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Deutschland

Schleppender Ausbau der Kinderbetreuung

Der Ausbau der Kinderbetreuung kommt nur schleppend voran. Vor allem in Westdeutschland fehlen hunderttausende Plätze. Manche Eltern schaffen ihre Plätze einfach selbst - zum Beispiel in der Kita Mobile in Bonn.

Gummistiefel in einer Kasseler Kita (Foto: dpa)

In Deutschland sollen hunderttausende Kita-Plätze geschaffen werden

In der Kindertagesstätte Mobile in Bonn sitzen 20 Kinder und ihre sechs Betreuerinnen auf weichem Teppichboden und singen. Erst trällern sie "Der Kuckuck und der Esel", dann den "Alle-meine-Entchen-Rap". Danach wird gespielt. Zwei Mädchen setzen ein Puzzle zusammen, ein Junge spielt mit einem Auto, andere turnen auf einer Matratze. "Wir achten darauf, dass die Kinder viel selber ausprobieren. Auch Bewegung ist ganz wichtig", sagt Kita-Leiterin Cornelia Schmitz-Heming. Die Kinder würden lernen, die Welt mit allen Sinnen zu begreifen und zu verstehen. Doch jetzt gibt es erst mal Mittagessen. Vergnügt sitzen die Kinder an den niedrigen Tischen und löffeln Nudeln mit Paprikasauce.

"Wir setzen Sie auf die Warteliste"

Lena Schröder-Dönges von der Kita Mobile (Foto: privat)

Lena Schröder-Dönges von der Kita Mobile

Lena Schröder-Dönges schwärmt von der gemütlichen Atmosphäre: "Es ist hier total familiär und hat irgendwie was richtig heimeliges." Noch vor zwei Jahren stand die Vorsitzende der Elterninitiative Mobile vor demselben Problem wie tausende andere Mütter. Wenn sie sich in einer Einrichtung vorstellte und erklärte, sie suche nach einer Betreuung für ihre beiden Töchter, schaute man sie nur mitleidsvoll an. "Sie können froh sein, wenn Sie ein Kind unterbringen können", hörte sie ständig. "Wir setzen Sie auf die Warteliste".

Warten wollte sie nicht. Stattdessen schufen sie und ihr Mann die Plätze einfach selbst. Gemeinsam mit weiteren Familien erklärten sie sich bereit, eine Elterninitiative aufzubauen. "Der Aufwand war sehr groß. Wir mussten alles renovieren, der Boden war abgenutzt, die Türen kaputt, es gab keine Möbel." Personal wurde eingestellt, die Förderung bei der Stadt beantragt. Bald zog die Elterninitiative Mobile e.V. in ein malerisches, rot gestrichenes Holzhaus mit großem Garten ein. Für 20 Kinder unter drei Jahren war eine Betreuung entstanden. Das war 2008. Nun ist Schröder-Dönges Vereinsvorsitzende und ihre Kita hat selbst eine Warteliste.

Eltern helfen in der Kita mit

Arwen und Leonard spielen in der Kita Mobilé. (Foto: DW)

Gemütliche Atmosphäre: Arwen und Leonard spielen in der Kita Mobilé.

Viele der bundesweit rund 4300 Elterninitiativen sind entstanden, weil es nicht genug Angebote für die Kleinsten gab. Die Eltern engagieren sich dort stärker als in öffentlichen oder kirchlichen Einrichtungen.

Die Kita Mobile wird fast komplett von der Stadt Bonn gefördert, die Beiträge der Eltern betragen zwischen 68 und 313 Euro pro Monat, je nach Einkommen. "Die Eltern sind dazu verpflichtet 20 Stunden und vier Samstage im Kindergartenjahr in der Kita zu arbeiten", sagt Schröder-Dönges. Dass die Politik die Kinderbetreuung ausbauen will, findet sie richtig, aber bei der Umsetzung ist sie skeptisch. Es gebe nicht genug qualifiziertes Personal und zu wenig finanzielle Mittel. "Ich glaube, das ist nicht richtig durchdacht worden."

