habe sich riesig darüber gefreut, so Gaensheimer, Kuratorin des Pavillons und Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main. Doch das, was jetzt ab dem 4. Juni im deutschen Pavillon zu sehen sein wird, ist nicht, was Schlingensief sich vorgestellt hatte. Seine Pläne und Ideen waren noch nicht "bis ins letzte Detail ausgearbeitet", sie werden jedoch in einem Buch zur Biennale 2011 erscheinen.

Die Ausstellung im Pavillon zeigt einen Ausschnitt aus dem Werk Christoph Schlingensiefs. Es ist keine umfassende Werkschau, denn der Pavillon wäre viel zu klein, um repräsentativ das zu fassen, was Schlingensief produziert hat – als Film-, Theater- und Opernregisseur, als Hörspielautor, Aktionskünstler und Talkmaster. Im Hauptraum des Pavillons wird die Bühneninstallation "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" zu sehen sein, in der Christoph Schlingensief sich mit seiner Krebserkrankung, dem Tod und dem Leben auseinandersetzt.

Szenenfoto aus der Schlingensief-Inszenierung 'Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir' (Foto: David Baltzer / bildbuehne.de)

... vor dem Fremden in mir" - Bühneninstallation im Hauptraum des deutschen Pavillons

DW-WORLD.DE: Frau Gaensheimer, warum wollten Sie, dass Christoph Schlingensief den deutschen Pavillon auf der Biennale 2011 gestaltet?

Susanne Gaensheimer: Ich dachte, wenn man sich mit der Frage beschäftigt, was man mit dem deutschen Pavillon macht, kommt man nicht um das Thema der nationalen Repräsentation herum. Man kommt einfach nicht darum herum sich zu fragen: Was bedeutet das eigentlich, was kann man damit machen? Es ist ja immerhin der deutsche Pavillon, es ist nicht einfach irgendein Ausstellungsort. Ich hatte mir dann lange überlegt, ob ich, wie mein Vorgänger Nicolaus Schafhausen, über diese Frage völlig hinweggehe und irgendeinen Künstler nehme, der nicht unbedingt repräsentativ ist für das, was in Deutschland passiert, aber habe mich dann bewusst dagegen entschieden.

Ich wollte einen Künstler auswählen, der sich in seiner Arbeit intensiv mit diesen Fragen beschäftigt, der repräsentativ ist für das, was in der Kunst in Deutschland passiert, auch in einer kritischen Form. Christoph Schlingensief hat sich, bis er im vergangenen Jahr gestorben ist, immerhin fast drei Jahrzehnte intensiv mit diesen Fragen beschäftigt, zuerst als Filmemacher, dann im Theater, dann später auch im Bereich der Kunst, vor allem aber auch als politischer Aktivist.

Was sind das denn für Fragen, auf die man Antworten im deutschen Pavillon finden wird?

Man wird auf die Fragen keine Antworten finden, das ist ein völlig falscher Ansatz.

Dann anders herum: Welche Fragen werden gestellt?

Susanne Gaensheimer, Kuratorin des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig (Foto: dpa)

Susanne Gaensheimer

Es werden auch keine Fragen gestellt, Christoph Schlingensief hat sich in drei Jahrzehnten mit ganz unterschiedlichen, gesellschaftlich relevanten Themen und Fragestellungen beschäftigt, die mit verschiedenen Situationen dieses Landes zu tun hatten. Es waren gesellschaftliche und politische Situationen, in denen er immer die Frage gestellt hat: Wie geht es damit eigentlich dem Individuum, dem einzelnen Menschen hier in Deutschland?

Warum haben Sie auch nach Christoph Schlingensiefs Tod daran festgehalten, seine Werke zu zeigen – obwohl sie jetzt nicht mehr gemeinsam den Pavillon gestalten konnten und die Schau anders wird, als er sie sich gedacht hat?

Ich habe mich ja mit einer wirklichen Überzeugung für Christoph Schlingensief als Künstler für den deutschen Pavillon entschieden. Damit habe ich mich nicht nur für ihn, sondern auch für sein Werk entschieden. Es gab für mich keinen Grund nach seinem Tod sein Werk nicht mehr zu zeigen. Außerdem ist es eine sehr wichtige Gelegenheit im Rahmen der Biennale sein Werk einem internationalen Publikum vorzustellen. Gerade im Bereich der bildenden Kunst ist er international gar nicht so bekannt.

Wird es jetzt eine Hommage an Christoph Schlingensief, oder setzen Sie sich auch kritisch mit seinem Werk auseinander?

Regisseur Christoph Schlingensief im Januar 2006 (Foto: AP)

Christoph Schlingensief 2006

Wir zeigen Werke von ihm und wenn man das Hommage nennen will, kann man das tun. Wir versuchen natürlich ihm und seinem Werk gerecht zu werden. Mir war wichtig, dass man verschiedene Aspekte seiner Arbeit präsent macht, das heißt, seine filmische Arbeit, seine Arbeit auf der Bühne und natürlich auch das Afrikadorf. Eine ganz große Rolle spielt auch die Beschäftigung mit seiner Krankheit. Es ist ja noch nicht einmal ein Jahr her, dass er gestorben ist, und diese Situation hat uns alle auch noch sehr stark beeinflusst.

Welchen Eindruck nimmt man ihrer Meinung nach mit, wenn man den deutschen Pavillon besucht und sich vorher noch nie mit Christoph Schlingensiefs Arbeiten beschäftigt hat?

Das kann man natürlich nicht verallgemeinern. Das wird für jeden Besucher etwas anderes sein, je nachdem wie ausgiebig man sich mit den Arbeiten beschäftigt und was man sich anschaut. Aber man wird Christoph Schlingensief als einen sehr ernsthaften Künstler wahrnehmen, der sich auf einer tiefgründigen Ebene mit Fragen beschäftigt hat, die letztendlich existenzielle Fragen sind. Das wird man sehr deutlich wahrnehmen.

Das Gespräch führte Marlis Schaum
Redaktion: Petra Lambeck

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