1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschlandtour

Schliersee – So war Bayern wirklich

Wer das Museumsgelände am Schliersee betritt, fühlt sich in eine andere Zeit versetzt: Olympiasieger Markus Wasmeier hat hier alte Bauernhöfe wieder aufgebaut, um das Leben der Menschen vor Jahrhunderten darzustellen.

Olympiasieger Markus Wasmeier in seinem altbayerischen Bauernhofmuseum am Schliersee (Foto: DW)

Museumsbauer Wasmeier

Markus Wasmeier hat in seiner sportlichen Laufbahn als Skirennläufer genug Geld verdient, um davon leben zu können. Doch während andere ehemalige Profisportler schon morgens um neun auf dem Golfplatz neue Herausforderungen suchen, sieht der zweimalige Olympiasieger von 1994 in seinem Museum nach dem Rechten. Wer ebenso zeitig seine Eintrittskarte löst, wird mit Geschnatter von den Hausgänsen Gustav und Agathe begrüßt, vernimmt das Glockengeläut der hofeigenen Kühe und atmet den Duft von Rohrnudeln, der Hefespezialität, ein, die der Bäcker bald aus dem Holzofen zieht.

Später bevölkern ganze Busladungen von Menschen das 60.000 Quadratmeter große Gelände am Rande der Gemeinde Schliersee. Und dann ist der "Wasi" bei den Besuchern gefragt. Der 48-Jährige pflegt gern den Kontakt in original bayerischer Ledertracht, und immer wieder muss er Autogramme schreiben.

Sportlicher Erfolg öffnet Türen der Sponsoren

Lukashof und Bauerngarten mit Besuchergruppe auf dem Museumsgelände von Markus Wasmeier am Schliersee (Foto: DW)

Gruppenbild vor Lukashof und Bauerngarten

Wäre der blonde Sympathieträger damals in Lillehammer nicht zweimal am schnellsten um die Stangen zu Tal gesaust, hätte er damals also nicht Gold im Riesenslalom und Super-G gewonnen, dann hätte er seinen Traum vom eigenen Museum wohl nicht realisieren können. So aber haben Sponsoren und Spender Millionen Euro für den Bau des Bauernhofmuseums bereit gestellt.

Als gelernter Restaurator und Lüftlmaler hatte sich Wasmeier seit seinen Jugend dem Erhalt von alten Gebäuden und der Tradition der bayerischen Fassadenkunst verschrieben. "Als Sportler bist du 300 Tage im Jahr unterwegs, und bei meinen Reisen in die USA, nach Neuseeland und Australien bekam ich jedes Mal einen Schock, wie die Leute über Bayern denken", schüttelt er den Kopf.

Eine Herkules-Aufgabe und ein Lebenswerk

Bayern, das sei doch nicht nur Folklore beim Oktoberfest mit Bierkrügen und Tracht. Und in Skandinavien habe er gesehen, wie das kulturelle Erbe gepflegt wird. Auch dort werden alte Gehöfte restauriert oder auch an anderen Orten wieder aufgebaut.

Hühnerstall in der Bauernstube (für die Unterbringung des Federviehs im Winter) im Bauernhofmuseum von Markus Wasmeier am Schliersee (Foto: DW)

Hühnerstall in der Bauernstube

Außerdem habe ihn eine Umfrage zum Museumsbau ermuntert: In München hätten nämlich 60 Prozent der Kinder angegeben, Kühe seien lila wie die Tiere in einer Werbung für Schokolade.

"Da hab' ich gedacht, jetzt pack' ich's an", sagt Wasmeier und reibt sich mit der linken Hand den muskulösen rechten Unterarm. Vor 15 Jahren begannen er und sein Vater verfallene Bauernhöfe, die teilweise aus dem 13. Jahrhundert stammen, zu fotografieren, Pläne zu zeichnen und jedes einzelne Bauteil zu markieren. Anschließend wurden die "Denkmäler" zum Schliersee transportiert, Stück für Stück restauriert und wieder zusammengesetzt. Inzwischen stehen zwölf historische Gebäude.