320.000 Plätze fehlen

Fier Frauen schieben Kinderwagen (Foto: dpa)

In Ostdeutschland gibt es schon jetzt ausreichend Krippen-Plätze, hier eine Kita in Sachsen-Anhalt.

Nach einer neuen Berechnung des Statistischen Bundesamtes muss für eine ausreichende Betreuung noch viel getan werden. Bis 2013 sind mindestens 320.000 zusätzliche Plätze in Kitas und der Tagespflege nötig. Damit werde das von der Bundesregierung ausgerufene Ziel erreicht, für 35 Prozent der Kinder einen Platz anzubieten.

In Ostdeutschland seien die Quoten häufig sogar höher, sagt Sascha Krieger vom Statistischen Bundesamt. Dafür schwanke der Bedarf in Westdeutschland zwischen 16.000 in Rheinland-Pfalz und 100.000 Plätzen in Nordrhein-Westfalen. NRW schnitt in der Berechnung am schlechtesten ab, im März 2009 konnten nur 11,5 Prozent der Kinder unter drei Jahren betreut werden.

Zu wenig Personal

Kathrin Bock-Famulla von der Bertelsmann-Stiftung ist skeptisch, dass sich die Betreuungsquoten in den alten Bundesländern schnell verbessern werden. "Wir gehen davon aus, dass sich der Ausbau in den meisten Ländern sogar verlangsamt hat", sagt sie.

Was eine Studie der Stiftung aus dem Jahr 2009 ergab, stimmt demnach immer noch: "Insgesamt müssten die alten Bundesländer ihr bisheriges Ausbautempo verdoppeln." Zumal wenn ab 2013 ein Rechtsanspruch eingeführt wird. Dann könnte jede Familie für jedes Kind einen Kita-Platz bei den verantwortlichen Kommunen einklagen.

Außerdem sieht die Forscherin Probleme beim Personalangebot. Insbesondere gebe es bei der Betreuung für Kinder unter drei Jahren zu große Gruppen und nicht genug Erzieher. "Da wird zum Teil das Wohl der Kinder gefährdet." Einige Bundesländer denken schon über Quereinstiege für Betreuer nach.

Der Deutsche Städtetag befürchtet, dass die Finanznot der Kommunen den Ausbau der Betreuung gefährden könnte. Hauptgeschäftsführer Stephan Articus sagte am Montag (17.05.2010): "Wenn die Finanzierung nicht gesichert wird, sind Leidtragende die Eltern, die sich auf den Rechtsanspruch für ihre Kinder verlassen, ihn aber nicht erfüllt bekommen können."

Bundesregierung warnt vor Aufregung

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (Foto: AP)

Familienministerin Kristina Schröder warnt vor "Schwarzmalerei"

Die Bundesregierung ist dagegen optimistisch. "Was wir jetzt nicht brauchen sind neue Zahlenspiele und Schwarzmalereien", sagt Familienministerin Kristina Schröder von der CDU. "Gerade in den letzten Monaten hat sich der Ausbau deutlich beschleunigt." Die Länder hätten deutlich mehr Gelder für den Ausbau bewilligt.

Auch muss aus Sicht des Familienministeriums nicht überall die Betreuungsquote von 35 Prozent erreicht werden. "Entscheidend ist, dass bis 2013 überall in Deutschland eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung zur Verfügung steht", so ein Sprecher. Und dieser Bedarf könne natürlich regional höher oder niedriger ausfallen.

Die Familienministerin und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel haben ihren Willen zum Krippenausbau bekräftigt. Sie stellen sich gegen Forderungen einiger CDU-Politiker, darunter Hessens Ministerpräsident Roland Koch, im Bildungsbereich zu sparen.

Zurück in Bonn

In der Kita Mobile ist es Schlafenszeit. Die Kinder der Schmetterlingsgruppe kuscheln sich auf die Matratze. Sie schauen kurz auf die vielen bunten Bilder an den Wänden. Das Spielzeug ist wieder in den Regalen. Eine der Frauen im Raum lächelt und sagt: "Dadurch, dass wir mit zehn Kindern und drei Erziehern zusammen in der Gruppe sind, ist das hier wie eine große Familie."

Autor: Julian Mertens
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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