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Wissen & Umwelt

Schlangen, Geckos und Echsen - vom Liebhaber zum Hobbyforscher

Schlangen im Wohnzimmer? "Nein, danke", sagen viele. Andere dagegen können von Reptilien nicht genug bekommen. Dabei ist ihr Hobby, die Terraristik, nicht nur eine Spielerei: Sie hilft Wissenschaft und Artenschutz.

Was aussieht wie ein riesiges Zoofachgeschäft, ist das Zuhause von Friedrich Wilhelm Henkel. "Das ist bei mir im Keller", erzählt der 65-jährige Rentner aus Kamen und tippt auf seinem Tablet ein Foto an. "Hier stehen etwa 50 bis 60 Terrarien."

Er öffnet das nächste Foto. "Ich hab auch ganze Zimmer als Terrarium ausgebaut. Diese Etage hier in meinem Haus - das alles ist ein Terrarium." Insgesamt hält sich Henkel über 200 Reptilien, hauptsächlich Geckos. Aber auch über 30 Zentimeter große Kragenechsen sind unter seinen Schützlingen - sie bewohnen eines seiner Ganzzimmerterrarien.

Terrarienanlage von Terraristik-Fan

Das ist nur ein kleiner Teil von Henkels Terrarienanlage.

Die Faszination des Zuschauens

450 Euro Stromkosten zahlt Henkel im Monat, um alle Terrarien zu beheizen und zu beleuchten. Aber das ist es ihm wert, denn Reptilien faszinieren ihn seit seiner Kindheit. "Wenn so eine Kragenechse auf mich zugelaufen kommt, mich anfaucht und ihren Kragen aufstellt, dann weiß ich: Das ist es!" erzählt er, und seine Augen leuchten. "Das ist wie Weihnachten und Ostern an einem Tag."

Peter Buchert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) glaubt: "Als Terrarianer wird man geboren, das bekommt man schon mit in die Wiege gelegt." Er selbst hält und züchtet seit 40 Jahren Schildkröten.

Reptilien begeistern Buchert vor allem, weil sie erdgeschichtlich schon so alt sind. "Sie haben die Dinosaurier überlebt und sind praktisch unverändert in unsere heutige Zeit übergewechselt", sagt er. "Ihr Verhalten lässt sich mit dem von Säugetieren gar nicht vergleichen."

Geckos und Schildkröten sind eine Sache - aber Schlangen schrecken viele Menschen ab. Thomas Klesius kann das nicht nachvollziehen. Der Förderschullehrer aus Hassloch hat über 60 Schlangen zu Hause. "Es ist faszinierend, dass so eine Schlange sich so elegant bewegen kann", erzählt er. "Schlangen zeigen, dass es auch ein Vorteil sein kann, keine Beine zu haben." Klesius hält unter anderem Vietnamesische Langnasennattern.

Uroplatus henkeli (Foto: picture alliance).

Friedrich Wilhelm Henkel gab dem Uroplatus henkeli seinen Namen.

Forschung durch Beobachtung

Henkel war früher Elektroingenieur; Reptilien und ihre Biologie waren für ihn stets nur ein Hobby. "Ich bin kein Forscher", sagt er. Trotzdem weiß kaum jemand mehr über die Kaltblüter als er. Henkel hat über 20 Fachbücher geschrieben und hat sogar im Regenwald Madagaskars geforscht - in seinem Urlaub wohlgemerkt. Nach ihm sind sogar ein paar Arten benannt, die er entdeckt hat, beispielsweise Uroplatus henkeli, ein Blattschwanzgecko.

Aber ein Reptilienhalter muss nicht durch den Regenwald stapfen, um auf Neues zu stoßen. Er beobachtet seine Tiere tagein, tagaus, 365 Tage im Jahr - kein Forscher kann das in der Wildnis leisten. Es gebe einen breiten Austausch zwischen Haltern und Wissenschaftlern, sagt Thomas Klesius, und er werde öfters gefragt: "Wie ist das denn bei dem Tier, hast du da was beobachten können, Thomas? Was fressen die Jungtiere?'" Gerade Jungtiere seien bei vielen Schlangenarten nur schwer zu erforschen.

