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Politik

Schlimmer als im Mittelalter

Das, was man aus dem Irak - und auch dem Nahen Osten - zu sehen bekommt, wird immer unerträglicher. Peter Philipp kommentiert die Macht der Bilder im 21. Jahrhundert.

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Erst die Bilder misshandelter irakischer Häftlinge, jetzt die Enthauptung eines jungen Amerikaners vor laufender Kamera. Oder auch Fotos von irakischen Kindern, denen britische Soldaten in den Rücken schossen. Oder aber Palästinenser, die jubelnd durch Gaza ziehen – in der Hand Körperteile getöteter israelischer Soldaten. Man fühlt sich ins düsterste Mittelalter zurückversetzt. Und ahnt dabei, dass diese Zeit noch humaner gewesen sein dürfte als das, was wir heute erleben. Trotz Genfer Konvention, trotz Erklärung der Menschenrechte und trotz unzähliger anderer internationaler Konventionen.

Unmenschlich

Die Unmenschlichkeit wird instrumentalisiert. Und zwar nicht nur, um den Krieg voranzutreiben oder zu entscheiden, sondern auch, um politischen Zielen zu dienen. Oder doch wenigstens vermeintlich politischen Zielen. Welchem Ziel sie aber auch immer dienen mag: Unmenschlichkeit ist ein unzulässiges Instrument. Sie ist längst als verwerflich, unmoralisch und unsittlich gebrandmarkt. Aber sie ist nicht auszurotten. Und in Verbindung mit neuen Technologien – von der Digitalfotografie über Videoaufnahmen bis hin zum Internet – wird diese Unmenschlichkeit erst noch zur wohlfeilen Waffe.

Die Macht der Bilder

So hatten bereits Anhänger von El Kaida den amerikanischen Journalisten Daniel Pearl in Karachi entführt und schließlich vor laufender Kamera enthauptet. Entführer eines jungen Italieners filmten dessen Erschießung - und jetzt die Videoaufnahmen von der Enthauptung des Amerikaners Nick Berg im Irak. Die Grausamkeit unter den Menschen ist natürlich nicht heute erfunden worden. Ihre Publizierung und weltweite Verbreitung aber gibt ihr viel mehr Gewicht und Macht als früher.

Die Taten und deren Glorifizierung als angebliche "Hinrichtungen" – ein Begriff, den selbst westliche Medien allzu rasch und allzu leichtfertig zu übernehmen bereit waren – sollten in erster Linie zeigen, dass der Widerstand gegen die amerikanische oder westliche Übermacht nicht gebrochen ist. So wie die blutigen Szenen in Gaza manifestieren sollen, dass der Widerstand gegen Israel unverändert fortgesetzt wird, und dass der vermeintlich so mächtige Gegner letztlich auch nur aus ein paar Fetzen Fleisch und Knochen besteht.

Solch eine Strategie ist abscheulich und gefährlich noch dazu. Sie appelliert an die niedrigen Instinkte und ermuntert zur Nachahmung. Sie ermuntert die Gegenseite aber auch zum noch entschlosseneren "Durchgreifen". Hatten die USA sich gerade in einen ebenso bitteren wie notwendigen Streit über die Folter im Irak verstrickt, so werden die Bilder von der Enthauptung des jungen Amerikaners die Kluft zwischen den Streitenden wieder schließen. Die Frage der Folter wird damit vielleicht wieder weniger energisch verfolgt als dies eben – viel zu spät - begonnen hatte.

Kommt zur Besinnung!

Die Leidtragenden werden damit wieder die Iraker sein. Oder die Palästinenser. Oder die Muslime generell. Jene, denen Unbedarfte im Westen nun unterstellen, sie seien "nun einmal so" und ihnen könne man doch nicht mit Menschlichkeit begegnen. Und diese Leidtragenden werden unter dem Einfluss ihrer Demagogen umso leichter glauben, dass der Westen darauf aus ist, sie zu verfolgen und zu unterdrücken. Und es werden sich umso leichter neue Narren, Verrückte und Verbrecher finden, die solch ein Minderwertigkeitsgefühl in neue Gewalt umsetzen.

Um diese Spirale der Gewalt zu beenden, müssten die Menschen sich auf beiden Seiten dieser imaginären "Front" endlich einmal darauf besinnen, dass sie selber am meisten leiden, wenn sie den Demagogen folgen. Und dass sie am meisten profitieren, wenn sie sich auf die Grundregeln der Menschlichkeit besinnen, Verbrechen ahnden und bestrafen. Und damit Folterern ebenso das Handwerk legen wie kaltblütigen Killern.