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Musik

Schimmel bedroht historische Orgeln

Experten rätseln und suchen nach Gründen, warum vor allem in Ostdeutschland immer mehr Orgeln von Schimmel befallen werden. Die Beseitigung ist teuer und stellt die Kirchen vor große Probleme.

Sie hört sich wunderbar an, die alte Ladegast-Orgel des Merseburger Doms im Süden Sachsen-Anhalts. Michael Schönheit sitzt auf der Empore am Fuße des riesigen Instruments, seine Finger fliegen über die Tasten, ab und an zieht der Organist an den links und rechts angebrachten Registern. Fast 5700 verschieden große Pfeifen kann er so aktivieren. Schönheit, Anfang 50, kennt die Orgel aus dem 19. Jahrhundert wie kaum ein Zweiter. Berühmte Klavier- und Orgelkomponisten saßen vor ihm an diesem imposanten Instrument, und trotz einiger Umbauten zu DDR-Zeiten ist vieles im Original erhalten. Der Musikvirtuose Franz Liszt hat sie gespielt und nach seinen Vorstellungen ist die Orgel von Friedrich Ladegast gebaut worden. "Das abgetretene Holz, auf dem man zur Orgel geht, da haben die Füße von Franz Liszt drauf gestanden“, berichtet Michael Schönheit stolz. So etwas Ursprüngliches finde man heute kaum noch, selbst in Kirchen nicht. "Hier atmet man noch Geschichte“, schwärmt der Organist.

Spuren der Zeit

Seit einigen Jahren allerdings steht dieser "Atem der Geschichte" im Verdacht, nicht mehr wirklich sauber zu sein. Schimmel macht sich im Inneren der Orgel breit - seit wann weiß eigentlich keiner so genau. Da beim Spielen viel Luft durch das Instrument auch nach Außen transportiert wird - Experten sprechen vom "Orgelwind" - können sich Sporen in der Kirche verteilen. Entdeckt wurde das Problem im Merseburger Dom erstmals vor knapp 20 Jahren, zu Beginn der Restaurierung. "Beim Abbau des Pfeifenwerks 1994 haben wir das bemerkt“, so Schönheit.

Merseburg, Sachsen-Anhalt, Dom

Merseburger Dom

Auf Handschuhe und Schutzmaske mag der Organist vorerst verzichten. Woher der Schimmel nun genau kommt und wie man ihn dauerhaft wieder los wird, da rätselt nicht nur er. Die Evangelische Landeskirche im benachbarten Bundesland Sachsen etwa schätzt, dass rund ein Drittel der 1.500 Orgeln im Freistaat betroffen sind. Auch Kirchenbeauftragte anderer Bundesländer berichten immer häufiger von Schimmelbefall. Christoph Rühle kennt das Problem sehr genau. Der Orgelbauer in Mitteldeutschland war schon oft dabei, wenn Instrumente restauriert und dafür geöffnet wurden. "Wenn sie in den vergangenen Jahrzehnten wenig Pflege bekommen haben, dann findet man da sehr schnell Schimmel“, weiß Rühle.

Im Inneren vieler alter Orgeln sind Naturmaterialien wie Holz, Leder oder Filz verbaut. Dort setzen sich die Sporen besonders gern fest. Schimmelbefall habe es mit Sicherheit schon früher gegeben, so der Orgelbauer, aber bei weitem sei dieser damals nicht so schlimm gewesen wie heute. Er vermutet verschiedene Ursachen. Hauptproblem im Osten sei es, dass sich die Kirchennutzung verändert hat. "In vielen Kirchen ist nur noch alle vier Wochen Gottesdienst, dazwischen wird nicht gelüftet, und dadurch entsteht ein schlechtes Kleinklima“, meint der Experte. Hinzu kommt, dass nach der politischen Wende 1989 viele ostdeutsche Gotteshäuser gründlich saniert wurden. Fenster wurden abgedichtet, Türen erneuert und Heizungen eingebaut. "Dadurch wird der Schimmelbefall erheblich begünstigt“, erklärt Rühle.

