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Europa

Schleppender Aufbau nach dem großen Beben in Italien

Eine Serie von schweren Beben legte vor einem Jahr viele Dörfer in Mittelitalien in Schutt und Asche. Wie sieht es heute dort aus? Die ehemaligen Bewohner klagen über die Politiker. Bernd Riegert berichtet.

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Drohnenflug über Amatrice: "Wie im Krieg"

Das Dörfchen Illica, das direkt über dem Epizentrum des Bebens vom 24. August 2016 liegt, ist auch heute ein Haufen Schutt. Fast keines der Gebäude, die teilweise aus dem 16. Jahrhundert stammten, ist als solches noch zu erkennen. Ein paar Trampelpfade führen durch die Trümmer, Unkraut sprießt zwischen Ziegelsteinen. Sabrina Fantauzzi kann den Anblick schwer ertragen. "Jetzt ist es eine Wüste", sagt sie leise. "Früher war das unser Paradies hier, grün, ruhig und sicher." Seit Kindertagen kam Sabrina Fantauzzi jedes Jahr zur Sommerfrische aus Rom, wo sie lebt, nach Illica in die kühleren Berge. "Wir sind immer runter an den Fluss gerannt."

Italien Illica Erdbeben (picture-alliance/AA/A. Paduano)

Das Dörfchen Illica: Zerstörtes Paradies in den Bergen

Das Dorf soll leben

Hunderte römische Familien erholten sich in den Dörfern rund um die Stadt Amatrice. "Jetzt kommt natürlich keiner mehr, weil es keine Unterkünfte gibt", erzählt Sabrina Fantauzzi. Aber 15 Dorfbewohner sind in Notunterkünfte zurückgekehrt. Die Container, die kaum für den harten Winter hier geeignet sind, stehen auf einer Wiese am Rand des ehemaligen Dorfes. Es gibt einen Bürgerverein mit dem Namen "Illica lebt", der den Wiederaufbau fordert und fördern will. "Wir wollen unser Paradies zurück", sagt Sabrina Fantauzzi trotzig. Sie und der Verein "Illica lebt" machen der kommunalen Verwaltung ein Jahr nach der Katastrophe schwere Vorwürfe. "Alles geht viel zu langsam", klagt sie. Es gibt mehrere Verwaltungsebenen, Sonderbeauftragte, Erdbeben-Behörden und die Zentralregierung in Rom, die sich alle gegenseitig im Weg stehen würden. Bis heute ist nicht entschieden, ob und wo das Dorf Illica überhaupt wieder aufgebaut werden kann. Auch die Aufbaumethode ist umstritten: Sollen die alten Steine wiederverwendet werden? Baut man die Dörfer wie Theaterkulissen aus Beton wieder auf? 

Viele Versprechen

Der damalige Ministerpräsident Matteo Renzi versprach bei einem Besuch in Amatrice einen Tag nach dem Erdbeben, dass natürlich alles wieder aufgebaut werden soll - und zwar schnell. Renzi ist schon lange nicht mehr im Amt. Kommissionen kommen und gehen. Inzwischen wird der Schaden in der Region auf 23 Milliarden Euro geschätzt. Auch der neue Ministerpräsident Paolo Gentiloni hat die Erdbebenopfer vor zwei Wochen besucht. Auch er versprach den Wiederaufbau. "Das hat Priorität", sagte Gentiloni.

Sergio Pirozzi (Imago/Insidefoto/S. Zucchi)

Bürgermeister einer "Kriegszone": Sergio Pirozzi sieht Versagen bei der Regierung in Rom

Der Bürgermeister der ebenfalls fast vollständig zerstörten Stadt Amatrice wehrt sich gegen Vorwürfe, die Beamten vor Ort würden zu langsamen arbeiten. Sergio Pirozzi schiebt die Schuld lieber auf die Regionalregierung und die Zentrale in Rom. Die habe zum Beispiel versprochen, so Pirozzi im Gespräch mit der DW, dass die Erdbebenopfer, die wieder Geschäfte und Restaurants aufmachen, zwei Jahre keine Steuern zahlen müssten. "Davon ist plötzlich nicht mehr die Rede. Meine Mitarbeiter haben sich das angeguckt. Wir haben uns beschwert, aber es passiert wenig."  Also, folgert Bürgermeister Pirozzi, müsse man das Problem auf italienische Art lösen: "Wenn sich Vater Staat nicht kümmert, dann müssen sich die Söhne halt selber kümmern. Wir werden die Steuern irgendwie anders erlassen. Denn ohne Wirtschaftsleben brauchen wir hier auch keine neuen Häuser oder Schulen."

