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Wirtschaft

Schlechte Zahlen für Wal-Mart nach Deutschland-Rückzug

Wal-Mart verkündet seinen ersten Gewinnrückgang seit zehn Jahren. Das erfolgsverwöhnte US-Unternehmen scheiterte im hart umkämpften deutschen Discountmarkt durch Sozialdumping und ökonomische Fehlentscheidungen.

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"Bye-bye, Germany!" - Firmenhauptsitz in Bentonville, Arkansas

Der weltgrößte Einzelhandelskonzern ist Rückschläge eigentlich nicht gewohnt: Seit der Eröffnung des ersten "Wal-Mart-Stores" durch die Brüder Sam und Bud Walton im Jahr 1962 glich die Firmengeschichte einem konstanten Aufwärtsdiagramm – vergleichbar nur mit dem Wachstum von Coca Cola und McDonalds. Weltweit beschäftigt Wal-Mart heute über 1,8 Millionen Angestellte in 6500 Filialen und erwirtschaftete alleine im vergangenen Jahr laut eigenen Angaben einen Umsatz von 285 Milliarden US-Dollar. Doch jetzt erleidet nicht nur das Selbstverständnis des erfolgsverwöhnten Unternehmens einen Kratzer, auch die sonst so makellose Gewinnkurve bekommt einen spürbaren Knick: Wie bereits im Juli dieses Jahres verkündet, übernimmt der deutsche Marktführer Metro-AG alle 85 deutsche Wal-Mart-Filialen.

METRO AG Duesseldorf

Die Düsseldorfer Metro-AG schluckt 85 Wal-Mart-Filialen

Der Rückzug des Unternehmens aus dem deutschen Einzelhandel ist bereits ein Zugeständnis an sich und schlägt sich jetzt im zweiten Quartalsbericht empfindlich nieder. Der Netto-Gewinn schrumpfte im zweiten Quartal dieses Jahres von 2,8 Milliarden Dollar in der Vergleichsperiode vom Vorjahr auf 2,08 Milliarden Dollar, wie das Unternehmen am Dienstag (15.8.2006) verkündete. Das entspricht einem Gewinnrückgang von über 25 Prozent und übersteigt sogar die Berechnungen, die Analysten im Vorfeld erstellt hatten.

Deutsche Gepflogenheiten ignoriert

In der Hoffnung, seinen phänomenalen Erfolg aus den USA wiederholen zu können, setzte Wal-Mart seinen Fuß 1998 zum ersten Mal nach Deutschland. Die Handelskette startete mit der Übernahme von 21 "Wertkauf"-Filialen, ein Jahr später folgten weitere 74 "Interspar"-Märkte. Doch der angekündigte Siegeszug blieb aus. Stattdessen kam es zu einer Reihe von Fehlern und Versäumnissen, die das Unternehmen heute selbst einsieht. Den deutschen Ablegern wurde das – in den USA durchaus erfolgreiche – Firmenkonzept eins zu eins übergestülpt, ohne auf landesspezifische Gepflogenheiten einzugehen. Dies galt für Kunden wie Angestellte: Erstere fanden es befremdlich, beim Einkauf von dauerlächelnden Angestellten umsorgt zu werden und sogar den Einkauf eingepackt zu bekommen – das erledigen die Deutschen lieber selbst.

Walmart Supermarkt USA

Den deutschen Kundengeschmack verfehlt: Wal-Mart-Filiale in Arkansas

Die Arbeitnehmer dagegen hatten genau mit dem Gegenteil übertriebener Höflichkeit und Fürsorge zu kämpfen. Entgegen der obersten Firmenüberzeugung, die besagt, "dass jeder Mensch es verdient, mit Respekt und Würde behandelt zu werden", wurden die Angestellten mit zum Teil absurd anmutenden Regelungen schikaniert. Kasernenhofartige Morgenappelle und firmeninterne Flirtverbote konnten vielleicht noch mit Humor hingenommen werden. Die Einrichtung einer "Hotline" zum Denunzieren ungehorsamer Kollegen sprengte dann aber doch die Grenzen des guten Geschmacks – und wurde gerichtlich verhindert.