Instandsetzung nicht ganz einfach

Ist die Orgel erst einmal befallen, kann es teuer werden. Selbst eine kleinere Dorforgel zu reinigen kann bis zu 25.000 Euro kosten. Bei größeren sind es schnell 50.000 oder 60.000. Vielen Gemeinden fehlt dafür das Geld. Auch die Kirchen können es nicht aufbringen. Ihr Jahresbudget für Sanierung und Restaurierung wäre schnell aufgebraucht, so Christoph Zimmermann, Fachreferent für Orgeln der Landeskirche Thüringen. "Es gibt einen Orgelfonds, davon können Arbeiten unterstützt werden." Aber diese Mittel würden nicht für die Schimmelbeseitigung aufgewendet, so der Kirchenmann.

Kirchenmusiker Andreas Immekeppels an seiner Kirchenorgel in der St. Peter Kirche. 20.10.2013 in Bonn-Vilich vor der St. Peter-Kirche. zugeliefert und fotografiert von: Christian Ignatzi

Durch Schimmelsporen gefährdet: Die Organisten

Christoph Rühle ist der Meinung, dass schnell gehandelt werden müsse, denn der Schimmel sei nicht nur ein hygienisches Problem, er könne sogar den Klang der Orgel verändern. Im schlimmsten Fall, wenn er sich in der sogenannten Kernspalte festsetzt und diese verstopft, verstummen die Pfeifen sogar ganz. "Die ganze Mechanik ist betroffen, es gibt bewegliche Teile im Inneren der Orgel, die blockiert werden.“ Gleichzeitig sei es ein Problem für den Organisten und die gesamte Gemeinde, weil bei jedem Spielen die Sporen in der Kirche verteilt werden. Dabei, so der Orgelbauer, können sogar Kirchenbesucher erkranken.

Olf Herbarth bezweifelt das. Der Professor für Umweltmedizin an der Uni Leipzig ist Experte für Schimmel aller Art und meint, "Kirchen sind in der Regel große Gebäude, in denen sich der Schimmel weiträumig verteilt.“ Tatsächlich könne es bei vermehrter Sporenbildung zu Reaktionen kommen. Vorgeschädigte Besucher und Kinder sollten aufpassen. "Es können mal Halsschmerzen oder ein Husten auftreten. Die Menschen sind dann aber nicht gleich krank!“ Ein Problem sieht Herbarth eher für den Organisten, falls dieser den Orgelwind direkt abbekommt. "Wenn das so ist, muss mit der Orgel was passieren.“

Nicht nur in Ostdeutschland

Kirchenorgel 23929814 Siegmar - Fotolia 2010

Europaweit sind Orgeln betroffen

Schimmel in Orgeln ist nicht nur in Deutschland ein Problem, erklärt Gesa Graumann: "Das tritt auch immer häufiger in anderen europäischen Ländern auf“. Graumann arbeitet für den renommierten Bonner Orgelbauer Johannes Kleis. “Wir haben gerade in England eine Orgel begutachtet und massiv Schimmel festgestellt", so Graumann. In den meisten Fällen sei es die starke Feuchtigkeit in den Innenräumen, dazu die zunehmende Isolierung der Kirchenhäuser. "In den letzten 15 Jahren hat das Problem auf jeden Fall zugenommen“, bestätigt sie. Das Einzige was helfe, sei die befallenen Oberflächen mit konzentriertem Alkohol abzuwaschen. Ihre Mitarbeiter tragen dabei Schutzkleidung und Atemmasken.

Konkrete Messungen sind selten und teuer. Für den Merseburger Dom existiert zumindest ein Gutachten. Das besagt, so Michael Schönheit, dass es sich bei der Ladegastorgel um einen harmlosen Schimmel handelt. "Wir müssen der Sache einfach behutsam begegnen und diesem Schimmel eben immer wieder zu Leibe rücken.“