Die altbäuerliche Tradition zum Leben erweckt

Doch die Architektur ist nur ein Teil der Geschichte, denn auf dem Gelände lehren Filzer und Schmiede, Bierbrauer, Schnapsbrenner und Bäcker ihr uraltes Handwerk. Beim Rundgang bekommen die Besucher Eindrücke vom einfachen Leben der Bauern in der Zeit um 1730. Die meisten Häuser stammen aus jener Zeit. Im "Wofen"-Hof, wo das museumseigene Wirtshaus eingerichtet wurde, waren einmal eine Schmiede und dann ein Gefängnis untergebracht.

Antike Mausefalle im Bauernhofmuseum von Markus Wasmeier am Schliersee (Foto: DW)

Antike Mausefalle im Bauernhofmuseum von Markus Wasmeier

Angelika Probst ist eine von 58 Mitarbeiterinnen. Sie erklärt, dass der Hauswurz, der in einem blauen Trog auf dem Dach wächst, früher bei Hautproblemen oder Ohrenschmerzen, aber auch als Blitzableiter verwendet wurde. "Das ist ein Aberglaube, aber schaden kann es ja nicht, weil Glaube bekanntlich Berge versetzt", fügt die Museumsführerin hinzu.

Vorbei geht es am Kräutergarten, in dem zum Teil sehr seltene Gemüse und Alpenkräuter gedeihen, die damals in jede Küche gehörten, zum 500 Jahre alten Lukashof, wo die Besucher den Kopf einziehen müssen und dann von Angelika Probst über die knarrenden Stiegen ins obere Stockwerk geführt werden.

Hier lebte noch bis vor 20 Jahren ein Mann. Elektrisches Licht fehlte, Kerzen waren teuer, erfahren die Museumsgäste. Für den Alltagsgebrauch verwendeten die Bewohner Späne aus Kiefernholz, die sie in einer Art Laterne abbrannten.

Aus Furcht vor dem Tod im Sitzen geschlafen

Museumsführerin Angelika Probst erklärt neben einem schmalen und kurzen Bauernbett im Bauernhofmuseum von Markus Wasmeier am Schliersee, dass eine ganze Familie dort früher schlief (Foto: DW)

Ein Bett für die ganze Familie

Im eigentlichen Schlafzimmer steht noch ein nur ein Meter siebzig langes und sehr schmales Bett, in dem sich bei Kälte die ganze Familie auf einer Matratze aus Stroh zusammenrollte.

Und die Besucher erfahren auch, dass die Menschen damals aus Aberglauben meist eine sitzende Schlafhaltung eingenommen hatten, denn nur die Toten seien langgestreckt gewesen: weil man die Toten damals ganz flach auf einem Brett hinausgetragen habe. - Im Sitzen schlafen? "Da bist du ja müde, wenn du aufwachst", meint eine Besucherin.

Unangenehm war auch der Aufenthalt in der Küche, denn hier war die offene Feuerstelle permanent in Betrieb. Die Hausbewohnter litten häufig an Bindehautentzündungen und sogar an Rauchvergiftungen. Für den Fall, dass wirklich einmal ein Feuer ausbrach, hielten sich die Bauern einen Kanarienvogel als Brandmelder. Die Hühner wurden bei Kälte in einem Käfig in der Stube untergebracht, was dem Raumklima auch nicht unbedingt förderlich war.

Lehrreich ist der Besuch in dem Bauernhofmuseum – und erkenntnisreich. Denn so mancher Gast fährt nach Hause mit dem Wissen, dass das Leben in der viel zitierten "guten alten Zeit" doch sehr einfach, ziemlich hart und mit vielen Entbehrungen verbunden war.

WWW-Links

Audio und Video zum Thema