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Europa

Schlaraffenland für Schmuggler

Schengen, dieser Name ist weltweit bekannt und steht für offene Grenzen in Europa. 2010 wird das Schengener Abkommen 25 Jahre alt. Ein kleines Dorf an der Mosel freut sich ganz besonders über dieses Jubiläum.

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Im Dreiländereck Luxemburg, Frankreich, Deutschland: Moselbrücke bei Schengen

Albrecht Gelz kennt die Mosel wie seine Westentasche. Zielstrebig geht der Rentner durch das Gras am Flussufer. "Noch ein paar Meter weiter flussabwärts", sagt er und deutet auf eine steinige Stelle am Ufer. Über das was einst streng geheim war, kann Albrecht Gelz heute offen sprechen. "Von dieser Stelle aus haben wir früher die Waren über den Fluss geschmuggelt".

Angefangen hatte alles ganz bescheiden. In einem Sommer führte die Mosel so wenig Wasser, dass man auf die Luxemburgische Seite hinüberwaten konnte. Albrecht Gelz zögerte nicht lange, band sich die Kleidung auf den Kopf und machte sich auf den Weg. Denn auf der anderen Uferseite, im Dörfchen Schengen, lockten all die süßen Sachen, die es nach dem Krieg in Deutschland nicht gab: Mit Taschen voller Schokolade und Bonbons kehrte er nach Perl zurück. "Da hat man natürlich geglänzt bei den Mädchen", schmunzelt Albrecht Gelz.

vom 16.11.2008) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Das war einmal innerhalb der EU: Kontrollen sind an der Grenze fast vollständig weggefallen

Nach dem Krieg blühte der Schmuggel

Damit die Schmugglerbande um Albrecht Gelz nicht ständig durch die Mosel schwimmen musste, ließen sich die Jungs etwas einfallen, denn eine Brücke über den Fluss gab es damals nicht. Sie wurde im Krieg zerstört: "Wir bauten einen Reservekanister der amerikanischen Luftwaffe zu einem U-Boot um. Damit konnten wir kiloweise Kartoffeln und vor allem Südfrüchte aus Luxemburg herüberschaffen." Voll beladen wurde das U-Boot dann mit einem Seil durch den Fluss gezogen. Neben den alltäglichen Waren wurden auch ausgefallene Wünsche erfüllt: Irgendwann waren es nicht mehr die luxemburgischen Bonbons sondern Nylonstrümpfe, die bei den Frauen hoch im Kurs standen. Albrecht Gelz schaut versonnen hinüber zur anderen Seite. Ein frischer Wind weht über den Fluss.

Bis 1995 den Ameisen-Schmugglern stets auf der Spur

Am 14. Juni 1985 machte das Passagierschiff "Marie-Astrid" an der Anlegestelle von Schengen fest. An Bord unterschrieben die Vertreter von Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg das Schengener Abeinkommen - den Grundstein für ein Europa ohne Grenzen. Allerdings sollte es noch weitere zehn Jahre dauern, bis alle Grenzkontrollen im Schengen-Raum tatsächlich wegfielen.

. (AP Photo/Diether Endlicher)

Bei Bedarf finden Personenkontrollen heute weit im Hinterland der Grenze statt

Für Manfred Burg hieß dies, dass er weiterhin ein wachsames Auge auf seine Grenze haben musste. Vor seiner Pensionierung hat der Grenzpolizist im Dreiländereck seinen Dienst geschoben. Wo Manfred Burg früher gearbeitet hat dreht sich heute der Dönerspieß -das Zollhäuschen nennt sich heute „Grill Dreiländereck“. Seitdem 1995 die Grenzkontrollen wegfielen hat sich viel verändert. "Besonders der Ameisenverkehr erforderte damals die Aufmerksamkeit von mir und meinen Kollegen", erzählt Manfred Burg und lächelt. "Eine Ameise ist ein kleines, aber ein fleißiges Tier. Es läuft und rennt immer hin und her." Genauso sei das mit dem Ameisen-Schmuggel gewesen. Unauffällig schleusten die Leute ihre Freimenge Kaffee und Zigaretten über die Grenze. Die luxemburgischen Waren wurden auf deutscher Seite versteckt, dann ging es erneut hinüber nach Schengen und wieder zurück - manchmal den ganzen Tag lang. "Da haben wir natürlich nicht tatenlos zugeschaut sondern den Schmugglern direkt in ihrem Versteck aufgelauert", erinnert sich Manfred Burg.

Heute wird Benzin geschmuggelt

Jetzt, am späten Nachmittag herrscht reger Grenzverkehr. Ein Auto nach dem anderen passiert die graue Betonbrücke. Tank-Touristen aus Deutschland und Frankreich. Heute geht es hier nicht mehr um Bonbons, sondern um billiges Benzin. Obwohl in Schengen nicht einmal 500 Menschen wohnen, gibt es hier acht Tankstellen. Vor den Zapfsäulen stehen die Autos Schlange - das Geschäft scheint sich zu lohnen. So manch einer nimmt mehr Benzin mit als erlaubt. "Sein Auto zur Bombe machen weil man hundert Liter Sprit schmuggelt, das ist eine gefährliche Sache", sagt ein Kunde und deutet auf einen Franzosen der eifrig einen Kanister nach dem anderen betankt. An der Kasse kauft er noch eine Stange Zigaretten und dann geht es wieder zurück auf die andere Seite. Das sind die Ameisenschmuggler von heute.

Doch nicht nur billiges Benzin und günstiger Tabak zieht die Menschen nach Schengen. Mittlerweile hat sich das Dörfchen zu einem Pilgerort für Europafans entwickelt. Rund 100.000 Menschen aus aller Welt kommen jedes Jahr hierher. Denn das einstige Schmuggelparadies ist heute ein symbolträchtiger Ort - ein Paradebeispiel für den Traum vom vereinten Europa.

Autor: Jannick Schwender
Redaktion: Bernd Riegert

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