Schlangenhalter Thomas Klesius

Thomas Klesius liebt Schlangen über alles - und hat über sechzig davon zu Hause.

Alte und neue Arten im Wohnzimmer

Auch André Koch setzt bei seinen Forschungen oft auf die Hilfe von privaten Haltern. Der Zoologe forscht am Staatlichen Naturhistorischen Museum in Braunschweig, sein Spezialgebiet sind Warane. "Die Untersuchungen, die in den Lebensräumen der Tiere gemacht werden, sind sehr begrenzt", erzählt Koch. "Für solche Studien gibt es leider nur wenige Forschungsgelder."

Der Zoologe bekommt oft E-Mails von Terrarienfreunden, die sich auf einer Reptilienbörse ein neues Tier gekauft haben, und jetzt wissen möchten, zu welcher Unterart ihr neuer Schützling gehört. "So weiß ich wiederum, was für Unterarten überhaupt existieren. Also profitieren beide Seiten davon."

Auf diese Weise hat André Koch beispielsweise herausgefunden, dass eine Waranart, die unter Forschern als äußerst selten galt, im Handel weit verbreitet war. Sie war aber unter einem falschen Artennamen verkauft worden.

Zu wertvoll zum Überleben

Einigen Tierarten ist ihre Beliebtheit bei Terrarienfans zum Verhängnis geworden - etwa dem auffällig gefärbten himmelblauen Zwergtaggecko. Inzwischen ist er in seiner Heimat, einem Naturreservat in Tansania, vom Aussterben bedroht. Zu viele Fänger haben sich auf die Jagd nach dem wertvollen Terrarientier begeben, "und dabei sogar die Palmen abgeschnitten, auf denen die Art lebt", sagt Koch.

Himmelblauer Zwergtaggecko (Foto: picture alliance).

Sammelwut bedroht den himmelblauen Zwerttaggecko.

Peter Buchert von der DGHT bedauert, dass es immer wieder Menschen gibt, die solche hochbedrohten Arten der Natur entnehmen. "Für solche Tiere findet sich natürlich auch immer wieder eine Käuferschicht - vielleicht, weil das Außergewöhnliche und das Exquisite im Mensch verankert steckt." Die DGHT lehnt solche Wildfänge rigoros ab.

Terraristik hilft Artenschutz

Viele private Halter züchten auch selber. Friedrich Wilhelm Henkel, Thomas Klesius und Peter Buchert haben regelmäßig Jungtiere bei sich zu Hause.

Drei Viertel aller Terrarientiere auf dem Markt sind inzwischen Nachzuchten, ein Viertel sind Wildfänge. "Wenn ich die Gefangenschaftspopulation durch meinen Beitrag als Züchter erhöhen kann, hilft das, damit weniger Tiere der Natur entnommen werden", sagt Gerald Benyr, Biologe am Naturhistorischen Museum Wien und Sachverständiger für Artenschutz.

Vietnamesische Langnasennatter (Jungtier)

Jungtier der Vietnamesischen Langnasennatter

Nicht alle Wildfänge sind illegal, fügt Benyr hinzu. Legale Wildfänge bedrohen nicht die Existenz einer Art - im Gegenteil: "Die lokale Bevölkerung bekommt die Chance, sich ihr Brot zu verdienen und hat so einen Anreiz, sich um den Schutz dieser Arten zu kümmern."

Regeln für Terrarienfans

Wer sich ein Reptil kaufen möchte, sollte immer darauf achten, woher die Tiere stammen, sagt Benyr. Ist es ein Wildfang, sollte man sicher stellen, dass das Tier legal gefangen wurde.

Außerdem: "Reptilien sind Schautiere, keine Kuscheltiere", betont Klesius. "Wer ein Streicheltier haben möchte, sollte sich besser eine Katze oder einen Hund zulegen."

Im Hause von Friedrich Wilhelm Henkel gibt es zudem noch eine weitere Regel. Diese Regel hat Brunhilde Henkel, seine Frau, aufgestellt, und sie lautet: Im Wohnzimmer dürfen keine Terrarien stehen. "Das haben wir dann auch so gemacht", sagt Henkel stolz und lacht.

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