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Politik

Schlafloses Ostasien

Der Zorn der Menschen in China und Korea auf Japan ist nicht bloß pure Hysterie, schreibt die koreanische Dozentin Eun-Jeung Lee. Sie warnt jedoch vor pauschaler Kritik und plädiert für mehr Differenzierung.

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Demonstration in Seoul gegen Japan

Seit Wochen findet Ostasien keine Ruhe mehr. Angesichts der scharfen Kontroverse um japanische Schulbücher und diverse Inseln hat man in Ostasien das Gefühl, sich in einem waffenlosen Kriegszustand zu befinden. Einerseits demonstrieren Zigtausende von Bürgern in China und Korea gegen Japan und organisieren Boykottbewegungen gegen japanische Produkte, während andererseits die japanische Regierung Entschädigungen für die Schäden, die japanischen Firmen in China zugefügt werden, verlangt. Ein konservativer japanischer Wissenschaftler wirft den demonstrierenden "comfort women" in Korea sogar vor, Spione Nordkoreas zu sein.

Eine Frage der Perspektive


Demonstration in Seoul gegen Japan

Nächtliche Protestaktion in Südkorea



Für Außenstehende mögen die Bilder aus Peking oder Seoul überraschend sein. In Europa mag man diese Art von Reaktionen als hysterisch empfinden. Ist die Wut von Chinesen und Koreanern wirklich nur grundlose Hysterie?

In Europa können die früheren Kriegsgegner auf einen 60-jährigen Versöhnungsprozess zurückblicken. Man hat sich stetig und gemeinsam um die Aufarbeitung der Vergangenheit bemüht und kann deshalb ohne Sorgen nach vorne blicken. Aus dieser Perspektive müssen die gegenwärtig aufeinanderprallenden Gefühle in Ostasien unverständlich erscheinen.

Wenn man sich aber in die Lage der Nachkommen der Opfer des japanischen Imperialismus versetzt, die von den Nachkommen der Täter immer wieder zu hören bekommen, dass ihre Vorfahren doch einen großartigen Beitrag zur Entwicklung der Region geleistet hätten, werden diese Reaktionen vielleicht schon ein bisschen verständlicher. Dann wird man den Regierungen in China und Korea vielleicht nicht mehr so leicht vorwerfen, sie würden aus innenpolitischen Gründen den anti-japanischen Nationalismus ihrer Bürger mobilisieren – zumal das politische Bewusstsein der Bürger genügend entwickelt ist, um sich nicht so leicht instrumentalisieren zu lassen.

Rechtsruck in Japan

Der Zorn der Menschen in China und Korea ist im Hinblick auf das, was gegenwärtig in Japan passiert, durchaus verständlich. Denn das Schulbuch der "Vereinigung für eine neue Geschichtsschreibung", das Anfang April 2005 vom Bildungsministerium genehmigt worden ist, verklärt die Geschichte noch mehr als frühere Versionen. Vor vier Jahren, als ein Schulbuch dieser Vereinigung zum ersten Mal genehmigt worden war, gab es wegen der verdrehten Geschichtsdarstellungen heftige Proteste aus China und Korea. Die neue Version des Schulbuches ist aus Sicht Chinas und Koreas eindeutig eine Verschlechterung. Die Kriegsverbrechen Japans in China und Korea werden verharmlost, hingegen werden die Siege Japans im Sino-Japanischen und Russo-Japanischen Krieg glorifiziert. Das Nanjing-Massaker und die Zwangsprostitution werden erst gar nicht erwähnt.

Japanische Soldaten in China zweiter Weltkrieg

Japanische Soldaten in China im zweiten Weltkrieg

Ein gravierendes Problem ist hierbei, dass das japanische Bildungsministerium dieses Buch als ausgewogen preist. Die japanische Zeitung "Mainichi Shimbun" berichtet, dass das Ministerium diese Verschlechterung des Schulbuchs indirekt gefördert habe. Dahinter steht der zunehmende Rechtsruck der japanischen Regierung unter Ministerpräsident Koizumi. In seiner Regierungszeit, also seit 2001, ist der Nationalchauvinismus deutlich gestärkt worden. Ungeachtet der Proteste aus China und Korea hält er an seinen jährlichen Besuchen des Yasukuni Schreins fest.

Lesen Sie im zweiten Teil, wo sich auch in Japan kritische Stimmen regen und warum Japan, Korea und China in ihrer Vergangenheitsbewältigung von Deutschland oder Polen lernen können.

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