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Politik

Schlachtfeld der Fehleinschätzungen

Ganz gleich ob Politiker, Militärs oder Nahost-Experten: Selten haben Fachleute mit ihren Prognosen so daneben gelegen wie im Irak-Konflikt.

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Vorentscheidung: Am 4. April erobern die Amerikaner den Flughafen von Bagdad

Je näher der Angriff der Amerikaner auf den Irak rückte, umso drastischer fielen die Schreckens-Szenarien von Politikern, Experten und Journalisten aus. Hunderttausende von Opfern unter der irakischen Zivilbevölkerung und einen Flächenbrand im Nahen Osten sahen sie voraus. US-Militärs malten das apokalyptische Bild tausender brennender Ölquellen und rechneten mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen durch die irakische Armee. Nahezu alle Fachleute sahen einen blutigen Häuserkampf in Bagdad auf die Amerikaner zukommen und die Gegner des amerikanischen Feldzugs gegen Saddam Hussein prophezeiten der US-Armee ein mesopotamisches Stalingrad.

Dass vor allem Politiker von SPD und Grünen kräftig danebenlagen, ist einem aktuellen Arbeitspapier der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung zu entnehmen. So habe etwa SPD-Generalsekretär Olaf Scholz geschätzt, dass der Krieg "vielleicht hunderttausenden unschuldigen Menschen das Leben kostet". Wolfgang Thierse, Sozialdemokrat und Bundestagspräsident, dachte, so die Studie, "an die Millionen Menschen in Bagdad, die Opfer von Bomben und Raketen werden". Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul erwartete "hunderttausende von unschuldigen Menschen, Zivilisten, Kinder, Frauen" als Opfer der Kampfhandlungen und rechnete mit zwei bis drei Millionen Flüchtlingen.

Tatsächlich blieben die Zelte der Flüchtlingslager an der jordanisch-irakischen Grenze weitgehend leer. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder, erklärter Kriegsgegner der ersten Stunde, war davon ausgegangen, dass der Krieg "Tausenden von unschuldigen Kindern, Frauen und Männern den sicheren Tod bringen wird". Noch drastischer waren die Visionen der grünen Bundestagsvizepräsidentin Antje Volmer, die befürchtete, dass die "gesamte Region in ein hundertjähriges Chaos" stürzen würde.

Rätselraten um irakischen Widerstand

Tatsächlich fiel die irakische Hauptstadt den US-Truppen fast ohne Widerstand in den Schoß und der heraufbeschworene Flächenbrand im Nahen Osten fiel aus. Stattdessen rieben sich die arabischen Fernseh-Zuschauer von Sendern wie Al Arabia nur ungläubig die Augen, als sie Live-Zeugen des Falls von Bagdad wurden.

"Keiner konnte vor dem Krieg damit rechnen, dass es bei der Einnahme von Bagdad so wenig Widerstand geben würde", räumt Professor Thomas Philipp ein, Politologe an der Uni Erlangen-Nürnberg. Den Grund liefert der Nahost-Experte gleich nach: "Es sind massive Bezahlungen der Amerikaner an hohe irakische Offiziere geflossen, die ihre Soldaten daraufhin nach Hause geschickt haben." Philipp räumt durchaus ein, vor und während des Irakkriegs mit seinen Einschätzungen falsch gelegen zu haben: "Ich war völlig davon überzeugt, dass es Massenvernichtungswaffen im Irak gibt und dass die Irakis im Kriegsfall Raketen einsetzen würden."

Im Rückblick völlig grotesk wirken jetzt Statements von Wissenschaftlern wie dem Direktor des Deutschen Orientinstituts, Udo Steinbach. Er behauptete im August 2002, "intern" rechneten die Amerikaner mit 40.000 Gefallenen. Woher diese brisante "interne" Information kam, ließ er allerdings offen, kritisieren die Autoren der Adenauer-Stiftung. Der Ahnvater deutscher Kriegsberichterstatter, Peter Scholl-Latour, ging noch weiter: Er traute der US-Regierung sogar zu, Atombomben über dem Irak abzuwerfen.

Mit mehr als 140 getöteten US-Soldaten sind seit dem offiziellen Kriegsende am 1. Mai zwar mehr Amerikaner umgekommen als während des Krieges. Doch bleibt die Zahl der US-Gefallenen damit noch immer weit unter den Szenarien eines Udo Steinbach. Und auch wenn es noch immer keine verlässlichen Zahlen über die Höhe der zivilen Opfer gibt – die von amerikanischen und britischen Friedensaktivisten geschätzten 6.100 bis 7.800 getöteten irakischen Zivilisten liegen mehr als deutlich unter den Szenarios mit hunderttausenden von Opfern, schreiben Markus Bodler und Karl-Heinz Kamp, die Autoren der Studie mit dem beißenden Titel "Die Stunde der Phantasten".

Warten auf fallende Ölpreise

Doch nicht nur beim Ausmaß der Kämpfe lagen die Experten völlig daneben. Auch die Erwartung der Amerikaner, Saddam könne wie im ersten Golfkrieg flächendeckend die Ölfelder anzünden, erwies sich als falsch. Genauso wie die Voraussage von Rohstoff-Experten, der Ölpreis werde nach dem Ende der Kampfhandlungen deutlich zurückgehen. "Die Amerikaner haben sich völlig verkalkuliert, was es kosten wird, die marode Ölförder-Infrastruktur im Irak wieder in Schuss zu bringen", meint dazu Politologe Philipp.

Und so haben Rohstoff-Analysten der US-Investmentbank Lehman Brothers gerade ihre Prognosen für den Ölpreis erhöht. Sie rechnen wegen einer höheren Nachfrage und dem weitgehenden Ausfall der irakischen Lieferungen mit einem Durchschnittspreis von 28 US Dollar pro Barrel in diesem Jahr.

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