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Europa

Schleuserroute Südost: das Geschäft mit den Flüchtlingen

Immer mehr Flüchtlinge versuchen über Bulgarien nach Westen zu gelangen. Diese Route ist aber gefährlich: Die Geschäfte der Menschenschmuggler florieren, beteiligt daran sind auch einige Grenzbeamte.

Türkei Bulgarien Flüchtling bei Edirne

An der grünen Grenze zwischen der Türkei und Bulgarien

In Istanbul geht es los, dann weiter auf der Schmuggelroute über Plovdiv und Sofia zur bulgarisch-serbischen Grenze im Nordwesten. 500 Flüchtlinge und Migranten würden dort täglich über die Grenze geschleust, so zitiert das Wall Street Journal (WSJ) bulgarische Behörden. Das Innenministerium in Sofia bestätigt uf Anfrage der DW, dass mindestens 250 Bulgaren zurzeit am illegalen Schmuggel von Flüchtlingen und Migranten aus der Türkei über Bulgarien nach Serbien beteiligt sind. Für ihre "Dienstleistung" verlangen die Schleuser 3000 US-Dollar pro Kopf.

In einem DW-Interview behauptet der ehemalige Chef der bulgarischen Grenzpolizei, General a.D. Valeri Grigorov, diese Schmuggelroute sei nicht neu und werde seit Jahrzehnten von der organisierten Kriminalität kontrolliert: "Die Bosse der Menschenschmuggler haben gute Kontakte nicht nur zu Vertretern der Grenzbehörden vor Ort, sondern auch auf höchster Regierungsebene in Sofia", so Grigorov. Auch Oberst Gerald Tatzgern von den österreichischen Sicherheitsbehörden spricht von den alten Schmuggelrouten in Bulgarien, die bis vor ein paar Jahren von den Sexhändlern beherrscht gewesen seien: "Wir glauben, dass die Menschen im bulgarischen Nordwesten sich mittlerweile auf das neue Geschäft eingestellt haben – auf den Schmuggel von Migranten", sagte Tatzgern in der WSJ.

Menschenschmuggel aus Armut

Auch einer der Festgenommenen in Zusammenhang mit dem Lastwagen, in dem in Österreich 71 Flüchtlinge tot entdeckt wurden, stammt aus dem bulgarischen Nordwesten. In einem Interview sagt seine Mutter: "Viele Menschen aus der Umgebung machen gute Geschäfte mit den Flüchtlingen. Und das ist kaum verwunderlich, die Bulgaren sind arm."

Flüchtlinge an der türkisch-bulgarischen Grenze

Fast alle Flüchtlinge wollen weiter nach West- oder Nordeuropa

Aus seiner jahrelangen Erfahrung mit der Schmuggelroute im bulgarischen Norwesten bestätigt Valeri Grigorov diese Sichtweise: "Die Schmuggelgeschäfte sind das Haupteinkommen in den armen und entvölkerten Regionen an der Grenze. Und alle machen mit: sowohl die lokale Bevölkerung als auch Vertreter der Grenzbehörden." Laut Grigorov haben mehrere Bürgermeister in der Region sogar die lokalen Jäger ausdrücklich darauf hingewiesen, es seien "viele Flüchtlinge im Gebüsch", also müsse man bei der Jagd besonders gut aufpassen. Denn die Schleuser laden die Menschen in der Nähe der Grenze ab und zeigen ihnen einfach den Weg weiter nach Serbien.

Krassimir Kanev, Direktor des bulgarischen Helsinki-Komitees, stellt fest: "Ja, so funktioniert es. Es wird viel geschmuggelt hier. Und viele Schmuggler sind Verwandte, Nachbarn oder Freunde von Grenzbeamten. Das ist eine organisierte Angelegenheit und die Grenzschützer sind beteiligt."

"Fluchthelfer" oder "Menschenschmuggler"?

In diesem Geschäft sind viele Akteure tätig, von perfekt organisierten internationalen Banden bis hin zum einzelnen Schmuggler, der nur mit einem Transporter und einem Mobiltelefon ausgerüstet sei, bestätigt der bulgarischen Vizeminister für Inneres Filip Gunev in einem DW-Gespräch: "Illegale Dienstleistungen in allen Segmenten der Schmuggelkette werden in Bulgarien von Kriminellen auf ganz unterschiedlichen Niveaus angeboten. Derjenige aber, der das Geld kontrolliert, kontrolliert auch das ganze Geschäft."

Syrische Flüchtlinge in Bulgarien (Foto: AP Photo/Valentina Petrova)

Syrische Flüchtlinge: in Bulgarien meist nicht willkommen

Schuld an diesem Geschäft seien aber diejenigen, die die legale Migration nicht geregelt hätten und nur auf Zäune und Grenzüberwachung setzten, sagt im DW-Interview der deutsche Menschenrechtler Mathias Fiedler von der Organisation "Bordermonitoring". Fiedler erinnert auch daran, dass die Fluchthelfer, die während des Kalten Krieges DDR-Bürger nach Westdeutschland geschmuggelt haben, heute als Helden dargestellt werden, während diejenigen, die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien nach Europa bringen, als "Menschenhändler" stigmatisiert würden.

Hetze gegen die Flüchtlinge

Die Mehrheit der Bulgaren lehnt es strikt ab, Flüchtlinge und Migranten überhaupt ins Land zu lassen. So zitiert der Deutschlandfunk die Parolen ausländerfeindlicher Demonstranten: "Bulgarien wird gerade angegriffen. Es ist der Angriff einer illegalen Horde, die ungehindert unsere Grenze überquert. Ihr Ziel ist die Auswechselung der Bevölkerung Europas - mit islamischen Bewohnern." Bei solchen Gelegenheiten, berichtet der Journalist Tom Schimmeck, sei oft vom Untergang des Abendlandes und einer Invasion der Taliban die Rede. Und die orthodoxe Kirche habe die Regierung aufgefordert, die muslimische "Invasion" zu stoppen.

Tsvetan Tsvetanov, Verdächtigter für den Tod von Flüchtlingen, bei der Verhaftung (Foto: REUTERS/Bulphoto Agency TPX)

Tsvetan Tsvetanov wird beschuldigt, für den Tod von 71 Flüchtlingen mit verantwortlich zu sein

Viele Füchtlinge, die die gefährliche Route über Bulgarien gewählt haben, berichten von Feindseligkeiten und Misshandlungen. In einer ARD-Reportage erzählt der Afghane Khamran Han: "Es gab sehr gefährliche Situationen, vor allem in Bulgarien. Wir sind fünf Tage und Nächte zu Fuß durch Bulgarien gegangen, vor allem nachts, durch Wälder, aus Angst, festgenommen zu werden. Die Gruppe war am Anfang viel größer. Viele haben wir in Bulgarien verloren, sie haben sich in der Dunkelheit verlaufen, wo sie sind, ob sie noch leben, wir wissen es nicht." Und in der Tageszeitung Die Welt zitiert der deutsche Richter Malte Sievers einen Syrer, der während des Asylverfahrens Folgendes gesagt habe: "Ich möchte lieber in Deutschland ein Hund sein als in Bulgarien ein Mensch".