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THEMEN

Schlemmen in Berlin

Berlin war in den frühen 90er Jahren ein kulinarisches Niemandsland: Das hat sich geändert. Straßenmärkte und Food Festivals locken Besucher aus der ganzen Welt. Unsere Autorin Katherine Sacks hat für uns probiert.

"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" – diese reumütige Einsicht vernimmt man in Berlin häufig aus dem Munde von Einwanderern, die erst vor relativ kurzer Zeit ihren Weg in die deutsche Hauptstadt gefunden haben. Eben zu spät, um noch an der großen wilden Party der frühen 90er-Jahre teilzunehmen - und zu spät, um noch von den damaligen Billigstmieten zu profitieren. Ein Trost: Wer richtig gutes Essen schätzt, der ist zumindest in dieser Hinsicht zum richtigen Zeitpunkt aufgeschlagen.

Rasante Entwicklung

Cathrin Brandes ist kulinarische Beraterin und betreut die Gäste eines Mittagessen-Clubs. Als sie in den frühen 90er Jahren nach Berlin zog, fand sie dort eine recht trostlose Restaurantszene vor: In den westlichen Stadtvierteln gab es nur traditionelle Kost, in den anderen Vierteln, darunter auch das jetzt trendige Berlin-Mitte, gab es fast gar nichts, was den Namen Restaurant verdient hätte. Aber als Folge des zunehmenden Tourismus hat sich dann sehr schnell eine neue kulinarische Szene etabliert.

Es war genau diese kleine Gourmet-Szene, die für Jörn Gutowski den Ausschlag gab: Hier siedelte er sich an, zusammen mit seinem Start-up https://www.tryfoods.de/home, das Probiersets aus hochwertigen Lebensmitteln anbietet. Als Gutowski 2003 nach Berlin kam, fand er sich im selben kulinarischen Niemandsland wieder, das auch Cathrin Brandes erlebt hat: Sein Stadtteil Friedrichshain bot nur äußerst wenige Möglichkeiten, essen zu gehen. "Die Leute gingen nicht aus, um zu essen, sondern sie aßen, um auszugehen", berichtet er. "Einfach, weil man erst mal was essen musste, um anschließend was trinken zu können."

Jetzt dreht sich alles ums Essen

Nun, das hat sich erheblich geändert - jetzt steht beim Ausgehen nämlich das Essen im Vordergrund. "Wenn es ums Nachtleben geht, hat sich Berlin schon immer sehr innovativ gezeigt", so Gutowski. "Aber diese experimentierfreudigen Geister sind mittlerweile auch in die Jahre gekommen und legen jetzt mehr Wert auf gutes Essen."

Ein perfektes Beispiel dafür ist der "Neue Heimat Berlin Village Market" im Stadtteil Friedrichshain. Die Eigentümer des Markts unterhielten fast ein Jahrzehnt lang den beliebten Club Bar 25. Aber dann verlegten sie ihren Schwerpunkt aufs Essen: Jetzt veranstalten sie einen wöchentlichen Straßenmarkt, der alle möglichen exotischen Waren und kreative Essenskonzepte anbietet, sowie diverse Pop-up Events.

In vielerlei Beziehung berücksichtigt dieser Markt auch die Wünsche junger Leute, die nach wie vor nach Berlin strömen, um dort das berüchtigte Nachtleben auszuprobieren. "Diese Ereignisse haben einen gemeinschaftlichen Aspekt", erklärt Gutowski. "In einer Stadt wie Berlin ist es für die Leute besonders wichtig, dass sie das Gefühl haben, mit Gleichgesinnten zusammen zu sein."

Berlin Food Week EINSCHRÄNKUNG

Berlins kulinarische Szene holt rasant auf

Straßenmärkte und die Berlin Food Week

Und der Village Market ist nur ein Beispiel unter vielen: Wie Pilze aus dem Boden sprießen seit einigen Jahren überall neue Straßenmärkte hervor. Kavita Meelu, eine Einwanderin britisch-indischer Herkunft, suchte in Berlin nach der gleichen kulinarischen Vielfalt, an die sie von ihrer Londoner Heimat her gewöhnt war. Sie wurde selbst aktiv und organisierte den "Markthalle Neun's Street Food Thursday", der kreativen Köchen ein Forum bietet, um ihre Kochkünste darzubieten.

Kurz nachdem der "Street Food Thursday" 2012 ins Leben gerufen worden war, folgte der Bite Club mit einem Straßenmarkt inklusive Musik und Cocktails. Für ein bißchen Party-Atmosphäre sorgt die unmittelbare Nähe zum Arena Nachtclub an der Spree.

Ein weiterer Beweis für den Berliner Essens-Wahnsinn ist die Berlin Food Week. Die muss man sich so ähnlich vorstellen wie die Fashion Week - aufgepeppt mit Essensangeboten. Alexander van Hessen ist einer der Gründer der Berlin Food Week, die 2014 zum ersten Mal stattfand. Er hebt hervor, dass es das Ziel sei, die Berliner Essensszene weltweit voranzutreiben. "Noch weiß der Rest der Welt nur wenig über die Vielfalt der Berliner Essensszene. Es ist ein großes Potential vorhanden, und wir bemühen uns darum, dieses bekannt zu machen."

Neue kulinarische Trends

Überall in der Stadt verteilt gibt es Geschäfte, die sich auf regionale Produkte spezialisieren, wie zum Beispiel Fritz Blomeyer, ein Käseladen, in dem nur deutscher Käse verkauft wird. Oder Culinary Misfits, ein Geschäft, das nur Bio-Ware von regionalen Bauern anbietet. Ein Ergebnis dieser Rückbesinnung auf einheimische Produkte ist auch das "Stadt Land Food", ein viertägiges Festival in der Markthalle Neun in Kreuzberg mit Kostproben, Vorträgen, Kochvorführungen und Pop-up-Abendessen, die sich allesamt auf die traditionelle Essenskultur der Region stützen.

Die Besuchermassen können dort alles Mögliche probieren, angefangen von regionalen Wurst- und Käsewaren, bis hin zu Berliner Bier und frisch geröstetem Kaffee. Zum Thema Essen werden Filmbeiträge vorgeführt und man kann an Workshops teilnehmen, um die Kunst der Käseherstellung und des Brotbackens zu erlernen. Während des Festivals werden auch Berlin-Street-Food-Preise vergeben.

Verborgene Schätze

Obwohl die meisten Leute sicherlich das Entwicklungspotenzial von Berlin anerkennen würden, hat die Stadt in Sachen Essen trotz allem noch so einiges aufzuholen. Und das wird Berlin sicherlich tun – wobei hier weit weniger Top-Verdiener leben als in London oder New York, die bereit sind für gutes Essen viel Geld auf den Tisch zu legen.

Und wie Jörn Gutowski von "Try Food" richtig beobachtet hat, scheint die kulinarische Szene von Berlin irgendwie ihr allgemeines Stadtbild nachzuahmen. Berlin hat nun mal keine ähnlich beeindruckende Skyline wie New York. Und ein kulinarisches Zentrum wird man dort wohl auch nicht finden können. "Um Berlin wirklich wertzuschätzen, muss man in die Hinterhöfe gehen, und man muss eine ganze Weile hier verbringen", meint Gutowski. "Genauso verhält es sich mit der kulinarischen Szene. Es tut sich dort eine ganze Menge - aber man muss schon danach Ausschau halten."

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