Mit starken Gewerkschaften unvereinbar

Der Gewerkschaft "ver.di" war Wal-Mart von Anfang an ein Dorn im Auge. Zuerst verweigerte das Unternehmen sowohl die Anerkennung des Flächentarifvertrags als auch Gespräche über eigene Vereinbarungen. Erst unter zunehmendem Druck gab die Geschäftsführung den Forderungen von "ver.di" schließlich nach – beschwerte sich anschließend aber mit Vermerken auf den Anschlagstäfeln der Märkte und drohte gar mit Schließungen.

Berlinale 2006 WAL-MART: The High Cost Of Low Price

Anti-Wal-Mart-Demonstration in den USA

Ein Blick über den Atlantik zeigt, dass die 11.000 deutschen Angestellten damit insgesamt noch gut weggekommen sind: In den über 3700 US-Filialen ist über ganze zehn Mitarbeiter bekannt, dass sie Mitglieder einer Gewerkschaft sind. Alle anderen Angestellten verdienen im Schnitt nur zwei Drittel des Lohns eines gewerkschaftlich organisierten Kollegen aus einem anderen Supermarkt. 116.000 Mitarbeitern wurde vergangenen Dezember von einem Gericht in Kalifornien gar eine Entschädigung zugesprochen, weil ihnen seitens Wal-Mart die gesetzlich vorgeschriebene Mittagspause verweigert wurde. In Kanada wurde Mitte 2005 eine Wal-Mart-Filiale kurzerhand geschlossen und die komplette Belegschaft von 190 Mitarbeitern vor die Tür gesetzt, nachdem diese es – als erste in Nordamerika – durchgesetzt hatte, sich zu organisieren.

"Arrogante Selbstüberschätzung"

Doch in Deutschland scheiterte Wal-Mart nicht nur durch den rüden Umgang mit dem Personal. Die Geschäftsführung habe die bereits etablierte Konkurrenz aus schierer "Arroganz" weit unterschätzt, sagt Ulrich Eggert von der Kölner Unternehmensberatung BBE. "Bei Wal-Mart dachte man, man könnte den deutschen Markt aufrollen, nur indem man der Billigste ist." In eitlen Rettungsversuchen, in Deutschland doch noch schwarze Zahlen zu schreiben, wurde zudem das hiesige Geschäft durch die US-Geschäftsführung sogar mit Hunderten von Millionen US-Dollar bezuschusst. Doch auch die so ermöglichten brutalen Preiskämpfe konnten keine Wende einläuten.

ALDI Markt in Gelsenkirchen Lebensmittelmarkt Verbrauchermarkt

Discountmärkte beherrschen den deutschen Einzelhandel

"Wir haben zahlreiche Fehler begangen", gibt nach dem achtjährigen Verlustgeschäft auch David Wild, Vorstandsvorsitzender von Wal-Mart-Deutschland, zu. Zum einen sei das Warensortiment von US-amerikanischen Einkäufern zusammengestellt worden, und so am Bedarf der deutschen Kundschaft zum Teil ordentlich vorbeigeschlittert. Zum anderen sei die Marke mit nur 85 Filialen in Deutschland schlichtweg nicht bekannt genug gewesen: Etablierten Branchenriesen wie "Aldi", "Lidl" und "Plus", die gemeinsam bis zu 40 Prozent des Lebensmittelmarktes beherrschen, habe man nicht das Wasser reichen können.

Aus Fehlern nichts gelernt Doch aus Wal-Marts unrühmlichen Abgang in Deutschland zieht die Chefetage im amerikanischen Bentonville offenbar keine großen Lehren für die weitere internationale Expansion: Erst vor wenigen Monaten musste Wal-Mart auch in Südkorea den Kampf aufgeben – zu groß war der Druck seitens der Gewerkschaften geworden. Auch in China gibt es Ärger: Wang Zhaoguo, Chef der kommunistischen Einheitsgewerkschaft ACFTU, hatte bereits mehrmals öffentlich angedeutet, rechtliche Schritte gegen die Firma Wal-Mart einzuleiten. Diese hatte zwar nach langem Widerstand am 9. August doch noch die Einheitsgewerkschaft in ihren 60 chinesischen Warenhäusern zugelassen, allerdings befürchtet Zhaoguo Wal-Marts "Rache" an den Mitarbeitern. Der zweite Leitsatz von Wal-Marts Firmenphilosophie lautet übrigens: "Fehler sind bei uns durchaus erlaubt, denn nur aus Fehlern kann man lernen, um täglich besser zu werden."

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