Italien Amatrice - Neuer Food Court (Imago/Kyodo News)

Foodcourt Amatrice: Ein Architekt aus Mailand baute ein Stück Hoffnung

"Keine Selfies" in der Roten Zone

Immerhin haben es Bürgermeister Pirozzi und einige Restaurantbetreiber geschafft, am Rande des Trümmerfeldes wieder einige Bars und Wirtshäuser aufzumachen. Die Geschäfte laufen gut, sagt Simona Bucci von der Trattoria "Roma": "Mittags und Abends sind wir immer voll." Es gibt Bedarf in Amatrice. Viele ehemalige Bewohner, Helfer, Bauarbeiter, Feuerwehrleute und auch Schaulustige bevölkern die Stadt. Bürgermeister Pirozzi war das schon zu viel. An einigen Stellen hat er Schilder aufgestellt, auf denen es untersagt wird, Selfies vor den Schuttbergen zu schießen. Das seien ja schließlich auch irgendwie immer noch Gräber und Gedenkstätten. 299 Menschen starben in Amatrice und den umliegenden Dörfern wie Illica. Maria Gracia Puccio stammt aus Amatrice. Ihr Großvater hat hier ein Haus gebaut. Sie ist aus Rom nicht als Schaulustige gekommen, sondern weil sie in die "Rote Zone" will. Dorthin dürfen nur die Angehörigen und ehemaligen Bewohner. Sie will nach Erinnerungsstücken im Trümmerfeld suchen, Bilder, Fotoalben, Urkunden. "Ich kenne mich mit den Gesetzen nicht aus", sagt sie, "aber dass hier alles noch in Trümmern liegt, ist ja wohl nicht normal im dritten Jahrtausend! Vielleicht gibt es einfach zu viele Millionen an Geldern und keiner weiß so recht, wohin damit", schimpft Maria Gracia Puccio. 

"Das ist ein Kriegsgebiet"

Bürgermeister Pirozzi ist stolz darauf, dass es jetzt auch wieder einen Supermarkt in Amatrice gibt. Man müsse organisieren können, auch wenn alles sehr mühsam sei, sagt Pirozzi. "Heute ist es ja sogar unendlich mühsam, einen Wasseranschluss zu einem Haus zu legen. Früher waren Wasser und Elektrizität im Nu verfügbar, aber jetzt? Wir sind hier in einer Kriegszone. Das ist der Ausdruck, den ich dafür benutze." Irgendwann sollen auch die Schulen, Hotels und das Krankenhaus - übrigens mit deutscher finanzieller Hilfe - wieder aufgebaut werden. 

"Manche werden nicht mehr heimkehren"

"Ich fürchte, das wird noch zehn Jahre oder länger dauern", mutmaßt Sabrina Fantauzzi in Illica. Sie war mit ihren Söhnen während des Bebens in Illica und überlebte. Eine Tante und eine angeheiratete Cousine von ihr starben. "Das war schrecklich." Trotzdem will sie, dass eines Tages auch ihre Söhne wieder nach Illica kommen können. "Wir müssen jetzt noch Untersuchungen der Geologen abwarten, ob sich diese Beben hier wiederholen können, ob man überhaupt wieder aufbauen sollte oder mehrere Dörfer zusammenlegt." Viele der Erdbebenopfer haben die Region verlassen, andere hausen in Notunterkünften, Hunderte sind in Hotels an der Adriaküste in der Stadt San Benedetto del Tronto untergebracht. Ein ganzes Altenheim wurde dorthin verlegt. "Viele dieser Menschen werden wohl den Wiederaufbau nicht mehr erleben und niemals mehr in ihre Heimat zurückkehren können", glaubt Sabrina Fantauzzi vom Dorfverein von Illica.

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