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Politik

"Schläfer sind die größte Gefahr"

Die Piloten sind geschult, die Technik ist verbessert - trotzdem gibt es keine absolute Sicherheit. Der Pilot und Flugsicherheitsexperte Tim Van Beveren spricht über Flugzeugentführungen seit dem 11. September.

Tim Van Beveren sitzt in einem Flugzeugcockpit. Quelle: Tim Van Beveren

Flugzeugentführungen haben heute ein anderes Potential meint Tim Van Beveren.

DW-WORLD.DE: Ist es tendenziell nach dem 11. September zu mehr oder weniger Flugzeugentführungen gekommen?

Tim Van Beveren: Eine Tendenz ist da so schnell nicht abzusehen, es sind immer mal wieder Flugzeugentführungen vorgekommen. Aber das Maßgebliche ist die Art und Weise, die sich geändert hat. Früher ging man immer davon aus, dass Passagiere gegen eine Forderung freigepresst werden. Beim 11.September wurden Flugzeuge als Bomben benutzt und es ging nicht darum, die Passagiere auszutauschen. Ein solches Szenario ist für die Sicherheitsexperten ein Riesenproblem.

Kann man also sagen, dass Flugzeugentführungen seit dem 11. September eine neue Dimension erlangt haben?

Zumindest das Potential ist ein ganz anderes. Wird ein Flugzeug entführt, müssen die Sicherheitsbehörden davon ausgehen, dass es zu einer Art Wiederholung der Anschläge vom 11. September kommen kann. Deswegen auch die ganze Diskussion darum, ob man ein solches Flugzeug abschießen darf. Das jüngste Beispiel war erst vor einem Monat, als zwei Entführer eine Maschine auf dem Flug von Zypern in die Türkei in ihre Gewalt brachten. Sie hatten zwar nur Bombenattrappen, die Entführung ging auch unblutig zu Ende, aber es ist gelungen die Maschine in ihre Gewalt zu bringen.

Sind die Piloten heute besser auf Entführungen dieser Art vorbereitet?

Bei der Türkei war es so, dass der Pilot aus dem Cockpit geflüchtet ist, als die Maschine gelandet war. Das ist einerseits sicherlich eine clevere Tat gewesen, denn so war niemand mehr da der das Flugzeug fliegen konnte. Aber genau deswegen wird ihm heute der Prozess gemacht und er muss darum fürchten, dass ihm die Lizenz abgenommen wird. Ein Standardrezept gibt es nicht. Auf jeden Fall sind Piloten nach dem 11. September maßgeblich geschult worden, wie sie sich in Zukunft bei einem solchen Fall zu verhalten haben. Vorher galt die Devise, die Forderungen zu erfüllen, Ruhe zu bewahren und eine Eskalation zu vermeiden. Das hat sich seit dem 11. September geändert. Heute sind Piloten angehalten die Maschine sofort zu landen. Und vor allem auch die Behörden zu informieren, was dazu führen kann, das so ein Flugzeug dann im Zweifelsfall abgeschossen werden kann.

Und auf technischer Seite?

Heute sind die Cockpittüren verstärkt - das Cockpit ist so etwas wie ein Tresor. Die Piloten sind auch dazu angehalten, selbst wenn Besatzungsmitglieder oder Passagiere bedroht werden, diese Tür nicht zu öffnen, sondern das Flugzeug sofort zu landen. Das ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Auch im Bereich der Technologien, die Bomben und Waffen erfassen können, ist etwas getan worden. Aber es ist nicht unbedingt gesagt, dass Entführer diesen Weg gehen und die Betriebsmittel, die sie brauchen, selber an Bord bringen. Es sind Fälle bekannt geworden, wo Personal in sicherheitssensiblen Bereichen Verbindungen zu Terrorstrukturen aufgewiesen hat. Zum Beispiel für Reinigungspersonal oder Mechaniker ist es relativ einfach das notwendige Werkzeug an Bord eines Flugzeugs zu bringen. Diese so genannten Schläfer, die schon lange im Bereich eines Flughafens oder einer Airline arbeiten, sind die größte Gefahr.

Wie sollten Flugpassagiere sich verhalten, sollte es wirklich zu einer Bedrohung kommen?

Auch das ist ein sehr zweischneidiges Schwert. Einerseits hat sich gezeigt, dass der einzige Weg, um aus dieser bedrohlichen Lage herauszukommen, das gewesen ist, was die Passagiere der vierten am 11. September entführten Maschine getan haben. Sie haben das Cockpit gestürmt und die Entführer in der Maschine überwältigt. Nur erfordert das eine Menge Mut und auch eine richtige Einschätzung der Situation. Nicht auszudenken was passiert, wenn jemand, der zum Beispiel unter Klaustrophobie leidet und plötzlich auffällig wird, von der Mehrheit der Passagiere überwältigt wird. Auch dazu ist es bereits einmal gekommen, es wurde ein Passagier an Bord eines Flugzeuges zu Boden gedrückt und ist dabei erstickt.

Ist die Gefahr für Flugzeugentführungen im Stile des 11. Septembers noch sehr konkret?

Ich denke, die Gefahr ist immer da und Terror ist ein Phänomen mit dem wir uns heute mehr den je beschäftigen müssen. Es gibt kein Allheilmittel dagegen, eine hundertprozentige Sicherheit wird es nicht geben. Genauso wie sich auf der einen Seite Sicherheitsexperten neue Präventionsmaßnahmen ausdenken, um Flugzeugentführungen zu verhindern, denken auf der anderen Seite Terrorlogistiker darüber nach, wie sie diese umgehen können oder wie sie eine andere so große Aufmerksamkeit erregende Aktion durchführen können. Das Risiko fliegt weiter mit.

Tim Van Beveren ist Pilot und TV-Journalist. Er veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema Flugsicherheit, u.a. "Das Risiko fliegt mit - die versteckten Gefahren im Flugverkehr"

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